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München - Es wäre die größte Krise seit dem Bundesliga-Bestechungsskandal in den 70ern: Die WM 2006 in Deutschland soll einem Medienbericht zufolge gekauft gewesen sein. Doch die Angegriffenen wehren sich.

Dunkler Schatten über dem Sommermärchen: Für die Vergabe der Fußball-WM 2006 nach Deutschland sind nach Informationen des Nachrichtenmagazins Spiegel mutmaßlich Bestechungsgelder im Millionenbereich geflossen.

Es soll um insgesamt 10,3 Millionen Schweizer Franken (damals 13 Millionen Mark/heute 9,5 Millionen Euro) gehen.

Involviert waren angeblich auch Franz Beckenbauer als Chef des Organisationskomitees und der heutige DFB-Präsident Wolfgang Niersbach. Auch der für die Sportrechtevermarktung zuständige Günter Netzer steht wegen eines angeblichen Zitates im Fokus. 

DFB bestreitet Vorwürfe

Der DFB bestreitet die Vorwürfe allerdings vehement.

"Der Deutsche Fußball-Bund tritt mit aller Entschiedenheit den völlig haltlosen Behauptungen des Nachrichtenmagazins 'Der Spiegel' entgegen, es habe im Zusammenhang mit der Bewerbung für die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 beim DFB 'Schwarze Kassen' gegeben", ließ der DFB am Freitagabend in einer Pressemitteilung wissen (Die Stellungnahme des DFB im Wortlaut).

Der Verband kündigte zudem an, man behalte sich rechtliche Schritte gegen die Darstellung des Magazins "Der Spiegel" vor . (BERICHT: Die Reaktionen zu den WM-Vorwürfen)

Auch Fedor Radman, der ehemalige Vize-Präsident des deutschen Organisationskomitees, tritt den Vorwürfen entschieden entgegen. "Das Bewerbungskomitee hat niemals irgendjemanden bestochen. Ich bin sogar bereit, dies zu beeiden", sagte der 71 Jahre alte langjährige Vertraute Beckenbauers bei Sky. "Wir haben keine Stimmen gekauft."

Brisantes Zitat von Netzer?

Das Blatt hatte zuvor unter anderem von einem brisanten Zitat berichtet, das dem früheren Nationalspieler und damaligen WM-Botschafter Netzer zugeschrieben wird. Der soll seinerzeit einem DFB-Funktionär auf die Frage, was es mit den Millionen auf sich habe, geantwortet haben: "Damit haben wir die vier Asiaten bezahlt."

Netzer selbst bestreitet eine derartige Äußerung. Der 71-Jährige war als Geschäftsführer des Sportrechtevermarkters Infront für die Vermarktung rund um die WM zuständig und als solcher Mitglied des Organisationskomitees.

Wieder Dreyfus im Fokus

Das Geld soll der damalige Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus in eine schwarze Kasse eingezahlt haben - als Darlehen, um Funktionäre im Exekutivkomitee des Weltverbandes FIFA bei der Vergabe im Jahr 2000 von der deutschen Heim-WM zu überzeugen.

Nach Spiegel-Angaben tauchte es aber weder im Haushalt des Bewerbungskomitees noch später, nach dem Zuschlag für Deutschland, im Haushalt des Organisationskomitees (OK) auf. 

Für die Rückzahlung von 6,7 Millionen Euro habe das WM-OK mit Beckenbauer und dem geschäftsführenden Vizepräsidenten Niersbach im Jahr 2005 den Umweg über ein FIFA-Konto gewählt.

DFB gibt andere Erklärung für Zahlung an

Die Zahlung an sich räumte der DFB in einer am Freitag veröffentlichten Erklärung ein. Allerdings sei das Geld mit dem Zweck der Förderung eines FIFA-Kulturprogramms überwiesen worden.

"Die Zahlung stand in keinem Zusammenhang mit der bereits rund fünf Jahre zuvor erfolgten Vergabe", bekräftigte der DFB.

Es gebe aber "Hinweise", dass die Zahlung "möglicherweise nicht dem angegebenen Zweck entsprechend" verwendet worden sei. Eine Untersuchung laufe bereits.

Laut Spiegel flossen die 6,7 Millionen Euro getarnt als deutscher Beitrag für eine "damals noch geplante, später abgesagte FIFA-Eröffnungsgala im Berliner Olympiastadion".

Von dort sollte es an den 2009 verstorbenen Louis-Dreyfus weitergeleitet werden. Verwendet wurde die Millionensumme angeblich, um die vier Stimmen der asiatischen Vertreter im 24-köpfigen FIFA-Exko zu kaufen.

Weil außerdem der Neuseeländer Charles Dempsey beim letzten Wahlgang am 6. Juli 2000 überraschend nicht abstimmte, siegte Deutschland mit 12:11 Stimmen gegen Südafrika.

DFB: "Keinerlei Hinweise auf Unregelmäßigkeiten"

"Im Rahmen seiner Prüfungen hat der DFB keinerlei Hinweise auf Unregelmäßigkeiten gefunden. Ebenso wenig haben sich irgendwelche Anhaltspunkte dafür ergeben, dass Stimmen von Delegierten im Zuge des Bewerbungsverfahrens gekauft wurden", teilte der DFB mit - nur Stunden bevor der Spiegel mit seinen Recherchen an die Öffentlichkeit ging.

In den vergangenen Monaten hatte es immer wieder solche und ähnliche Gerüchte gegeben, auch über unlautere Deals mit der deutschen Wirtschaft war spekuliert worden.

"Ich darf immer daran erinnern, dass wir die absolut beste Bewerbung hatten. Das hat uns die FIFA von einer unabhängigen Kommission bescheinigt. Es hat eine Abstimmung gegeben mit 12:11. Wir wissen, dass die acht Europäer für uns gestimmt haben. Wo die vier anderen herkamen, können wir nur spekulieren. Die haben wir überzeugt", hatte Niersbach im Juni im ZDF erklärt.

2012, als Blatter Andeutungen in Richtung Deutschland gemacht hatte, hatte Niersbach bei Sky mit den Worten reagiert: "Ich bin total gelassen, weil ich ein absolut reines Gewissen habe. Ich war vom ersten Tag dabei bis zur Entscheidung am 6. Juli 2000. Wir haben sauber gearbeitet."

Interne Untersuchung zur WM-Vergabe

Hinweise über eine mögliche andere Verwendung der für das Kulturprogramm vorgesehenen 6,7 Millionen Euro hatten Niersbach im Sommer dieses Jahres dazu bewogen, eine interne Untersuchung zur Aufklärung des Vorgangs anzuordnen.

Die Prüfung umfasst laut DFB unter Hinzuziehung externer Rechtsberater auch die Frage, ob im Zusammenhang mit diesem Vorgang Ansprüche des DFB auf Rückforderung bestehen. Ein abschließendes Ergebnis gibt es noch nicht, die eingeleiteten Prüfungen würden noch andauern. Auch der Kontrollausschuss sei involviert.

Die FIFA teilte auf Anfrage zunächst mit, den Fall an die Audit- und Compliance-Kommission weiterzuleiten. Deren Vorsitzender ist der Schweizer Domenico Scala, der zuletzt mit tiefgreifenden Reformvorschlägen auf sich aufmerksam gemacht hatte.

Niersbach Pressechef, Beckenbauer OK-Boss

Niersbach war zu dem Zeitpunkt auch der Pressechef des Organisationskomitees, dem Beckenbauer vorstand. Das Management von Beckenbauer wollte auf Anfrage zu den Gerüchten "keine Stellung beziehen".

Im Aufsichtsrat des Gremiums, welches das spätere Sommermärchen verantwortete, saßen unter anderem der heutige Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), Thomas Bach, der ehemalige Innenminister Otto Schily und der aktuelle Finanzminister Wolfgang Schäuble.

Beckenbauer wurde 2007 Mitglied im FIFA-Exekutivkomitee. An der Macht im Weltverband waren 2005 FIFA-Präsident Joseph S. Blatter, der in der vergangenen Woche für 90 Tage suspendiert worden war, und Generalsekretär Urs Linsi (beide Schweiz).

Dubiose Zahlungen von Südafrika 2008

Der Vorgang erinnert in seinen Grundzügen an die dubiose Zahlung von zehn Millionen Dollar, die 2008 vom südafrikanischen Fußballverband SAFA über ein FIFA-Konto an den karibischen Regionalverband CFU gegangen war.

Die US-Justiz hält die in der FIFA-Zentrale veranlasste Überweisung für Bestechungsgeld für die WM 2010, nachdem der damalige CFU-Boss und FIFA-Topfunktionär Jack Warner (Trinidad und Tobago) für die Vergabe 2004 Stimmen für die Afrikaner organisiert haben soll.

Vertreter des südafrikanischen Verbandes SAFA hingegen bezeichnen die Summe als Entwicklungshilfe. Die FIFA habe dies gewusst. 

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