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Rolf Brack trainierte neun Jahre lang den HBW Balingen-Weilstetten.

Schweiz-Coach Rolf Brack spricht bei SPORT1 über Dagur Sigurdssons Taktik, Gegenmaßnahmen und Ansagen des deutschen Handballs.

Rolf Brack kennt den deutschen Handball aus dem Eff-eff.

Es gibt kaum einen Trainer in der DKB HBL, der den 60-Jährigen nicht zum Ausbilder hatte. Zudem coachte der Professor für Sportwissenschaft fast neun Jahre lang den HBW Balingen-Weilstetten.

Seit Dezember vergangenen Jahres ist Brack Nationaltrainer der Schweiz - dem kommenden Testspielgegner des DHB-Teams.

Sigurdsson studiert

Für die junge deutsche Mannschaft geht's zum Debüt des neuen Bundestrainers Dagur Sigurdsson am Samstag in Göppingen und am Sonntag in Ulm (ab 17 Uhr LIVE im TV auf SPORT1) jeweils gegen die Eidgenossen.

Nach langem Hin und Her um die Neubesetzung des Cheftrainerpostens wird der Coach der Füchse Berlin von Anfang an unter besonderer Beobachtung stehen. Das weiß auch sein Gegenüber, der den Handball des Isländers genau studiert hat.

Bei SPORT1 spricht Brack über taktische Vorlieben Sigurdssons, Gegenmaßnahmen und Visionen des deutschen Handballs.

SPORT1: Herr Brack, es geht gegen ein DHB-Team mit neuem Bundestrainer. Was ist Dagur Sigurdsson für ein Typ Coach?

Rolf Brack: Ich habe 95 Prozent der Bundesligatrainer selbst ausgebildet. Auf Sigurdsson trifft das nicht zu. Er hat seine Expertise aus Island mitgebracht. Er ergreift unkonventionelle, mutige und innovative taktische Maßnahmen. Er coacht sehr aktiv. Und er bringt von seiner Ausstrahlung und Mentalität her, wie alle Isländer, einen unglaublichen Siegeswillen mit.

SPORT1: Sie müssen ihn ja genau studiert haben. Welchen Handball lässt er spielen?

Brack: Seine Handschrift wird schon gegen uns deutlich werden. Ich erwarte, dass die Abwehr sehr aggressiv und tempogegenstoßorientiert agieren wird. Die Kreisläufer werden sich sehr breit positionieren und mit den Außen versuchen, im Angriff etwas zu bewegen. Das Spiel mit leichten Toren, sprich der Gegenstoß, wird aber der Schwerpunkt sein.

SPORT1: Sie sprechen mutige Entscheidungen an. Was heißt das konkret?

Brack: Ich kann mich an ein Europapokalspiel erinnern, in dem Berlin gegen Leon einen Zehn-Tore-Rückstand aus dem Hinspiel zu Hause mit einem fast pausenlos eingesetzten siebten Feldspieler umgebogen hat. Er spielt zudem gerne mit zwei Kreisläufern, die das Angriffsspiel breit machen. Es wird sehr interessant zu sehen sein, was er uns am Wochenende bieten wird.

SPORT1: Und wie stellen Sie Ihr Team auf Sigurdssons' Deutschland ein?

Brack: Ich muss auf wichtige Spieler verzichten. Nun fallen auch noch Lukas von Deschwanden und Marvin Lier aus. Deshalb muss ich mich auf wenige, wesentliche Dinge konzentrieren, das heißt zu 95 Prozent auf die Deckung. Wir werden diese sehr aggressiv und flexibel spielen, so dass der normale Zuschauer gar nicht erkennt, ob jetzt eine 6:0-, 5:1- oder 3:2:1-Abwehr auf dem Feld steht. Wir sind nicht so realitätsfern, um auf einen Sieg zu hoffen. Uns geht es darum, Fortschritte in unserem Spiel zu erkennen.

SPORT1: Dabei treffen Sie auf eine vermeintlich unerfahrene deutsche Mannschaft. Zuletzt hat Routinier Holger Glandorf seinen Rücktritt erklärt.

Brack: Für mich ist das ein Jammern auf hohem Niveau. Alle Spieler, die für Deutschland auflaufen, spielen in der besten Liga der Welt. In der Regel auch einen guten Part, wenn ich an den Göppinger Tim Kneule denke oder auch die Müller-Brüder. Da ist sehr gutes Potenzial im Rückraum vorhanden. Die große Stärke liegt aber auf den Außenpositionen. Patrick Groetzki und vor allem Uwe Gensheimer sind absolute Weltklasse. Deutschland hat zudem die besten Torhüter weltweit. Und dann noch die Abwehr mit den Kreisläufern. Paul Drux und Fabian Wiede aus Berlin kennen zudem Sigurdssons' taktisches Konzept und werden beweisen, wie gut Deutschland im Nachwuchs aufgestellt ist.

SPORT1: Und zwar?

Brack: Die Nachwuchsarbeit ist weltweit einmalig. Das ist sicher auch der Grund dafür, warum Dagur Sigurdsson sich für diese Aufgabe interessiert hat. Deutschland ist gemessen am Stellenwert des Handballs, aber auch der Spielerqualität immer noch eine der Topnationen.

Paul Drux steht vor dem Debüt in der A-Nationalmannschaft:

SPORT1: Mit Drux, Erik Schmidt und Julius Kühn stehen drei Debütanten im DHB-Kader. Von welchem Spieler dürfen sich die deutschen Fans in Zukunft richtig viel versprechen?

Brack: Eine Mannschaft hängt immer von Abwehr- und Torwartleistung ab. Andreas Wolff ist ein hochtalentierter Torhüter, der aber schon jetzt in der Bundesliga internationale Qualität an den Tag legt. Er wird mit Silvio Heinevetter auf Dauer ein sehr, sehr starkes Torwartgespann bilden. Patrick Wiencek und Hendrik Pekeler, die beiden Kreisläufer, sind absolute Abwehrcracks, die einen sehr robusten Innenblock spielen. Die Innenverteidigung bei 6:0 ist eine absolute Stärke der Deutschen.

SPORT1: Vielversprechende Aussichten also. DHB und Bundesliga geben ohnehin ambitionierte Ziele vor. HBL-Geschäftsführer Frank Bohmann versprach mit Blick auf die Spiele 2020 den Olympiasieg. Was halten Sie von solch' einer Rhetorik?

Brack: Ich bin niemand, der sagt, wer Visionen hat, muss zum Arzt gehen. Mit Träumen beginnt die Realität. Wer keine hohen Vorgaben nennt, kann auch keine maximale Leistungsbereitschaft erwarten. Es ist sehr mutig, aber es passt, dass sich die Handballnation Nummer eins solch' hohe Ziele setzt. Es wäre nicht richtig, würde sich der deutsche Handball zu niedrige Ziele setzen.

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