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Ronaldo Schrei
Cristiano Ronaldo (r.) ließ seinen Emotionen freien Lauf © Getty Images

Was genau wollte Cristiano Ronaldo sagen mit seinem Röhren beim Ballon d'Or? Die Antwort ist logischer, als man denkt.

Heinz Erhardt, um dies gleich vorweg zu sagen, hat das Thema Röhren eher skeptisch betrachtet.

"Damit wir sehen, was wir hören/ Erfand Herr Braun die Braunschen Röhren", dichtete der große deutsche Humorist einst über die berühmteste technische Innovation des Physiknobelpreisträgers Karl Ferdinand Braun.

Jedoch nur, um gleich darauf deutlich zu machen: "Wir wär'n Herrn Braun noch mehr verbunden/ Hätt' er was anderes erfunden."

Heutzutage würde eine solche Kritik ins Leere gehen. Plasma und flüssige Kristalle sorgen inzwischen dafür, dass wir sehen, was wir hören.

Die Röhren dagegen sind aus den meisten Fernsehhaushalten verschwunden und dabei, eine so ferne Erinnerung zu werden wie Karl Ferdinand Braun, Heinz Erhardt und die Redewendung "sehr verbunden".

Martin Hoffmann schreibt seit 2009 für SPORT1 die Kolumne "Hoffmanns Erzählungen"
Martin Hoffmann schreibt seit 2009 für SPORT1 die Kolumne "Hoffmanns Erzählungen" © SPORT1

Schade, denn im Gegensatz zu Plasma und Flüssigkristall war ihr Vorläufer noch etwas Handfestes. Der Mensch kommunizierte schon telemedial, aber besagte Kommunikation kam nicht in kleinen, flachen Dingern an, sondern in etwas Gewaltigem, Raumgreifendem, Raumfüllendem.

Ein großes, beeindruckendes Gerät, das nicht irgendein "Gadget" unter vielen war, sondern der unumstrittene Platzhirsch des Wohnzimmers. Ein Platzhirsch, dessen Regentschaft auf die gleiche Weise sichergestellt wurde wie in der Wildnis: durch Röhren.

Man sieht: Der begriffliche Zusammenhang zwischen Röhren und Röhren ist direkter, als manch sprachhistorisch Unbewanderter vielleicht glauben mag. Weshalb natürlich auch Cristiano Ronaldo eng mit beidem verbunden ist.

Ronaldo, einige werden es mitbekommen haben, ist zu Beginn dieser Woche zum Weltfußballer des Jahres gekürt worden.

Und hat danach dem Publikum Rätsel aufgegeben, weil er seine Dankesrede mit einem zunächst merkwürdig anmutenden Laut beschloss.

"Tsüiiiiih!" rief Ronaldo am Montagabend durch das Kongresshaus in Zürich - eine phonetisch komplexe Mischung aus einem Pfui-Ruf und dem in diesen Tagen oft zu hörenden "Ziiiiieh!", mit dem Skisprungbegeisterte ihre Idole zu weiten Flügen animieren wollen.

Was war das denn, war eine Frage, die im Anschluss häufig gestellt wurde. Dabei ist sie einfach zu beantworten.

Man muss lediglich bedenken, dass man sich die Weltfußballerwahl in etwa so vorstellen kann wie einen großangelegten Revierkampf zur Ermittlung eines Weltplatzhirschen - nur eben mit mehr Drumherum, vielen Zuschauern in Fracks und Ballkleidern und mit Fußballern anstelle von Hirschen.

So gesehen ist es keine Überraschung, dass Cristiano Ronaldo seinen Sieg bei dieser Veranstaltung beging, wie ihn im analogen Fall auch der Sieger der Weltplatzhirschwahl begangen hätte.

"Tsüiiiiih!" rief Ronaldo also, so wie der Rothirsch ruft, wenn er seine Rivalen nach erfolgreichem Kampf zurück ins Rudel drängt.

Es ist ein erhabener Moment, einen ausgewachsenen Zwölfender hierbei zu erleben. Und es war ebenso beeindruckend, Cristiano Ronaldo dabei zuzusehen, wie er seine unterlegenen Rivalen Manuel Neuer und Lionel Messi ins Röhren gucken ließ.

Selbst wenn man es nur auf einem neumodischen Flachbildschirm verfolgen konnte: Es war großes Röhrenfernsehen.

Und hätte vielleicht sogar Heinz Erhardt gefallen.

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