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Jose Mourinho (r.) wurde mit Chelsea diese Saison englischer Meister © Getty Images/ SPORT1

Raphael Honigstein erzählt von seinem privaten Duell mit Jose Mourinho zu einer Zeit, als Ruhe und Frieden bei Chelsea herrschte - genau wie jetzt. Damals trügte der Schein.

Von Raphael Honigstein

Habe ich Ihnen, verehrte Leser, schon die schöne Geschichte erzählt, wie ich einst gegen José Mourinho und seinen Trainerstab Fußball spielte? Nein? Also dann, bitte sehr. 

Es war im Sommer 2007, in Los Angeles, an einem der letzten Tage von Chelseas Trainingsreise durch die USA. Englische Journalisten wurden zu einem Kick gegen "Mou" und Co. auf dem Campus von UCLA eingeladen, ich durfte als ausländischer Legionär mitwirken; zunächst auf der Bank und ohne gelbes Auswärtstrikot.

Auf Seiten der Chelsea-Angestellten spielten neben Mourinho, der sich ins Tor stellte, Assistenztrainer Steve Clarke und Sportdirektor Avram Grant (für ein paar Minuten) sowie auch Roman Abramowitsch' persönlicher Bodyguard mit, ein ehemaliges Mitglied der britischen Eliteeinheit SAS.

Der Mann hätte auf dem Platz fast eine Schlägerei angezettelt, weil er seinen Gegenspieler (Sam Wallace vom Daily Telegraph) immer wieder unnötig eine mitgab.

Ich hatte in der zweiten Hälfte eine gute Aktion, als ich auf der rechten Seite in den Strafraum zog, aber dann konnte sich mein rechter Fuß leider nicht zwischen Logik (Pass in die Mitte) und Glorie (Tor gegen Mourinho!) entscheiden. Halbhoch flog das Leder an allen vorbei Richtung Eckfahne. 

Mourinho wurde kurz darauf mit einer Oberschenkelverletzung vom Platz getragen. Das Spiel endete 1:1 und ging ins Elfmeterschießen. Chelsea, mit Torwartcoach Silvino Louro (Ex-Benfica) gewann.

Am Seitenrand lagen Abramowitsch und seine zukünftige Ehefrau Nummer zwei, Dasha Zhukova, im Gras und schauten dem Treiben entspannt zu, später kamen noch John Terry und einige Chelsea-Spieler hinzu. Sie hatten Spaß, ihre Kritiker und Trainer in Aktion zu erleben.

Warum fiel mir diese Story aus längst vergangenen Zeiten gerade heute ein? Wahrscheinlich, weil die entspannte Urlaubsatmosphäre damals als Zeichen der Versöhnung zwischen Mourinho und Abramowitsch gewertet wurde, der Trainer aber weniger als zwei Monate später gefeuert wurde. 

Er hatte in seiner dritten Saison "nur" Liga-Pokal und FA-Cup gewonnen. Soll heißen: Man darf dem Frieden an der Stamford Bridge nie ganz trauen, auch wenn der selbst-erklärte "Happy One" ein Jahr nach seiner Rückkehr soeben die glücklichste Woche erlebt hat. 

Am Sonntag machte sein Team mit einem 1:0 gegen Crystal Palace den ersten Meistertitel seit 2010 perfekt. Auf der Tribüne klatschte Abramowitsch begeistert, und das, obwohl Mourinho sich mit drei defensiven Einwechselungen gegen die biederen Süd-Londoner beinahe selbst parodiert hatte (Nicht zuletzt die allzu pragmatische Spielweise des Portugiesen hatte beim ersten Mal zu dem Zerwürfnis geführt).

Danach durfte sich der Coach ein bisschen selbst feiern. Schon vor ein paar Wochen hatte er dem Daily Telegraph erzählt, sein größtes Problem sei, dass er "ständig besser" werden würde. Am Sonntag fügte er genüsslich hinzu, dass er eigentlich "dumm" sei, sich keine Liga ausgesucht zu haben, "wo selbst der Zeugwart Meister (als Trainer) werden kann". Das war - natürlich - auf Intimfeind Pep Guardiola gemünzt.

Dessen 0:3-Niederlage in Barcelona wird Mourinho zusätzlich amüsiert haben. Darüberhinaus bestätigte der Klub inoffiziell Berichte, wonach der Seitenlinien-Zampano seinen bis 2017 datierten Vertrag vorzeitig um zwei Jahre verlängern wird. Zu angehobenen Bezügen versteht sich. Kolportiert werden Summen von 15 Millionen Euro. 

Wird sie also tatsächlich einkehren, die vielversprochene "Stabilität" an der Fulham Road? Dreizehn Mal hatte Mourinho bei seiner Vorstellung im Juni 2013 das Wort erwähnt, um zu zeigen, dass er nach vielen Wechseln nun Ruhe und Kontinuität anstrebe. Beides wird es aber nur mit Titeln geben. Mittelfristig steckt da also auch Mou in der Guardiola-Falle.

Je öfter er Meister wird, desto mehr wird man ihn an den Ergebnissen der Champions League messen. International muss Chelsea im nächsten Jahr deutlich mehr leisten - neuer Vertrag hin oder her. 

Raphael Honigstein, geboren 1973 in München, zog 1993 nach London. Dort lebt und arbeitet er als Journalist und Autor. Für SPORT1 berichtet er in seiner wöchentlichen Kolumne über alle
Themen rund um den englischen Fußball. Honigstein arbeitet unter anderem für die "Süddeutsche Zeitung", das Fußballmagazin "11 Freunde", die englische Tageszeitung "The Guardian", den Sportsender "ESPN" und ist in England und Deutschland als TV-Experte tätig.

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