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SPORT1 Direktor Digital Ivo Hrstic wirft einen kritischen Blick auf die EM 2016 © SPORT1/Getty Images

München - Die EURO 2016 in Frankreich ist vorbei und das ist gut so. Das erhoffte Fußball-Fest gleicht einer schlecht besuchten Bad Taste Party mit falschem Motto. "Huh!", ich bin froh, dass es vorbei ist. Eine EM zum Vergessen.

Das Turnier war überwiegend geprägt von Langeweile und spielerischer Armut. Zu viele Spiele, zu wenig Tore und zu wenig Emotionen. Das Fazit ist ernüchternd, trotz positiver Farbtupfer wie Island und Wales. Ein Großteil der Teams agierte zurückhaltend und destruktiv, die Folge einer zähen Gruppenphase, die neben zu vielen mittelmäßigen Mannschaften selbst Spitzenteams zum Abwarten und Kräfteschonen nötigte. Dieser EM-Mogel-Modus ist Schwachsinn und muss schnell wieder weg!

Ich gratuliere Portugal zum verdienten EM-Titel. Neben Cristiano Ronaldo freut es mich besonders für Trainerfuchs Fernando Santos, der im Stile eines spitzfindigen Rechtsanwalts alle Winkelzüge und Schwächen des verkorksten EM-Systems ausnutzte.

Der Portugiese bescherte den UEFA-Funktionären den Europameister, den sie auch verdient hatten. Santos ließ in der Vorrunde Ergebnisse verwalten, schonte überspielte Superstars wie Ronaldo und Nani so gut es ging, ließ dann selbst in der K.o.-Phase eine offensivstarke Mannschaft taktisch klug verteidigen, um dann im Finale auf einen Lucky Punch zu hoffen. Santos' Strategie ging voll auf, das hat Respekt verdient!

Portugal steht deshalb sinnbildlich für die aktuelle Perversion des modernen Fußballs. Nahezu jeder, zur Not auch neue, Wettbewerb wird Jahr für Jahr in einem unerträglichen Maße aufgebläht. Mehr Masse statt Klasse - unter diesem Motto kommen Spitzenfußballer systembedingt mittlerweile auf bis zu über 70 (!) Pflichtspiele pro Saison. Die Folgen sind Überspielung, Leistungsabfall und eine erhöhte Verletzungsanfälligkeit.

Der Ausblick in die nahe Zukunft macht wenig Hoffnung. Die WM 2018 in Russland wird eher Spielball der Weltpolitik als ein Fest für echte Fußballfans. Die erste paneuropäische EM 2020 (13 austragende Länder) wird ein Turnier der weiten Wege ohne echtes Gastgeber-Kolorit. Und die Weltmeisterschaft 2022 in Katar, womöglich schon mit 40 Teilnehmern, bedeutet die ultimative Zerreißprobe für den Weltfußball. Wir erleben eine WM bei Glühwein und Spekulatius, organisiert von einem reichen Wüstenstaat, in dem ethische Grundsätze und Menschrechte vorsichtig formuliert nur eine Reservistenrolle spielen. So geht der Fußball kaputt!

Die Abkehr von dieser Entwicklung ist schwer, aber durchaus möglich. Der Impuls kann nur durch das sinkende Interesse der Fans kommen. Sollte der großen Masse Lust und Spaß am immer künstlicher werdenden Spektakel Fußball vergehen, dann ist auch schnell wieder ein Umdenken bei den Fußball-Funktionären denkbar.

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