<strong>SPORT1</strong>-Kolumnist <strong>Raphael Honigstein</strong> hält die Kritik des Chelsea-Trainers am Weltmeister für ein Zeichen der Wertschätzung.

Nach den kritischen Anmerkungen von Jose Mourinho in den vergangenen Tagen ("Ich habe mehr von ihm erwartet") spekulierte erst die "Sun" und danach ein halbes Dutzend deutscher Medien über einen unfreiwilligen Abschied des Weltmeisters von der Stamford Bridge.

In Wahrheit muss man die Einlassungen des Portugiesen jedoch als Ausdruck höchster Wertschätzung verstehen. Der 51-Jährige äußert sich öffentlich ausschließlich negativ über Spieler, denen er tatsächlich weitaus bessere Leistungen zutraut.

Sein Man-Management ist in diesem Punkt zumeist anti-zyklisch. Kicker, die in der Berichterstattung nicht gut wegkommen oder gerade ein Tief durchmachen, lobt er in den Himmel. Ausnahmekönner wie Eden Hazard, die seiner Meinung nach viel zu wenig aus ihren Talenten machen, werden dafür immer wieder ganz gezielt gestichelt.

Richtig problematisch wird es erst, wenn Mourinho gar nichts mehr über gewisse Mitglieder des Kaders sagt. Diese werden dann bei der nächsten Gelegenheit lautlos abgeschoben.

Es gibt keine Zweifel, dass Schürrle grundsätzlich gut ins Konzept passt. Er war Chelsea bereits von dem im März 2012 entlassenen Coach Andre Villas-Boas empfohlen worden. Perfekt gemacht wurde der Transfer rund zwölf Monate später, und zwar mit ausdrücklicher Billigung des damals noch bei Real Madrid beschäftigten "Mou".

Er hatte sich bei Mesut Özil, Sami Khedira und Michael Ballack über die Stärken des Nationalspielers informiert. Mit seinem schnellen Antritt und seiner flexiblen Spielweise bringt er exakt die richtigen Anlagen für Chelseas gern tief gestartetes Umschaltspiel mit.

In seiner ersten Saison in der Premier League spielte der 24-Jährige insgesamt gut (43 Spiele, neun Tore), aber der Besuch der falschen Party kostete ihn Einsatzzeiten.

Schürrle hatte mit Kollege Ashley Cole im Dezember der Weihnachtsfeier des FC Arsenal beigewohnt. Für den stets an der Kante zur Paranoia coachenden Mourinho, der eine extreme "Wir gegen Alle"-Wagenburg-Mentalität predigt, war das ein unverzeihlicher Fauxpas.

Zwei Monate lang spielte Schürrle kaum noch, bevor ihn der Coach gegen Ende der Spielzeit begnadigte und vorsichtig lobte. "Er kann Tore erzielen, muss aber noch an seiner Einstellung und seinem Körpereinsatz arbeiten", sagte Mourinho nach Schürrles Treffer beim 2:0-Sieg gegen Paris St. Germain im April.

"Blues"-Veteran Ashley Cole musste sich derweil einen neuen Arbeitgeber suchen und heuerte beim AS Rom an.

Mit "Einstellung" meinte der Trainer die Bereitschaft, 90 Minuten lang gegen den Ball zu arbeiten und weite Wege zu gehen. Schürrle fällt dies von Natur aus leichter als dem weitaus verspielteren Kollegen Eden Hazard, doch Mourinho fordert mehr als vollen Einsatz. Er will bedingungslose Gehorsamkeit.

Individualisten müssen sich der kollektiven Marschroute komplett unterwerfen und auf dem Spielfeld zu Soldaten werden. Mourinho mag keine Spieler, die während Matches immer wieder mal verschwinden, dafür aber für magische Momente sorgen. Verlässliche Dienstleister sind ihm sehr viel lieber.

Ein solcher kann Schürrle allein schon aufgrund seiner körperlichen Probleme momentan nicht sein. "Mourinho hasst Spieler, die nicht voll einsatzfähig sind", erzählte einst ein namhafter Chelsea-Kicker hinter vorgehaltener Hand.

Schürrle hat in den vergangenen Wochen ein Virus zurückgeworfen. Bei Mourinho wird es gut ankommen, dass er auf die Spiele mit der Nationalmannschaft verzichtet, um sich in London zu erholen.

Vermisst hat das einsam und nahezu ungefordert die Liga dominierende Chelsea den WM-Held im bisherigen Saisonverlauf nicht, aber spätestens mit dem hektischen Weihnachtsprogramm kommt auch in West-London die Zeit der Rotation.

Seine relative Frische könnte sich dann als Vorteil für Schürrle erweisen. Und wenn die K.o.-Spiele in der Champions League anstehen, dürfte an ihm als geborener Konterstürmer sowieso kein Weg vorbei führen.

Ein Wechsel ist deswegen, anders als es die Schlagzeilen suggerieren, weder für den Verein noch den Spieler ein ernsthaftes Thema. Schürrle wird an der Bridge noch ausreichend Gelegenheit bekommen, zu zeigen, dass er der Spieler ist, den Mourinho in ihm sieht.

Raphael Honigstein, geboren 1973 in München, zog 1993 nach London. Dort lebt und arbeitet er als Journalist und Autor. Für SPORT1 berichtet er ab sofort in der wöchentlichen Rubrik "London Calling" über alle Themen rund um den englischen Fußball. Honigstein arbeitet unter anderem für die "Süddeutsche Zeitung", das Fußballmagazin "11 Freunde", die englische Tageszeitung "The Guardian", den Sportsender "ESPN" und ist in England und Deutschland als TV-Experte tätig.

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