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Schlussphase gegen Katar: Bundestrainer Dagur Sigurdsson fuchtelt, sein Co Axel Kromer bangt
Schlussphase gegen Katar: Bundestrainer Dagur Sigurdsson fuchtelt, sein Co Axel Kromer bangt © Imago

Paris - Dagur Sigurdssons Zeit als Bundestrainer endet mit einer herben Enttäuschung. Er nimmt sich selbst in die Kritik. SPORT1 analysiert die Gründe für das frühe WM-Aus.

Dagur Sigurdsson stand versteinert am Spielfeldrand, als wolle er nicht wahrhaben, was da gerade passiert war. Siegessicher war man ins WM-Achtelfinale gegen Katar gegangen, den Medaillentraum im Kopf, und erlebte eine üble Bruchlandung. 

Sein letztes Pflichtspiel hatte sich der Bundestrainer, der dem deutschen Handball so viel gegeben hat, ganz anders vorgestellt. "Auch ich habe Fehler gemacht", gab Sigurdsson nach der bitteren Niederlage und einer schwachen Leistung seiner Mannschaft zu. 

SPORT1 beleuchtet, welche genau.

 - Timeout?

Sigurdsson gab zu, er hätte bei einem Tor Rückstand und 45 Sekunden auf der Uhr wohl besser eine Auszeit nehmen sollen. So hätte er eine dezidierte Ansage machen können, was gespielt wird und wer wo zum Abschluss kommen soll. 

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Seine Begründung: Er wollte den Katarern nicht die Chance geben, ihre Abwehrspezialisten aufs Feld zu bringen. Nachvollziehbar, aber in der Rückschau ein Fehler.

Auch zuvor hätte bereits ein Timeout gut getan, als die Mannschaft ins Schwimmen geriet und die Katarer nach dem 17:13 (46.) Tor um Tor aufholten.

- Starrer Spielaufbau

Die deutsche Offensive tat sich schwer wie selten, wirkte fahrig. 15 technische Fehler leistete sich der Angriff. Zuvor waren es im Turnier im Schnitt 7,2 pro Spiel gewesen. Alleine der sonst extrem zuverlässige Steffen Fäth warf teils unbedrängt fünf Bälle weg.

Trotz dessen schwacher Vorstellung kamen mit Simon Ernst und Niclas Pieczkowski zwei Optionen für den Rückraum das gesamte Spiel über gar nicht zum Einsatz. Am Ende wäre auch Julius Kühn ein Kandidat für leichte Tore gewesen.

Sigurdsson schenkte aber dem sichtlich verunsicherten Fäth in der Schlussphase das Vertrauen, was sich als fatal erwies. Der Berliner setzte den letzten Wurf aus schlechter Position in den Block und vergab damit die Chance auf eine mögliche Verlängerung.

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- Unflexible Defensive

Sigurdsson hielt starr an seinem bis dato erfolgreichen 6:0-System fest. Dabei wäre eine kurze Deckung gegen Rafael Capote durchaus eine Möglichkeit gewesen. Der gebürtige Kubaner erzielte mit seiner Wurfgewalt vier Treffer in den letzten sechs Minuten und entschied die Partie.

Auch zuvor hätte man eine andere Defensivvariante zumindest probieren können, um den spielerisch limitierten Gegner vor neue Aufgaben zu stellen.

Denn: Hätte Andreas Wolff (48 Prozent Fangquote, 3 parierte Siebenmeter) nicht gehalten wie der Teufel, das Spiel wäre schon viel früher den Bach runtergegangen.

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- Mentalität

Nach den dominanten Auftritten in der Vorrunde nahm die deutsche Auswahl die Katarer, die ohne drei Top-Stars der Heim-WM 2015 (Zarko Markovic, Borja Vidal, Goran Stojanovic) angereist waren, offensichtlich nicht richtig ernst. Sigurdsson schaffte es wie das ganze Team nicht, den absoluten Fokus auf diesen Gegner zu richten.

"Vielleicht haben wir dieses Spiel zu leicht genommen", sagte Wolff und kritisierte auch seine Mitspieler: "Wir haben vielleicht vergessen, dass wir gegen eine sehr harte Abwehr spielen, die mit Saric einen absoluten Weltklassemann hinten drin hat, mit dem man sich gedanklich auch mal beschäftigen müsste."

Sigurdsson sagte ebenfalls: "Ich glaube schon, dass der Kopf gerade gegen Ende der Partie schon ein bisschen weiter war."

Die Spieler verloren die Konzentration und fingen sich in der entscheidenden Schlussphase nicht mehr. Und Sigurdsson, eigentlich bekannt als Motivations- und Taktikexperte, schaffte es nicht, sie zurück in die Gegenwart zu holen und ihnen einen erfolgversprechenden Plan B an die Hand zu geben.

- Nominierungspolitik

Katar wurde nur als Zwischenstation auf dem Weg in ein mögliches Traum-Halbfinale gegen Gastgeber Frankreich betrachtet. Dass der Schlendrian Einzug erhielt, lag womöglich auch ein Stück weit an Sigurdssons Kadergestaltung.

Durch die von langer Hand geplanten Nachnominierungen von Holger Glandorf und Hendrik Pekeler sandte Sigurdsson das Signal an die Mannschaft: Das Turnier wird lange dauern, wir brauchen diese Top-Leute erst, wenn es richtig ernst wird.

Ein riskanter Poker, für den Sigurdsson im Erfolgsfall gefeiert worden wäre. Nur ging er nicht auf.

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