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Premier League
Raphael Honigstein analysiert in seiner SPORT1-Kolumne den englischen Kaufrausch © SPORT1 Grafik: Paul Haenel/Getty Images

Raphael Honigstein analysiert in seiner SPORT1-Kolumne den Transferwahnsinn der Premier League und die Auswirkungen des Kaufrauschs auf die Bundesliga.

"Made in Germany" ist eine britische Erfindung. Die Bezeichnung für deutsche Waren wurde 1887 auf der Insel als Vergeltung für protektionistische Maßnahmen des Kaiserreichs eingeführt.

Britische Kunden sollten, so hoffte man, im Zweifel die Importware aus dem Land der Hunnen verschmähen. 

Doch der vermeintlich Makel entpuppte sich bald als universal geschätztes Qualitätsmerkmal, dessen Anziehungskraft auch von zwei Weltkriegen und diversen Fußball-Fehden nicht geschmälert wurde.

Heute gibt es in England sogar Firmen wie Möben Kitchens (Leicester), die sich mit einem Deutsch klingenden Namen - komplett mit Umlaut, versteht sich - als "german” ausgeben. 

"Made in Germany" ist nicht zuletzt seit dem Gewinn der Weltmeisterschaft in Brasilien auch in der Premier League wieder sehr gefragt. Aus Sicht der finanzstarken Briten ist die sehr viel vernünftiger wirtschaftende Bundesliga eine Art Designer Outlet.

Man bekommt dort, anders als auf dem heimischen Markt, viel Qualität für relativ wenig Geld. Zehn Millionen Euro für einen Shinji Okazaki (von Mainz nach Leicester) oder acht Millionen für Joselu (Hannover 96 zu Stoke City) muten zwar recht wahnwitzig an. Aber in der Premier League gehen solche Tarife durchaus noch als Schnäppchen durch.

Stürmer mit vergleichbarer Trefferquote, wie Wilfried Bony (elf Tore in 2014/15 für Swansea bzw Manchester City) werden hier für 35 Millionen transferiert.

Auch die 41 Millionen Euro (inklusive aller theoretischen Bonuszahlungen), die der FC Liverpool für Roberto Firmino gerade an die TSG Hoffenheim überwiesen hat, machen in der von TV-Geldern regelrecht überschwemmten Liga keine große Wellen.

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Der FC Liverpool lässt sich Roberto Firmino von 1899 Hoffenheim bis zu 41 Millionen Euro kosten © Getty Images

4,58 Milliarden Euro haben die zwanzig Erstligisten 2013/14 umgesetzt - über zwei Milliarden mehr als die 18 Bundesligisten (2,45 Milliarden) in der selben Spielzeit.

Der durchschnittliche Premier-League-Klub hatte in etwa 100 Millionen Euro mehr zur Verfügung als sein Pendant in Deutschland. Es ist nicht verwunderlich, dass in Anbetracht solcher Bilanzen im deutschen Oberhaus schon von "Angst" und "Ausverkauf" die Rede ist. 

Vergessen wird dabei jedoch, dass bei einem derartigen Vergleich der Ligen weniger die absoluten Zahlen ins Gewicht fallen, als das Verhältnis, in dem diese zueinander stehen.

Der relative Vorsprung der Premier League ist nicht, wie allgemein angenommen, sprunghaft größer geworden, sondern bewegt sich weiter exakt an der historischen Obergrenze der letzten 20 Jahre. Genau wie zur Jahrhundertwende und in der Spielzeit 2003/04 wurde in England in der vorvorletzten Saison rund 1,8 Mal so viel eingenommen wie in der Bundesliga.

Die deutschen Profiklubs kamen ab und an näher heran. 2009/10, im Zuge der Finanzkrise, spielte die Premier League beispielsweise nur das eineinhalbfache an Mitteln ein. Doch unter dem Schnitt hat sich seit der Euro 1996 eigentlich nichts verändert. Wer in etwa das Doppelte verdienen möchte, geht auf die Insel - wenn er denn einen Verein findet, der ihn will. 

Kevin Wimmer kam 2012 vom LASK Linz zum 1. FC Köln v VfL Wolfsburg - Bundesliga
Auch Kevin Wimmer spielt in der nächsten Saison in der Premier League © Getty Images

Für Profis vom Schlage eines Kevin Wimmer (für sieben Millionen von Köln zu Tottenham Hotspur), für Okazakis und Joselus ist so ein Wechsel allein finanziell ein No-Brainer. Eine knappe Milliarde Euro an zusätzlichen TV-Einnahmen pro Jahr ab 2016/17 wird es den englischen Klubs noch leichter machen, sich Spieler der Bundesliga-Mittelklasse einzuverleiben.

Im Gegenzug können es sich die deutschen Klubs dank ihrer sehr effektiven Nachwuchsförderung aber auch leisten, Spieler dieser Kategorie für Unsummen abzugeben. Der sportliche Qualitätsverlust bleibt überschaubar.

Und gestandene Nationalspieler oder deutsche Jungprofis mit Ambitionen auf einen Platz im Kader eines deutschen Champions-League-Vertreters werden auch in Zukunft sehr genau überlegen, ob und wo sie ihr Glück in der Premier League versuchen wollen.

Momentan geht die Tendenz bei der Akademie-Generation eher dahin, erst einmal so weit wie möglich im Inland voran zu kommen, um dann später vielleicht den großen Schritt zu machen - zu Real Madrid, dem FC Barcelona, Chelsea oder  Manchester United. West Brom, Sunderland oder Norwich werden dagegen trotz ihrer enormen Ressourcen wohl auch zukünftig so schnell keine echten "Made in Germany"-Topstars anlocken können.

Der Boom auf der anderen Seite des Ärmelkanals birgt also insgesamt mehr Chancen als Risiken für die Liga. Für die deutschen Spitzenklubs aber wird es auf Dauer schwerer werden, auf europäischer Bühne konkurrenzfähig zu bleiben.

Sie müssen entweder ihre traditionell niedrigen Lohnkosten, die momentan durchschnittlich nur knapp 40 Prozent des Umsatzes ausmachen, deutlich anheben  - oder, wie die Engländer, mit Hilfe eines zweiten Pay-TV-Partners sehr viel höhere Fernsehgelder generieren. Diesen zu finden bleibt die größte und auf Dauer wichtigste Herausforderung der DFL.

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