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Jean-Marie Pfaff stand von 1982 bis 1988 im Tor des FC Bayern München © SPORT1-Grafik: Philipp Heinemann/Getty Images

München - Ex-Nationalkeeper Jean-Marie Pfaff analysiert bei SPORT1 das Viertelfinal-Aus der Belgier. Besonders Coach Wilmots und Keeper Courtois bekommen ihr Fett weg.

Während die Tränen bei den belgischen Fans noch immer nicht getrocknet sind, konnte Jean-Marie Pfaff am Samstag schon wieder die Gedanken sammeln und über das sprechen, was da am Freitag passiert war. Belgiens Aus bei der EM durch das bittere 1:3 gegen Wales im Viertelfinale hatte aber auch ihn merklich getroffen.

"Ich bin nicht geschockt, aber tief traurig, dass es nicht geklappt hat. Es ist keine kleine Enttäuschung, sondern eine riesengroße", sagte der frühere belgische Nationaltorhüter und Keeper des FC Bayern im Gespräch mit SPORT1.

Prophezeiung von Pfaff

Er ergänzte: "Ich habe schon vor der EM gesagt: Wenn du mit dieser Mannschaft nicht mindestens ins Halbfinale kommst, dann sollen sich die Spieler einen anderen Job suchen. Alle spielen bei großen Klubs im Ausland. Die Spieler sind nur gut, wenn die Mannschaft gut ist."

Ausgerechnet in der Hauptstadt von Französisch-Flandern zerplatzten alle Titelträume der Roten Teufel.

Dabei war die Zuversicht vor dem Turnier so groß. "Jeder", so Pfaff, "war überzeugt, dass wir im Finale gegen Deutschland spielen. Der Weg dahin war doch offen. Gegen Portugal kannst du gewinnen. Aber so ist Fußball. Fußball ist sehr schön, aber auch sehr hart."

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Rüffel für Courtois

Ein Hauptgrund für die Blamage war für Pfaff schnell gefunden: "Ich habe keinen Spieler gesehen, der dirigierte und seine Kollegen mitriss. Jeder schaut nur auf sich. So geht das nicht." Pfaff legte den Finger in die Wunde.

Sauer stieß dem Ex-Torhüter auch das Verhalten von Keeper Thibaut Courtois auf.

Der hatte nach Spielschluss indirekt seinen Trainer Marc Wilmots attackiert: "Wir hatten die gleiche taktische Aufstellung wie gegen Italien - und wieder hat es nicht funktioniert."

Für Courtois stand fest, dass es kein Zufall war, dass die Belgier sich wie schon in der EM-Qualifikation (0:0, 0:1) am herrlich selbstbewusst aufspielenden Underdog die Zähne ausbissen.

"Im Tor stehen, Tore kassieren und später dann sagen, dass man hätte anders spielen sollen, das ist nicht okay", schimpfte Pfaff.

Courtois hätte seiner Meinung nach eher auf dem Platz den Mund aufmachen sollen: "Er müsste viel mehr dirigieren und mit seinen Vorderleuten sprechen."

Und einmal in Fahrt, legte Pfaff richtig los: "Wir haben super Spieler mit individueller Klasse, aber wir haben keine Mannschaft. Die Spieler fühlen sich wie Könige, haben in den vergangenen Jahren sehr viel Geld in ihren Klubs verdient, und sie leben in ihrer eigenen Welt, wo sie nicht wissen, was Probleme sind. Das Soziale im Fußball ist weg, alles ist nur noch scheinheilig."

Van Marwijk für Wilmots?

Nicht einverstanden war Pfaff auch mit der Reaktion von Wilmots. "Vor einer Woche sagte er, dass alles feststeht mit seiner Zukunft, jetzt meinte er, dass er nachdenken muss. Er muss tun, was er tun muss. Ich glaube, dass Bert van Marwijk kommt, wenn Wilmots aufhört."

Wilmots habe "viel Kritik bekommen, hat auch gesagt, dass er auf die Spieler hören muss. Doch er muss selbst entscheiden. Er hat noch einen Vertrag bis 2018, warum reden wir jetzt darüber?"

Wilmots könne froh sein, so Pfaff, "dass er den Job als Nationaltrainer hat. Wenn er einen Plan hat, dann soll er bleiben. Wenn ich sage ich bin vier Jahre Trainer, dann bleibe ich. Früher hat ein Trainer die Mannschaft gemacht, heute macht die Mannschaft den Trainer."

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