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Stefan Kretzschmar und Daniel Narcisse
Stefan Kretzschmar freut sich über den WM-Titel für Daniel Narcisse (r.) und Frankreich © SPORT1/Getty Images

Ein Weltmeister Katar wäre für den SPORT1-Experten Stefan Kretzschmar ein Skandal gewesen. Die vermeintlichen Söldner nimmt er aber in Schutz und lobt die Ausrichter.

Liebe Handball-Freunde,

zum Glück hat dann doch Frankreich den WM-Titel gewonnen. Es wäre der größtmögliche Skandal im Welthandball gewesen, wenn Katar Weltmeister geworden wäre. Das hätte der Sache den Hut aufgesetzt. Es ist schon heftig genug, dass diese Mannschaft ins Finale gekommen ist. Ich war noch nie ein Fan der Franzosen, diesmal aber schon. Ich habe mich bei allen französischen Spielern nach dem Spiel bedankt und sie umarmt.

Natürlich waren sie die beste Mannschaft des Turniers. Nikola Karabatic ist für mich seit Jahren der Anführer schlechthin. Thierry Omeyer hat im Tor wieder Unglaubliches geleistet. Und auch Jerome Fernandez hat bei diesem Turnier eine große Rolle gespielt.

Diese Mannschaft ist gespickt mit Persönlichkeiten. Bei diesem Turnier sind sie auf einer Erfolgswelle geritten. Deswegen ist die Laune in der Mannschaft immer gut, ohne dass alle befreundet wären. Wenn es hektisch wird, hat Frankreich drei, vier Spieler, die das Spiel in die Hand nehmen.

Bei Katar muss man die Sache differenziert sehen. Ich weiß, dass diese WM in Deutschland stark kritisiert wurde, genau wie die zusammengekaufte Söldnertruppe der Gastgeber.

Aber wir müssen global denken und Events auch mal außerhalb unseres handballverwöhnten Europas austragen.

Die Zukunft des Handballs liegt zum Beispiel in Südamerika, wenn wir nach Argentinien oder Brasilien blicken. Sie liegt aber auch in Afrika und Asien. Dort müssen wir neue Märkte erschließen.

Katar hat sich beworben und die WM bekommen. Die Gründe dafür sind umstritten. Aber Katar hat sich als Ausrichter von einer sehr positiven Seite gezeigt, sowohl für Spieler als auch für Journalisten. Wir hatten tolle Arenen und Hotels, die Organisation war großartig. Der Standard, der hier gesetzt wurde, ist für keinen anderen Ausrichter zu erfüllen.

Eine ganz andere Sache ist die Mannschaft Katars. Es darf nicht die Entwicklung des Handballs sein, dass sich Länder ähnlich wie Klubs Spieler zusammenkaufen.

Allerdings kann ich jeden einzelnen dieser Spieler verstehen. Ich würde mir nie anmaßen, einen von ihnen zu kritisieren. Die verdienen hier so viel Geld, dass sie in den nächsten 20 Jahren ihre Familien davon ernähren können. Wer sich davon freisprechen kann, werfe den ersten Stein.

Viele haben von einer Weltauswahl Katars gesprochen. Viele dieser Spieler haben davor aber international keine Rolle gespielt. Sie haben zwar Weltklasse-Torhüter und drei Spieler, die Handball spielen können: Markovic, Capote und Vidal. Aber was Trainer Valero Rivera aus dieser Mannschaft gemacht hat, muss man einfach respektieren.

Kommen wir zur Schiedsrichter-Diskussion: Natürlich wurde teilweise mit zweierlei Maß gemessen, aber es gab nicht viele krasse Fehlentscheidungen. Gegen Österreich im Achtelfinale war es in den letzten zehn Minuten abenteuerlich, wir Deutschen haben auch ein wenig darunter gelitten. Aber es war nicht so markant, dass man nach dem Spiel dachte: Um Gottes Willen, hier wurden wir richtig verpfiffen.

Was bleibt von der WM? Ich will nicht von einem Boom im arabischen Raum sprechen, aber ich hoffe auf eine ernstzunehmende Liga und Nachwuchszentren.

Ich habe hier Kollegen getroffen, die in der Region die Bundesliga übertragen und dafür das Signal von SPORT1 übernehmen. Handball hat also schon eine gewisse Reichweite.

Woher soll aber die Tradition kommen? Das braucht Jahrzehnte. Man kann nur hoffen, dass diese WM eine gewisse Nachhaltigkeit hat.

Bis zum nächsten Mal,

Euer Kretzsche

Stefan Kretzschmar, 41, ist seit 2009 als Experte und Co-Kommentator das Handball-Gesicht von SPORT1. Der neben Heiner Brand wohl bekannteste deutsche Handballer hat in 218 Länderspielen 817 Tore für den DHB erzielt, gewann unter anderem Olympia-Silber in Athen 2004. In der Bundesliga war der ehemalige Weltklasse-Linksaußen für den SC Dynamo Berlin, Blau-Weiß Spandau, den VfL Gummersbach und zuletzt den SC Magdeburg aktiv, mit dem er 2002 die Champions League gewann. Bei SPORT1.de analysiert "Kretzsche" während der WM regelmäßig vor Ort das Geschehen in Katar.

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