vergrößernverkleinern
Daniel Stephan DHB-Team Handball
Daniel Stephan spielte bis 2005 für die deutsche Nationalmannschaft © getty

München - Was ist drin fürs DHB-Team bei der WM? Daniel Stephan erklärt bei SPORT1 seine Skepsis und spricht über Ausrichterland Katar.

Daniel Stephan ist nach wie vor der einzige Deutsche, der es als Feldspieler zum Welthandballer gebracht hat.

Dabei hat der Europameister von 2004 - so unglaublich es klingt - aufgrund von Verletzungen in seiner langen Karriere kein einziges WM-Spiel bestritten.

Im Interview spricht der SPORT1-Experte vor dem Auftakt gegen Polen (Fr., ab 16.45 Uhr im LIVE-TICKER) über seine Erwartungen an die DHB-Auswahl, die Arbeit von Bundestrainer Dagur Sigurdsson und das Ausrichterland Katar.

SPORT1: Herr Stephan, was kann man von der deutschen Mannschaft bei der WM in Katar erwarten?

Daniel Stephan: Es wird ein schwieriges Unterfangen, die Gruppe hat es in sich. Aber durch die Wildcard hat man nun einmal die Chance bekommen, sich zu beweisen. Und Dagur Sigurdsson hat neuen Elan ins Team gebracht. Sicher darf man die Ergebnisse aus den Testspielen und der EM-Qualifikation nicht überbewerten. Es ist wichtig, dass die Mannschaft mit ihren jungen Spielern und dem neuen Trainer Erfahrungen sammelt bei einem großen Turnier. Das wird uns in der Zukunft sicher helfen.

SPORT1: Was sollte die Zielsetzung der Mannschaft sein?

Stephan: Zunächst einmal sollte man das Achtelfinale anvisieren, alles andere wäre unglaubwürdig. Wir müssen abwarten, ob dieses Turnier nur die erste Etappe auf dem angepeilten Weg zurück in die Weltspitze ist, oder ob man schon wieder etwas weiter vorne angreifen kann. Viele Spieler haben Potenzial und können sich nach vorne entwickeln. Aber man sollte nicht zu viel erwarten.

SPORT1: Woher rührt die Skepsis?

Stephan: Sagen wir es so: Mir ist nicht bange, aber ich bin auch nicht euphorisch. Wir haben beide Playoff-Duelle gegen Polen verloren, als es darauf ankam. Und mit Holger Glandorf ist ein Spieler zurückgetreten, der entscheidende Akzente setzen kann. Hinzu kommen die vielen Verletzten. (

SPORT1: Wer fehlt besonders?

Stephan: Für mich ist besonders schade, dass Steffen Fäth nicht dabei ist. Auf der Position im linken Rückraum sehe ich schon Schwierigkeiten. Berlins Paul Drux hat Riesenpotenzial, aber man kann von ihm im Alter von 19 Jahren nicht erwarten, dass er eine komplette WM auf höchstem Niveau spielt. Er hat das Zeug für höhere Aufgaben. Aber Stand jetzt bereitet mir die fehlende Durchschlagskraft aus dem Rückraum, gerade von der linken Seite, schon etwas Bauchschmerzen.

SPORT1: Welche Rolle kann Michael Kraus übernehmen?

Stephan: Er kann Spiele entscheiden - in beide Richtungen, weil er eben 100 Prozent Risiko geht. Der Trainer muss wissen, ob er so einen Spielertypen dabei haben will, aber nach dem Aus von Tim Kneule fehlen natürlich auch die Alternativen. Martin Strobel, den Sigurdsson aus der Versenkung hervorgeholt hat, ist ja eher ein Spielmacher, der sehr kontrolliert agiert.

SPORT1: Kann die Dopingaffäre für Kraus noch zum Bumerang werden?

Stephan: Die NADA prüft aktuell den Freispruch durch das DHB-Sportgericht. Wie lange das dauert, weiß ich nicht. Aber - auch wenn ich kein Jurist bin - ich gehe fast davon aus, dass er noch einmal gesperrt wird. Sollte das nicht der Fall sein, könnte ja jeder, der drei Tests verpasst, eine ähnliche Entschuldigung (Türklingel nicht gehört, Anm. d. Red.) anführen und alles wäre gut.

SPORT1: Inwiefern belastet Sigurdsson die Doppelfunktion als Klub- und Bundestrainer?

Stephan: Ich traue ihm schon zu, jetzt den Fokus total auf Deutschland zu legen. Insgesamt ist es keine einfache Situation, gerade, weil es im Verein im Moment nicht läuft. Es ging unter ihm in Berlin immer aufwärts, nun gab es erstmals auch negative Stimmung in der Presse. Am Ende wird er bei beiden Mannschaften natürlich an den Ergebnissen gemessen werden.

SPORT1: Hat er die besten Spieler nominiert?

Stephan: Alle Nominierungen sind für mich absolut nachvollziehbar. Eventuell hätte man über Adrian Pfahl im rechten Rückraum nachdenken können, aber das sind dann Nuancen, die so etwas entscheiden. Sven-Sören Christophersen war für mich ein Kandidat für Halblinks, er hat sich dann aber leider verletzt. Der Bundestrainer hat sich seine Gedanken gemacht und liegt da schon richtig. Er setzt nicht nur auf die Etablierten, sondern überrascht mitunter auch bei seinen Personalentscheidungen.

SPORT1: Wie groß sind die Unterschiede zur Arbeit von Martin Heuberger?

Stephan: Der frische Wind ist schon deutlich spürbar. Zum einen hat er im Bereich der Taktik die Spielkultur hin zum Skandinavischen geändert. Es gibt im Angriff eine Handvoll Auslösehandlungen, die dann über verschiedene Variablen zum Erfolg führen sollen. So spielen ja fast alle Nordeuropäer. Und in der Deckung sehen wir vermehrt eine 5:1-Variante, zum Beispiel mit Hendrik Pekeler oder auch Stefan Kneer in der Spitze.

SPORT1: Ist sein Führungsstil der richtige für das deutsche Team?

Stephan: Das muss man abwarten. Definitiv hat sich etwas geändert. Sigurdsson möchte zum Beispiel nicht, dass die Mannschaft einkaserniert wird, sondern bringt sie lieber auch einmal in einer größeren Stadt unter, damit die Jungs Freizeitmöglichkeiten haben. Personell wurde viel probiert. Und er trainiert nicht mehr so viel. Insgesamt bringt er eine neue Lockerheit mit, wie wir sie von den Nordeuropäern kennen. Dennoch ist er für die Spieler eine absolute Respektsperson. Ob sein Weg der richtige ist? Am Ende hat es die Mannschaft in der Hand, das mit Erfolgen zu zeigen.

SPORT1: Heiß diskutiert wird das Ausrichterland Katar. Wie stehen Sie zur Wüsten-WM?

Stephan: Zunächst muss man sagen, dass es fast schon Wahnsinn ist, wie viele Weltmeisterschaften das Land jetzt ausrichtet. Handball, Schwimmen, Leichtathletik, dann Fußball 2022 - und das sind lange nicht alle. Um das Positive zu sehen: Die Hallen sind topmodern und liegen nahe beieinander. Ob die WM den Handballsport in Katar und auch die Sportart generell großartig weiterbringt, muss man abwarten. Die Nationalmannschaft ist gespickt mit eingebürgerten Spielern. Auch was das Zuschauerinteresse angeht, gibt es Fragezeichen. Und der Umgang mit den Fernsehrechten war fragwürdig, der DHB als weltgrößter Verband wurde hier fast übergangen.

SPORT1: Welche Rolle spielt all das für die Teilnehmer?

Stephan: Die Spieler und Verantwortlichen sollten daran nicht denken. Die Organisation wird stimmen, sie müssen sich auf ihren Job konzentrieren und Handball spielen. Als Außenstehender fragt man sich schon, was da passiert. Aber wir sollten uns nicht die Vorfreude verderben lassen. Warten wir das Turnier ab und schauen, was am Ende dabei herauskommt.

Video
teilentwitternteilenE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel