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SPORT1-Chefredakteur Digital Ivo Hrstic kommentiert den Rücktritt von Sepp Blatter © SPORT1/Getty Images

München - Der FIFA-Präsident entschließt sich spät, aber nicht zu spät zum Rücktritt. Er übernimmt richtigerweise die Verantwortung für den Verband. Dieser muss jetzt reinen Tisch machen. Der SPORT1-Kommentar.

Der Entschluss kommt spät, aber nicht zu spät: Mit seinem überraschenden Rücktritt vier Tage nach seiner Wiederwahl hat Joseph S. Blatter Verantwortung für die Missstände in der FIFA übernommen.

Der von vielen Seiten angezählte Präsident macht damit den Weg frei für die dringend benötigten Reformen.

Die Zahlung von Schmiergeldern bei der Vergabe der Weltmeisterschaften war offenbar über Jahrzehnte an der Tagesordnung. Das Image des mächtigen Fußballverbands ist katastrophal.

Und die Verhaftung von sieben hochrangigen FIFA-Funktionären vergangene Woche ist noch nicht das Ende der Aufräumarbeiten, die sich vor allem die Justiz in den USA auf die Fahnen geschrieben haben. Auch Generalsekretär Jerome Valcke, zweitmächtigster Mann hinter Blatter, steht im Fokus der Ermittler. Und nun soll das FBI sogar Blatter selbst ins Visier genommen haben.

Die Unterstellung, Blatter komme mit seinem Rücktritt einer Entmachtung durch die Behörden nur zuvor, liegt nahe. Noch aber gilt die Unschuldsvermutung, auch für den unverhohlen machthungrigen Schweizer.

Der 79-Jährige ließ in seiner Rücktrittsrede erahnen, dass es ihm an erster Stelle um das Wohl des Fußballs geht.

Als Vermächtnis hinterlässt er der FIFA die Chance, reinen Tisch zu machen. Es ist zugleich ein Zwang. Alle, die sich nicht uneingeschränkt zu Transparenz und zum Kampf gegen Korruption bekennen, müssen ausgetauscht werden. Die Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaften muss wieder nach offen ersichtlichen Kriterien erfolgen.

Die Erlöse aus dem Milliarden-Geschäft Weltmeisterschaft müssen ausschließlich den Millionen Spielern, Fans und ehrenamtlichen Helfern rund um den Globus zu Gute kommen und nicht in den Taschen zwielichtiger Funktionäre verschwinden.

Wenn das gelingt, steigt Blatter natürlich nicht zum Retter des Fußballs auf. Doch es könnte seine Verdienste um den Fußball vor der Vergessenheit bewahren.

Schließlich hat Blatter seit Amtsantritt 1998 den Fußball zu seiner jetzigen Größe entwickelt: Unter Blatter wuchs die Zahl der FIFA-Verbände auf 209 an, er tat viel für die Vermarktung der WM und machte auch den Confederations Cup populär. Auch der Frauenfußball hat in den vergangenen Jahren an Akzeptanz und Renommee gewonnen.

Doch die Zeiten, in denen sich alles einzig auf Blatter konzentrierte, sind vorbei. Jetzt muss aufgeräumt werden. Blatter selbst darf bis zum Dezember diesen Prozess einleiten. Diese historische Chance darf der Fußball nicht verstreichen lassen, damit die "schönsten Nebensache der Welt" seine Strahl- und Integrationskraft nicht endgültig verliert.

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