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Spieler betreten vor TV-Kameras den Rasen in der Premier League
Ein Kameramann und ein Fotograf nehmen am 7. Februar 2015 Spieler von Swansea City beim Betreten des Spielfeldes auf © Getty Images

Der neue TV-Vertrag vergrößert den finanziellen Vorsprung der Premier League ins Groteske. Selbst Kleinstvereine kassieren weit mehr als deutsche Top-Klubs. Mit Folgen für den englischen Fußball.

Das Glück kam aus Brüssel. Im November 2005 legten die Wettbewerbshüter der EU-Kommission fest, dass die Rechte an den Live-Übertragungen der Premier League zukünftig mindestens auf zwei Fernsehsender aufgeteilt werden müssen.

Das Monopol von Sky war somit nach gut dreizehn Jahren gebrochen. In der folgenden Rechteperiode erstand mit Setanta erstmals ein anderer Sender einen Teil der Livespiele, die Erlöse sprangen von 341 Millionen Pfund pro Jahr auf 569 Millionen. Die EU-Regelung galt zwar nur bis 2012, doch die Premier League hielt clever weiter an dem Prinzip fest, um immer einen zweiten Partner mit im Boot zu haben.

Honigstein
Raphael Honigstein lebt und arbeitet in London © SPORT1

2013/14 erwuchs Sky mit dem ehemaligen Staatsunternehmen British Telecom ein äußerst finanzstarker Konkurrent, das Rechtepaket war nun eine Milliarde Pfund wert.  Das Ende der Fahnenstange war jedoch, wie sich erwies, noch lange nicht erreicht. Wie die Liga am Dienstagabend verkündete, zahlen Sky und BT ab 2016/17 zusammen 1,7 Milliarden Pfund (2,3 Milliarden Euro) für 168 Live-Partien pro Saison. Ein Zuwachs von gut 70 Prozent. "Ich war überrascht", sagte selbst Ligachef Richard Scudamore.

13,6 Millionen Euro kostet die Sender (im Durchschnitt) ab 2016 jedes einzelne Spiel aus Englands-Eliteklasse. Wie weit die Briten der Bundesliga (690 Millionen Euro pro Jahr für die Liverechte an Liga eins und zwei) enteilt sind, zeigt dieser Vergleich: Sky Deutschland zahlt für jedes der 612 gezeigten Matches im Schnitt nur mickrige 1,1 Millionen Euro.  

Die irrsinnigen Zahlen werfen die Fragen auf, wie die Konzerne die Ausgaben refinanzieren wollen. Doch weder der eine noch der andere Konkurrent muss mit der Premier League Geld verdienen. BT bedient sich der Tore aus dem Old Trafford und von anderswo in erster Linie, um den bestehenden Kundenstamm zu verteidigen. BT-Internet-Abonnenten bekommen den hauseigenen Sportsender zum Nulltarif. Sky wiederum versteht die Premier League als Zugpferd für die ganze Plattform  - ein Abo ohne Sportkanäle fängt bei 23 Euro im Monat an - und zusätzliche Dienste wie Mobil, Internet und Telephone ("Quad Play"). 15,8 Millionen Kunden beziehen in Großbritannien und Irland das Programm des Murdoch-Kanals.

Nimmt man die Erlöse aus den Auslandsrechten hinzu, werden die 20 Eliteklubs zukünftig mindestes 3,5 Milliarden Euro pro Saison einnehmen. Der Tabellenletzte dürfte ab 2016 etwa 133 Millionen an TV-Geldern bekommen, der Erste 210 Millionen Euro. Auch hier lohnt der Vergleich: Branchenkrösus FC Bayern erhält in der laufenden Saison knapp 50 Millionen aus der TV-Vermarktung.

Was bedeutet der neue Deal rein sportlich für die Premier League? 

Zuallererst wird  der Inflationsdruck auf die Gehälter enorm ansteigen. Junge englische Nationalspieler wie Raheem Sterling (FC Liverpool) werden in absehbarer Zukunft 30 Millionen Euro im Jahr verdienen, der erste 100 Millionen Pfund-Transfer ist nicht mehr weit entfernt. Mit den höheren Kosten für das Personal erhöht sich allerdings nicht automatisch die Qualität; das geschieht nur, wenn die englischen Klubs verstärkt Superstars aus dem Ausland einkaufen.

Ankündigungstafel des FC Burnley
© Getty Images

Einheimische Talente werden es deswegen in den folgenden Jahren noch schwerer haben. Selbst Zwerge wie Burnley sind ab 2016 in der Lage, sich internationale Spitzenprofis aus dem Ausland leisten zu können. Das Bestreben, eigene Talente auszubilden, wird dementsprechend kleiner ausfallen. "Burnley ist in finanzieller Hinsicht größer als Ajax", sagte Scudamore am Dienstag über die "Weinroten" aus Lancashire. Ob sich die überwiegend von ausländischen Investoren kontrollierten Klubs im Sinne des Gemeinwohls zu größeren Investitionen in den Nachwuchs- und Amateurbereich zwingen lassen, ist fraglich. 

Als "das wichtigste strategische Ziel" bezeichnete Scudamore nicht die Jugendarbeit, sondern prall-gefüllte Spielstätten. Für die Vermarktung des Produkts, gerade im Ausland, werden stimmungsvolle Arenen gebraucht. Dass die Einnahmen aus den Kartenverkäufen anteilig immer geringere Summen ausmachen, werden Fan-Gruppierungen mit der Unterstützung von Politikern auf eine Reduzierung der Preise pochen. 

TV-Experten wie Gary Neville und Jamie Carragher regten bereits am Dienstag subventionierte Kartenpreise an: mehr als zwanzig Pfund, so Carraghers Vorschlag, sollten Auswärtstickets nicht kosten. Die Ansetzung von Freitagabend-Spielen wird ab 2016 zusätzliche Brisanz in das Thema bringen. 

Der Boom dürfte am Ende trotzdem - wie immer - auf Kosten des britischen Fußballvolkes gehen, im Sinne von höheren Abo- bzw. Internet-Preisen und schmäleren Berufschancen für Spieler und Trainer. Zahlreiche Journalisten werden leidenschaftlich gegen den Ausverkauf der Werte anschreiben, doch die jüngste Vergangenheit lehrt, dass die Inselbewohner sich mit der Situation arrangiert haben.

Scudamore verwies auf Umfragen, wonach die Premier League in einer Reihe von Institutionen wie die Queen oder die BBC stehe, auf die seine Landsmänner stolz seien. "Diese Dinge geben den Leuten ein gutes Gefühl", sagte er, wohl nicht zu Unrecht. Die "Prem" mag ein überzüchtetes,  nimmersattes Monster sein, das die ganze Fußballwelt verschlingt, aber es ist eben "our monster".

Ein Ungetüm Made in Britain.

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