SPORT1-Experte Stefan Kretzschmar sieht die Wildcard für Deutschland mit gemischten Gefühlen. Das Chaos in der Liga ärgert ihn.

Hallo Handball-Fans,

in letzter Zeit wusste ich tatsächlich nicht, über welches Thema ich mich zuerst aufregen soll. Es ist unfassbar, wie viele negative Schlagzeilen unser Sport in den vergangenen Wochen produziert hat.

Die Wildcard für die WM in Katar sieht man als Deutscher mit gemischten Gefühlen. Auf der einen Seite freust du dich, dass dein eigenes Land dabei ist. Auf der anderen Seite hast du bei einer WM nichts zu suchen, wenn du dich sportlich nicht qualifizierst.

Die Qualifikation nachträglich zu bekommen, ist für uns deutsche Handball-Fans zwar schön, aber es bleibt ein fader Beigeschmack. Ich kann jedenfalls andere Nationen und Verbände verstehen, die darüber nicht so begeistert sind.

Es ist klar, dass finanzielle Aspekte der Grund dafür waren. Wenn man hört, dass Handball aus dem olympischen Programm fliegen könnte, weil nicht zuletzt die deutschen TV-Quoten ohne deutsche Beteiligung fehlten, weiß man, wie wichtig der deutsche Markt ist.

Von daher war es für mich eine rein ökonomische Entscheidung, damit der Handball den Stellenwert behält oder sogar ausbaut. Mit der Wildcard hat der Weltverband einen Weg gefunden, wie man Deutschland doch noch nach Katar kriegt.







In großen Sportarten wie Fußball, Handball und Basketball sind die Vereine und Verbände mittlerweile Wirtschaftsunternehmen. In vielen Bereichen kann man es daher darauf reduzieren, dass es nur noch ums Geld geht. Und das macht die Sache anrüchig.

Für den DHB bedeutet die WM-Teilnahme natürlich, dass man sich mit der Bundestrainer-Suche nicht ewig Zeit lassen darf. Der neue Trainer muss im Hinblick auf die WM jetzt schon die Mannschaft vorbereiten und seine Ideen verwirklichen können. Deswegen muss der Prozess beschleunigt werden und spätestens im August der neue Bundestrainer gefunden sein.

Auch in der Bundesliga überschlagen sich die Ereignisse. Ich kenne nicht alle Details in dem Verfahren, das den HSV betrifft. Doch ich finde es sehr unglücklich, dass die Liga dieses Jahr mit 19 Mannschaften spielt. Dieses Chaos hätte nicht sein müssen.

Hamburg und Balingen bleiben jetzt drin - das muss man akzeptieren, und ich kann die Beweggründe beider Vereine verstehen. Dennoch ist diese Situation weit weg vom Optimum. Einige Verantwortliche in der Liga haben in den letzten Wochen einen sehr unglücklichen Eindruck gemacht.

Bei Martin Schwalb bin ich einfach froh, dass es ihm wieder besser geht. Das ist das Einzige, was wichtig ist. Ich habe ihn am Tag nach der Operation angerufen und er sagte mir, dass die OP nicht einfach war und er viel Glück hätte. Er fühlte sich aber gut und konnte schon wieder Scherze machen.

Mit Christian Gaudin, seinem Nachfolger als HSV-Trainer, habe ich selbst noch gespielt. Als Spieler war er ein verbissener, ehrgeiziger Torwart, der ein wenig kritikunfähig war. Wie er sich als Trainer schlägt, kann ich nicht beurteilen. In Frankreich hat er aber eine Mannschaft aus der zweiten Liga in die Eliteliga geführt und dort gut etabliert. Ob er in Deutschland ähnlich erfolgreich ist, wird die neue Saison zeigen.

Jetzt hoffe ich aber erst einmal, dass es nun endlich vorbei ist mit den Negativ-Schlagzeilen im Handball.

Bis zum nächsten Mal,

Euer Kretzsche

Stefan Kretzschmar ist seit 2009 als Experte und Co-Kommentator das Handball-Gesicht von SPORT1. Der neben Heiner Brand wohl bekannteste deutsche Handballer hat in 218 Länderspielen 817 Tore für den DHB erzielt, gewann unter anderem Olympia-Silber in Athen 2004. In der Bundesliga war der ehemalige Weltklasse-Linksaußen für den SC Dynamo Berlin, Blau-Weiß Spandau, den VfL Gummersbach und zuletzt den SC Magdeburg aktiv, mit dem er 2002 die Champions League gewann. Bei SPORT1.de analysiert "Kretzsche" wöchentlich in seiner Kolumne das Handball-Geschehen.

teilentwitternteilenE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel