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Der Medienrummel in England wird für Jürgen Klopp beim FC Liverpool eine ganz neue Herausforderung © SPORT1-Grafik: Gabriel Fehlandt/Getty Images

Der Hype um Jürgen Klopp schlägt in England schnell auch ins Negative um. SPORT1-Kolumnist Raphael Honigstein nennt das warnende Beispiel Mourinho und Klopps Trumpf.

Von Raphael Honigstein

Jürgen Klopp hat noch keine Minute während eines Premier-League-Matches auf der Bank gesessen, aber die Berichterstattung über den neuen Trainer des FC Liverpool hat schon die dritte Stufe des höllisch schnellen Nachrichtenkreislaufs in England erreicht: den Backlash gegen den Backlash, die Kritik an der Kritik. 

Das überwiegend positive, gar enthusiastische Echo auf die Anstellung des 48-Jährigen hatte erwartungsgemäß umgehend die üblichen Zweifler und Mahner nach sich gezogen.

Warnungen vor der Schwere der Aufgabe, vor den Problemen des Kaders und vor der größeren Konkurrenz im oberen Tabellendrittel im Vergleich zur Bundesliga folgten auf dem Fuß.

Blanker Neid auf die gute Stimmung an der Mersey mag dabei auch eine Rolle gespielt haben. "Hat Jürgen Klopp schon das Rad neu erfunden?" twitterte beispielsweise Guardian-Journalist Jamie Jackson, der es eher mit den Roten aus Manchester hält. 

Warum aber soll man sich das Spiel verderben lassen, bevor es überhaupt angefangen hat, fragen sich nun die Liverpool-Sympathisanten.

Vernunft ist ein teures Gut

Simon Hughes, im Hauptberuf der Reds-Korrespondent des Independent, schrieb in einem Blog für The Anfield Wrap, dass es an Zeit sei, "alles nicht so ernst zu nehmen". Es müsse doch möglich sein, sich mit Optimismus im Herzen auf bessere Zeiten zu freuen, ohne dabei komplett den Kopf zu verlieren. 

Vernunft ist jedoch leider ein teures Gut geworden. Die Rasanz und Schärfe der Reaktionen in den Sozialen Netzwerken hat auch die Urteile in britischen Zeitungen extremer in beide Richtungen ausschlagen lassen. Man ist entweder hero oder zero, dazwischen ist im Grunde nichts. 

Das erklärt, warum Klopps Debüt, das Auswärtsspiel bei Tottenham Hotspur am Samstagmittag schon im Vorfeld gewaltige Wellen schlägt.

"Zweifler" wie "Gläubige", um in der Kloppschen Diktion zu bleiben, versprechen sich davon den ersten erfolgreichen Feldzug gegen das Lager der Gegner. (Klopps Heimpremiere in der UEFA Europa League bei SPORT1)

Die Möglichkeit, dass der Schwabe an der White Hart Lane weder seine Qualitäten als Heilsbringer untermauern noch als Blender enttarnt werden könnte, sondern vielleicht mit einem Unentschieden starten könnte, wird ob des gewaltigen Hypes und Anti-Hypes nur von wenigen besonnenen Beobachtern wie Hughes wahrgenommen. 

Mourinho als warnendes Beispiel

Klopp wird sich wie alle Ausländer in der Prem mit der Sprunghaftigkeit der öffentlichen Meinung arrangieren müssen, am Besten sollte er sie weitgehend ignorieren.

Kollege Jose Mourinho hat nicht zuletzt auf Dauer Probleme in jedem Amt, weil er sich beim Versuch, die Debatten komplett zu steuern, letztlich immer wieder verheddert. 

Der Kult, der auf der Insel um Trainer gemacht wird, kann leicht zu Großmannssucht verführen. Klopp wird, wie die anderen Trainer in der Liga, das Gesicht seines Klubs sein, der einzige Entscheidungsträger, der sich zu sportlichen Dingen äußert.

Sportdirektoren (soweit vorhanden), Präsidenten oder Eigentümer stehen in England nicht für Stellungnahmen zur Verfügung, anders als Hans-Joachim Watzke wird FSG-Boss Tom Werner nicht wöchentlich die Entwicklung des Vereins kommentieren.

Spieler kommen hier auch eher selten bis gar nicht zu Wort. Dass sie, wie zum Beispiel in Dortmund, offen über Probleme oder Defizite vor der Kamera reden, ist undenkbar. Das darf nur der Trainer. 

Absolute Meinungshoheit Segen und Fluch

Klopp wird die absolute Meinungshoheit voraussichtlich genießen. Aber alles ganz alleine erklären zu müssen, kann auch eine Last sein, die so manchen Übungsleiter mit der Zeit erdrückt.

An Stelle der Bewertungen und Schützenhilfe der Verantwortlichen und Kicker tritt eine Medienmaschine, die unentwegt Wörter ausspuckt, am liebsten in Lautstärke zehn.

Vorgänger Brendan Rodgers flog das am Ende alles um die Ohren. Der Nordire scheiterte beim aussichtslosen Versuch, die Kakophonie mit staatstragenden Sätzen ("Meine Philosophie" usw.) zu übertönen. 

Normalo-Charme als stärkste Waffe

Klopps stärkste Waffe in den ersten Wochen dürfte gerade deshalb sein außergewöhnlicher "Normalo"-Charme sein.

Die mit einem Lächeln vorgetragenen "mich interessiert nur das nächste Spiel"-Attitüde.

In der mittlerweile meist bleiernsten Premier League mag das ein Novum sein, aber im Grunde kommt hier mit Klopp nur eine urenglische Einstellung zurück auf die Insel:

Fußball, das wusste man früher, ist doch viel zu wichtig, um todernst genommen zu werden.

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