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Lucien Favre gewann 2007 den Schweizer Meisterpokal u.a. mit  Xavier Margairaz (im kleinen Bild l.) und Blerim Dzemaili

Ohne den FC Zürich wäre Lucien Favre nicht in der Bundesliga. Und nicht der Trainer, der er heute ist. Sagt Favre über Favre.

Von Borussia Mönchengladbach berichten Andreas Reiners & Mike Lukanz

Zürich - Lucien Favre hatte alle Hände voll zu tun.

Hier ein alter Bekannter, dort ein ehemaliger Weggefährte. Ein Schwätzchen hier, eine Umarmung oder ein Lächeln dort. Der Schweizer fühlte sich bei seiner Rückkehr nach Zürich sichtlich wohl.

Es kommt zwar nach außen hin selten vor, dass er ins Schwärmen gerät. Doch Favre vergisst nicht. Im Positiven wie im Negativen. Und mit dem FC Zürich verbindet der 57-Jährige nun mal "vier fantastische Jahre, die ich nie vergessen werde".

Deshalb schließt sich für den Trainer von Borussia Mönchengladbach heute im zweiten Gruppenspiel der Europa League beim FCZ (ab 20.50 Uhr im LIVE-TICKER) auch ein Kreis. Mit dem Wissen verwundert es nicht, dass Favre ohne Umschweife eine Liebeserklärung abgibt.

"Ohne den FC wäre ich nicht in der Bundesliga. Und nicht der Trainer, der ich heute bin?, sagte er jüngst.

Fußball-Professor, Fußball-Verrückter

Favre gilt als Fußball-Professor, Fußball-Verrückter, aber vor allem: als Fachmann. Ehrgeizig, Realist. Bisweilen zu sehr. Deshalb auch nach Siegen oft kritisch. Er ist mit einer beeindruckenden Akribie immer auf der Suche nach der Perfektion des Spiels. Auch im Wissen, dass es das perfekte Spiel nicht gibt.

Oft kommt es vor, dass er mitten in einem Gespräch ein Blatt Papier zur Hand nimmt und seine Vorstellungen vom Fußball, seiner Philosophie, kurzerhand mit einem Stift veranschaulicht. Dann parliert er von der Taktik der brasilianischen WM-Elf von 1970 oder dem Stellungsspiel des AC Mailand unter Arrigo Sacchi.

Favre kann vor allem aber auch ein Dickkopf sein. Ein Perfektionist eben. Manchmal so sehr, dass er lange abwägt, überlegt und bisweilen zaudert, ehe er potentiellen Zugängen zustimmt. So kann er Mitarbeitern im Verein bisweilen den Nerv rauben - und dennoch gibt es wenige, die nicht in höchsten Tönen von ihm schwärmen.

Sprachliche Barrieren

Der 57 Jahre alte Bauernsohn aus Saint-Barthélemy, grau meliert und immer höflich, hat sich nicht erst als Trainer beim FC Zürich zwischen 2003 und 2007 und nach seinem anschließenden Wechsel zu Hertha BSC den Ruf eines Gentlemans erarbeitet. Einer, der jeden Mitarbeiter in der Geschäftsstelle begrüßt, der nach Interviews mit Reportern die Hand schüttelt und "Merci" sagt.

Favre habe sich verändert, bestätigen Beobachter aus seiner Schweizer Amtszeit. Sei nicht mehr so unsicher wie früher, habe sich mehr geöffnet.

Damals hatte er vor allem mit sprachlichen Barrieren zu kämpfen. ?In meiner Karriere spielte ich nur in der Westschweiz und in Frankreich, und es fiel mir schwer, Schweizerdeutsch zu verstehen?, erklärte er.

Favre hat sich während seiner nunmehr fast vier Jahre bei der Borussia auch in der deutschen Sprache immer besser zurechtgefunden, nachdem er sich nach seiner Entlassung in Berlin 2009 auf Pressekonferenzen unglücklich äußerte. Auch diese Zeit hat ihn geprägt.

Seltenes Selbstlob

Noch seltener als offene Schwärmerei kommt es aber vor, dass Favre sich selbst lobt. Doch er mache auch mit 57 immer noch Fortschritte, habe immer noch Potenzial.

"Das ist meine beste Qualität. Ich habe mich in Bereichen entwickelt, in denen ich dachte, sie seien gar nicht meine Stärke", sagte er der "Neuen Zürcher Zeitung".

Wie Vertrauen in sich selbst und seine Kommunikation. Es fällt ihm inzwischen leichter, mit Spielern zu reden. Und er wisse inzwischen auch, wie wichtig das sei.

Favre macht die Spieler besser

In der Tat: Nicht umsonst erzählen bei der Borussia praktisch alle Spieler, dass er sie besser mache. Marco Reus lehrte er, im richtigen Moment den Haken zu schlagen und dabei den Gegenspieler zu tunneln. Dante brachte er bei, das Gewicht auf die Zehenspitze zu verlagern, um beim Sprint den vielleicht entscheidenden Zehntel Vorsprung zu haben.

Favre weiß, dass es im verwissenschaftlichen Profifußball die kleinen Details sein können, die über Sieg und Niederlage entscheiden. Deshalb macht er seine Mannschaften besser. "Es klingt überheblich, aber mein Erfolg ist keine Überraschung". Ein solcher Satz klingt wohl nur bei Favre nicht überheblich.

Der Erfolg begann in Zürich

Im Grunde war er als Trainer schon immer so. Auch in Zürich, wo er 2003 bei seinem Amtsantritt eine komplett neue Mannschaft aufbauen musste.

Mit einem Budget im einstelligen Millionenbereich, dem großen Rivalen aus Basel deutlich unterlegen. Auch damals machte er seine Mannschaft besser. Machte viel aus bescheidenen Möglichkeiten.

Bis 2007 wurde Favre mit dem FCZ nach 25 titellosen Jahren zweimal Meister und einmal Pokalsieger. Mit einem Altersdurchschnitt von 21 Jahren.

Geschichte wiederholt sich

Rund um den Letzigrund schwärmt man deshalb noch heute gleichermaßen vom Trainer und vom Menschen Favre. Und wenn man so will, wiederholt sich für ihn in Gladbach die Geschichte.

2011 rettete er die Borussia aus aussichtloser Lage in der Relegation vor dem Abstieg. In den Jahren danach folgten Platz vier, acht und zuletzt Rang sechs.

Personelle Verluste wie Reus, Dante, Roman Neustädter oder Marc-Andre ter Stegen fing die Borussia dank Favre und Manager Max Eberl mit geschickten Transfers wie Max Kruse, Andre Hahn, Ibrahima Traore, Raffael oder Christoph Kramer auf.

Und wenn man so will, kehrt er nun auf dem vorläufigen Höhepunkt seines Schaffens in Gladbach nach Zürich zurück.

Denn Favre kann dank des nun auch qualitativ breiten Kaders endlich rotieren. Sein System vom blitzschnellen Umschaltspiel, verbunden mit viel Ballbesitz, perfektionieren. Und die Einsätze seiner Leistungsträger in den englischen Wochen wohl dosieren.

Erfolgreich wie zuletzt vor 39 Jahren

Mit Erfolg: Die Borussia ist vor ihrem zweiten Gruppenspiel in dieser Saison noch ungeschlagen, inklusive Pokal und Europa League seit immerhin zehn Spielen. Das gelang zuletzt vor 39 Jahren.

Unter Udo Lattek wurde die Borussia am Ende der Saison 1975/76 Meister. 2014 ist Gladbach als Tabellenzweiter dann auch erster Bayern-Verfolger.

Doch Favre wäre nicht Favre, wenn er nicht Schritt für Schritt, von Spiel zu Spiel denken würde. Immerhin hat er diesen Spruch in Gladbach zum Mantra gemacht.

Intensiv beschäftigt hat er sich mit dem nächsten Gegner allerdings erst seit ein paar Tagen, auch wenn er mit sieben, acht Spielern noch Kontakt hat. Trotzdem wird er bestens vorbereitet sein.

Wie es sich für einen detailversessenen Fußball-Verrückten gehört.

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