vergrößernverkleinern
Die von einer französischen Firma hergestellte Torlinienkamera kam zuvor nur im Europapokal zum Einsatz
Die von einer französischen Firma hergestellte Torlinienkamera kam zuvor nur im Europapokal zum Einsatz © getty

Doha - Die plötzliche Einführung der Torlinientechnik sorgt für Wirbel bei der WM. Silvio Heinevetter sieht keinen Bedarf. Doch es ändert sich noch mehr.

Regel-Revolution im Handball: Die "klammheimliche" Einführung der Torlinientechnik hat am Auftakt-Wochenende der WM in Katar für mächtig Wirbel gesorgt.

Schiedsrichter und Funktionäre sind voll des Lobes über das neue Hilfsmittel - doch die Spieler sind skeptisch. Sie wurden vom Einsatz des Videobeweises vollkommen überrascht. (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabellen)

"Es war schon komisch. Wir wussten gar nicht, dass es so etwas gibt, als es plötzlich dieses Time-out gab", sagte Nationaltorwart Carsten Lichtlein, der im Spiel gegen Polen als erster deutscher WM-Keeper "Opfer" der neuen Technik geworden war.

Heinevetter reagiert ablehnend

Erst nach kurzer Unterbrechung und genauer Betrachtung der Videobilder gab der eigens dafür abgestellte IHF-Delegierte via Funk das Signal an die Schiedsrichter: Der Ball war mit vollem Umfang hinter der Linie - Tor für Polen.

"Obwohl in diesem Fall der Gegner profitiert hat, finde ich das eine gute Sache", sagte Lichtlein. Sein Torhüterkollege Silvio Heinevetter ist dagegen noch nicht überzeugt. "Die Neuerung ist interessant, aber gewöhnungsbedürftig", sagte der Berliner.

Bei den Fußballern, wo ein einziger Treffer häufig Spiele entscheiden würde, habe solch eine Regel eine viel größere Bedeutung. "Ich brauche sie nicht", so Heinevetter.

Nur im Eurpapokal getestet

Drei Kameras, die an der Querlatte jedes Tores angebracht sind, wachen bei den Spielen von Doha über die Torlinien. Sie sollen die Arbeit der Referees erleichtern.

Entwickelt wurde das System, das bisher nur vereinzelt bei Europacupspielen zum Einsatz kam, von der französischen Firma "Vision Sport".

Für den Weltverband IHF gilt es zunächst als Testballon für kommende Großereignisse. Die Handball-Funktionäre haben die hitzigen Diskussionen im Fußball genauestens verfolgt.

"Verändert nicht den Geist des Spiels"

Die beiden deutschen WM-Schiedsrichter Lars Geipel und Markus Helbig sind von ihrem neuen Hilfsmittel unterdessen begeistert.

"Ich finde das sehr gut. Die Technik ist eine absolute Hilfe für uns Schiedsrichter und im Sinne der Gerechtigkeit. Man vermeidet damit unnötige Diskussionen und verändert, das ist wichtig, nicht den Geist des Spiels", sagte Geipel.

Die neue Regel werde das Verhältnis zwischen Spielern, Trainern und Offiziellen nachhaltig verbessern.

Supervisor mit weiteren Rechten

Neben seiner Macht über die Torlinie ist der IHF-Supervisor noch mit weiteren Rechten ausgestattet.

Mit Blick auf seinen Monitor darf er bei Zeitstrafen und Platzverweisen einschreiten, die an den falschen Spieler vergeben wurden, oder Vergehen ahnden, die die Unparteiischen übersehen haben - allerdings nur so lange, bis der Ball wieder freigegeben ist.

Beim Deutschen Handballbund (DHB) wird die Innovation begrüßt. "Das ist auf jeden Fall ein Fortschritt für den Handball, gerade für große Turniere, wo es um einen Weltmeister-  oder Europameistertitel oder vielleicht sogar um den Olympiasieg geht", sagte DHB-Vize Bob Hanning.

Und Bundestrainer Dagur Sigurdsson meinte: "Ich finde die Regel absolut top." (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabellen)

Die Kosten schrecken die Liga ab

Die Mannschaften haben allerdings keine Möglichkeit, Einfluss zu nehmen oder eine Überprüfung zu beantragen wie beispielsweise im Tennis.

Trotz der vielen positiven Rückmeldungen: Im deutschen Liga-Altag wird die neue Regel erstmal nicht zum Einsatz kommen. "So wie die Technik hier verwendet wird, finde ich sie sehr gut", sagte HBL-Geschäftsführer Frank Bohmann: "Für den flächendeckenden Einsatz in 1. und 2. Liga ist sie derzeit aber zu teuer."

Die Zahlen aus dem Fußball schrecken ab: die Bundesligisten müssen für die Neuerung, die ab der kommenden Saison gilt, jeweils 250.000 Euro berappen.

teilentwitternteilenE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel