Für SPORT1-Kolumnist Daniel Stephan war die EM der Frauen ein klarer Rückschritt. Er fordert eine knallharte Problem-Analyse.

Hallo Handball-Fans,

Die Bilanz der Europameisterschaft der Frauen fällt aus deutscher Sicht enttäuschend aus.

Die Spielerinnen hatten vor der EM Medaillenhoffnungen geäußert. Jetzt muss man eindeutig sagen: Von einem Platz unter den ersten Dreien waren sie meilenweit entfernt.

Vor allem, weil sie sich viel zu viele Fehler erlaubt haben - technische Fehler im Angriffsspiel, wo auch die Durchschlagskraft und die Struktur gefehlt haben. So viele Fehler habe ich selten auf Top-Niveau gesehen.

In den vergangenen Jahren ging es fast stetig voran, aber diese EM war ein klarer Rückschritt.

Schon in der Vorbereitung gegen Rumänien hatte sich das angedeutet, da lief es alles andere als gut. Im Turnier konnten die Deutschen dann den Schalter nicht umlegen. Das erste Spiel gegen die Niederlande war sicherlich ein Knackpunkt. Diese Niederlage hat der Mannschaft viel Selbstbewusstsein geraubt. Von da an war eine Verunsicherung in den Köpfen, die im weiteren Verlauf der EM kaum abgestellt werden konnte.

Der Ausfall von Susann Müller hat sein Übriges getan. Das einzige Spiel mit ihr wurde gewonnen, die Deutschen sind zu sehr von ihr abhängig. Warum gibt es keine andere starke Linkshänderin auf rechts? Wo sind die Alternativen? Dass ein Angriffsspiel ganz ohne Linkshänderin kaum funktionieren kann, ist für mich offensichtlich.

Normalleistung haben bei dieser EM eigentlich nur die beiden Rechtsaußen, Svenja Huber und Marlene Zapf, sowie mit Abstrichen unser Torhütergespann, Clara Woltering und Katja Schülke, gezeigt. Der Rest war von seinem maximalen Leistungsvermögen weit entfernt, im Angriff noch mehr als in der Abwehr.

Man muss sich jetzt zusammensetzen und eine knallharte Analyse machen. Sind wir doch nicht so stark? Sind wir zu sehr abhängig von Susann Müller? Was sind die Ursachen für die vielen Fehler? Müssen wir unser Angriffskonzept ändern? Jeder muss sich hinterfragen, Spielerinnen wie Trainer.

Dass der Vertrag mit Coach Heine Jensen bis 2017 verlängert wurde, zeigt, wieviel Vertrauen das Präsidium des Deutschen Handball-Bundes in ihn hat. Die letzten Jahre haben gezeigt, dass es in die richtige Richtung geht. Da wurde einiges richtig gemacht.

Weil es jetzt nicht so gut lief, dürfen wir nicht gleich in Panik verfallen, sondern sollten die richtigen Schlüsse aus dem Ausscheiden ziehen und daran arbeiten, dass beim nächsten Mal weniger Fehler gemacht werden.

Bis zum nächsten Mal,

Euer Daniel

SPORT1-Experte Daniel Stephan, 41, hat 183 Länderspiele für Deutschland absolviert. Der erste deutsche Welthandballer (1998) wurde mit dem TBV Lemgo 1997 und 2003 Deutscher Meister sowie 1995, 1997 und 2002 DHB-Pokalsieger. Mit der Nationalmannschaft gewann der Rückraumspieler unter anderem 2004 die Europameisterschaft und Silber bei Olympia in Athen. Von 1997 bis 1999 wurde er dreimal in Folge zum Handballer des Jahres gewählt.

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