Sao Paulo - Die Anteilnahme an Peles Schicksal hält sich in Grenzen. Der einstige Held gerät auf die falsche Seite, es kommt zum Bruch.

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Von Tobias Käufer

Gut zehn Jahre ist es jetzt her, dass Argentiniens lebende Legende Diego Armando Maradona um sein Überleben kämpfte.

Vor den Türen des Hospitals "Clinica y Maternidad Suizo Argentina" in der Hauptstadt Buenos Aires brannten die Kerzen, beteten hunderte Menschen für den Nationalhelden.

Ein Blumenmeer wies den Besucher schon von weitem den Weg zum Krankenhaus, an den umliegenden Zäunen hatten die Fans Gebete, Genesungswünsche und Solidaritätsbotschaften aufgehängt. Es ist noch einmal gut gegangen.

Große Anteilnahme bei Schumacher

Ähnlich emotional ging es vor fast einem Jahr zu, als die Fans von Michael Schumacher vor der Uniklinik in Grenoble auf Neuigkeiten warteten.

Der erfolgreichste Formel-1-Fahrer aller Zeiten lag nach seinem schweren Skiunfall im Koma und rang ebenfalls mit dem Tode.

Hunderte Menschen versammelten sich vor dem Krankenhaus, Fans brachten Blumen und wollten ihrem Idol nahe sein.

Fansturm bei Pele bleibt aus

All diese Szenen gab es in den vergangenen Tagen vor dem Hospital Albert Einstein in Sao Paulo nicht. Zugegeben, der mediale Auflauf war groß. Pele auf der Intensivstation, die Meldung ging um die Welt.

Das Leben des größten Fußballers aller Zeiten offenbar in Gefahr, meldeten die Agenturen. Doch der große Fanansturm blieb aus. Vergleichbar wenige Anhänger aus den Armenvierteln machte sich auf den Weg, um ihrem Idol nahe zu sein.

Der FC Santos schickte einen digitalen Genesungswunsch via Internet: Ein kurzer Dreizeiler musste reichen. Auch die Anteilnahme in den Foren hielt sich in Grenzen.

Nicht mehr die große Liebe

Das sagt vieles aus über das Verhältnis der lebenden Legende zum einfachen Fußvolk. Sicher, die Brasilianer bangen mit ihrem ehemaligen Nationalhelden, sie verfolgen aufmerksam die Nachrichten rund um seine Gesundheit.

Und mit jedem ärztlichen Bulletin, das die Verbesserung seiner schweren Nierenerkrankung verkündet, atmen sie ein wenig auf.

Aber es ist nicht mehr die große Liebe, die den dreimaligen Weltfußballer, diesen vom Fußballgott mit so unglaublich viel Talent ausgestatteten Urvater aller Superstars, mit dem einfachen Fußballvolk verbindet. Formel-1-Legende Ayrton Senna vergöttern sie, Pele aber respektieren sie nur noch.

Bodenhaftung verloren

Argentiniens Maradona, Brasiliens Romario oder Kolumbiens Carlos "Pike" Valderrama sind auch heute noch im Fanvolk fest verankerte Fußallhelden. Aus Pele aber ist längst ein Markenbotschafter geworden.

In die Favelas - dort, wo er einmal herkam - geht Pele nur noch, wenn ihn Werbeagenturen dort hin schicken. Natürlich nur gegen entsprechendes Honorar. Die Armut als authentische Kulisse, "eine Vertrauensbrücke bauen" nennen Marketingstrategen eine solche Strategie.

Auf der falschen Seite

Doch die Brücke ist eingestürzt. Pele und Brasiliens Fußballvolk haben sich auseinander gelebt. Der einfache Brasilianer nimmt den besten Kicker aller Zeiten nur noch als Botschafter von Supermärkten, Elektronikgeschäften oder Versicherungen war.

Als nach dem Confed-Cup 2013 die Menschen auf die Straße gingen, um gegen die hohen Kosten der anstehenden Turniere zu demonstrieren, während Krankenhäuser und Schulen verrotteten, stellte sich Pele auf die andere Seite.

Pfiffe für den einstigen Helden

Er hat sich entschieden, wo er hingehört. Er stand auf der Seite der Reichen und Mächtigen, auf der Seite der Sponsoren und FIFA-Manager.

Man könne ja demonstrieren, aber doch bitte erst nach der WM, bat Pele seine Landsleute. Es war der Moment des Bruchs zwischen dem Superstar und der Basis. Bei seinen wenigen Besuchen in den Stadien, pfiffen die Leute sogar, als er auf der Großbildleinwand zu sehen war.

Verhältnis noch zu retten?

Brasilien hat seinen Draht zu Pele und Pele den Draht zu seinem Volk verloren. Vielleicht kann Pele die ihm verbleibende Zeit auf dieser irdischen Welt noch nutzen, dieses Verhältnis noch einmal zu kitten.

Der Mann, der so unendlich viel für sein Heimatland geleistet hat, hätte es verdient. Eine Versöhnung zwischen Fanvolk und seinem König würde dieses Fußball-Leben erst so richtig vollkommen machen.

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