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Raphael Honigstein (l.) analysiert für SPORT1 das Geschehen in der Premier League

Raphael Honigstein widmet sich in seiner Kolumne der Berufsauffassung von Chelsea-Star Diego Costa. Die Diskussion um seine Sperre bewegt den englischen Fußball.

Fran Guillens sehr lesenswerte Diego-Costa-Biografie "The Art of War" (Backpage) beginnt mit dem ersten Arbeitstag des gebürtigen Brasilianers beim FC Chelsea im Sommer 2014.

Diego Costa hat sich von Teamkollege Oscar einen Begrüßungssatz auf Englisch vorbereiten lassen, ihn in den Stunden zuvor immer wieder allein geübt. Als er Nemanja Matic, John Terry, Branislav Ivanovic und Gary Cahill auf dem Trainingsgelände in Cobham vorgestellt wird, stellt sich Diego Costa gerade hin und trägt nicht ganz akzentfrei seine einstudierte Zeile vor: "I go to war. You come with me." (dt.: "Ich ziehe in den Krieg. Ihr kommt mit") 

Die Chelsea-Spieler mussten nach dieser Kriegserklärung ein wenig schmunzeln, schreibt Guillen, aber sie haben sich wohl auch über die Berufseinstellung des neuen Stürmers gefreut.

Einer wie Diego Costa, der die Gegner gleich an vorderster Front niederkämpft, hatte den Blauen seit dem (ersten) Abschied von Didier Drogba im Jahr 2012 gefehlt. José Mourinho hatte den Ivorer während seiner ersten Amtszeit an der Stamford Bridge als Mann bezeichnet, "mit dem man in den Krieg ziehen kann"; vielleicht wusste Diego Costa das. 

Großer Anteil am Titelgewinn

Mit seinen 20 Ligatoren hatte der für Spanien spielende Stürmer aus der Stadt Lagarto einen großen Anteil an Chelseas Titelgewinn im Vorjahr. Wie viele Verteidiger angesichts seiner ständigen Provokationen und Nickligkeiten im Rücken der Referees die Nerven verloren, wurde von der Statistik nicht erfasst.

Der Meister wird in den kommenden Wochen seine Schlachten jedoch alleine führen müssen, da der 26-Jährige am Dienstag nachträglich für drei Partien gesperrt wurde.

Raphael Honigstein
Raphael Honigstein © SPORT1

Die Football Association entschied, dass der grenzenlos naive Schiedsrichter Mike Dean bei Chelseas 2:0-Sieg gegen Arsenal am Samstag "violent conduct" - eine Tätlichkeit - gegenüber Laurent Koscielny übersehen hatte und bestrafte den Angreifer mit Hilfe des Videobeweises. Diego Costa hatte dem Franzosen zwei Mal ins Gesicht gelangt bzw geschlagen und dazu noch Gabriel am Nacken gekratzt. Letzteres Vergehen wurde aber nicht geahndet.

Revanche-Hackenschlag gegen Costa

Arsenal-Verteidiger Gabriel, der sich zu einem leichten Revanche-Hackenschlag gegen Diego Costa hatte hinreißen lassen und deswegen mit Rot vom Platz geflogen war, wurde gleichzeitig überraschend freigesprochen. Die FA akzeptierte Arsenals Einspruch gegen Gabriels Sperre für drei Spiele und erklärte, der Brasilianer sei "fälschlicherweise" vom Platz gestellt worden.

Gründe für diese Auslegung nannte der Verband nicht. Arsenal hatte dem Vernehmen nach argumentiert, dass Gabriel seinen Landsmann nicht getroffen hatte. Der Verteidiger wird am Donnerstag aber voraussichtlich für ein zweites Vergehen, "improper conduct” (ungebührliches Verhalten) für ein Spiel gesperrt.

Er hatte sich nach der Roten Karte geweigert, den Rasen zu verlassen. 

Mesut Özil (l.) wechselte im vergangenen Jahr von Real Madrid nach London
Arsene Wenger (r., mit Mesut Özil) ist seit 1996 Trainer des FC Arsenal © imago

Wenger und Mourinho nicht zufrieden

Erwartungsgemäß sind nach dieser Wende weder Arsène Wenger noch Mourinho zufrieden. Der Arsenal-Coach beklagte, dass die FA "nur fünf Prozent des Schadens" behoben habe, der den Gunners durch den Platzverweis und die daraus resultierende Niederlage im Derby zugefügt worden sei.

Mourinho giftete, dass Vergeltungsaktionen nun wohl offiziell erlaubt sein, hielt sich aber aus Eigenschutz mit weiteren Einlassungen zurück. "Wenn ich sage, was dich denke, wartet eine lange Sperre auf mich. Es reicht schon, dass die Mannschaft einen wichtigen Spieler verloren hat", sagte der Portugiese. 

Die Diskussionen auf der Insel werden noch eine Weile weitergehen, weil die Affäre um Kriegskünstler Diego Costa gleich zwei große Geschichten erzählt. Zum einen symbolisiert der Mann mit der Banditenvisage exakt jene "Sieg um jeden Preis"-Mentalität, die Mourinhos Chelsea von Wengers Arsenals unterscheidet.

"Sein Kampfgeist geht Arsenal schon seit Jahren ab", schrieb die Times am Montag. Mourinho selbst schien sich dieser Deutung anzuschließen. "Arsenal hat jede Saison den Kader, um Meister zu werden", sagte er nach der Partie.

Warten auf den Titel

Den Kader, wohlgemerkt - aber nicht die nötige Einstellung, oder vielleicht nicht den nötigen Trainer. Die Gunners warten seit elf Jahren auf einen Meistertitel. 

Darüberhinaus wirft Diego Costas Bösewicht-Theatralik die Frage auf, ob sie ein schlechtes Vorbild für die Jugend darstellt oder als originelle Facette des Unterhaltungsprodukts Premier League doch eher zu begrüßen ist.

"Er ist ein vollendeter Künstler", schrieb der Guardian in Anbetracht der vielen, vom Unparteiischen übersehenen kleinen Grausamkeiten, "es ist in gewisser Weise bewundernswert, wie er es schafft, sein Schurkentum vor aller Augen zu verstecken." Das Publikum habe ja insgeheim seinen Spaß daran, ihn auszubuhen, gab das seriöse Blatt zu bedenken.

Rolle des "Baddie"

Das stimmt natürlich. Nach dem Abschied von Luis Suarez musste die Rolle des "Baddie" in der Premier League neu besetzt werden. Diego Costa gibt den Leuten, was sie wollen: ein prima Feindbild, noch dazu im Dress der außerhalb West-Londons nicht übermäßig gut gelittenen Truppe von "Mou".

Trotzdem muss der spanische Nationalspieler ähnlich wie Drogba, der sich nach ein paar Jahren auf der Insel die Schwalben abgewöhnte, zukünftig sein Spiel umstellen bzw den Aggro-Pegel ein wenig runterdrehen, da  die Kameras in der Folge noch stärker auf ihn ausgerichtet sein werden.

Kleinkriminelle gehen bei den Briten nur als coole Anti-Helden durch, solange sie sich nicht erwischen lassen. Als Tribünenhocker aber kann auch Diego Costa keinen Krieg gewinnen. 

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