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Slaven Bilic, Trainer von West Ham United, spricht bei SPORT1 über die namhafte Konkurrenz in der Premier League © SPORT1/Grafik: Philipp Heinemann

München - Im Schatten großer Namen sorgt ein Trainerfuchs in der Premier League für Aufsehen. Im SPORT1-Interview gibt sich Slaven Bilic bescheiden - genau das ist sein Trumpf.

Slaven Bilic passt in keine Schublade. Wahrscheinlich kommt der 47-Jährige deshalb so gut an - bei Fans und Journalisten. Seit Sommer ist der frühere Bundesliga-Profi des Karlsruher SC Trainer in der Premier League bei West Ham United. Und das überaus erfolgreich.

Aktuell belegt der Klub Platz acht. Bilic stellte mit seinem Team zudem einen Startrekord mit drei Auswärtssiegen beim FC Arsenal, Manchester City und beim FC Liverpool auf. Vor dem legendären Boxing Day spricht der Kroate im SPORT1-Interview über seinen Job, Jürgen Klopp, Bastian Schweinsteiger - und eine Rückkehr nach Deutschland. 

SPORT1: Herr Bilic, Sie sind seit Sommer Trainer bei West Ham United. Was sind die Gründe für den Erfolg?

Slaven Bilic: Es läuft sehr gut, das stimmt. Wir sind zufrieden und die Verantwortlichen sind zufrieden mit mir. Aber es fällt mir natürlich auch etwas leichter, weil ich schon für West Ham gespielt habe (1995 bis 1997, d. Red.). Ich kenne den Verein und habe auch die nötige Erfahrung durch meine Arbeit bei der kroatischen Nationalmannschaft, Lokomotive Moskau und Besiktas Istanbul. Außerdem habe ich einen tollen Trainerstab. Und das Wichtigste: Wir haben eine tolle Mannschaft mit einem tollen Charakter, individueller Qualität und Entwicklungspotential.

SPORT1: Viele Fußballfans und Journalisten bezeichnen Sie als cool. Das freut Sie doch, oder?

Bilic: Es ist für mich wirklich schwer über mich zu reden und mich dann auch noch selbst zu loben. Das sollen andere Leute machen. Wenn Jemand gut über mich redet, freue ich mich natürlich. Ich bin kein cooler Typ, ich bin ein ganz normaler Junge, probiere auch normal zu sein im Umgang mit meinen Mitmenschen. Ich bin auch nicht besonders. Ich mag diesen Begriff nicht, um mich zu beschreiben. Ich bin mit 47 auch nicht mehr der Jüngste, dass ich so cool sein könnte (lacht).

SPORT1: Sie hatten früher eine eigene Rockband mit dem Namen "Rawbau". Was macht das Gitarre spielen?

Bilic: Oh ja, das war eine tolle Zeit, aber ich spiele schon lange nicht mehr. Sie hängt im Keller. Ich habe gespielt zwischen dem Ende meiner Karriere als Spieler und dem Beginn als Fußballtrainer. Seit zehn Jahren habe ich keine Gitarre mehr angefasst. Ich lebe nur für den Fußball und für die Familie. Dieser Beruf als Trainer lässt dir wenig Zeit, ein richtig schönes Hobby auszuüben. Leider. Ich habe immer mit Fußball zu tun, auch an meinen freien Tagen bespreche ich mit meinen Assistenten das letzte Spiel und bereite das nächste schon wieder vor. Und ich habe dazwischen auch noch Interviews (lacht).

SPORT1: Wie empfinden Sie das Leben in England, seit Sie wieder zurück sind?

Bilic: Es fiel mir gar nicht schwer mich wieder einzugewöhnen, weil ich schon in London und in Liverpool gespielt und gelebt habe. Ich kannte alles - die Leute, die Sprache, die Mentalität. Und auch den Klub. Es war für mich viel leichter als für einen Trainer, der neu zu einem Verein kommt wie zum Beispiel Jürgen Klopp. Ich liebe England und fühle mich hier total wohl. Aber auch die letzten zwei Jahre bei Besiktas Istanbul waren eine super Zeit.

SPORT1: Obwohl es dort sportlich nicht so gut lief. Warum?

Bilic: Der sportliche Erfolg war nicht riesig, aber es war dennoch gut. In der Türkei und besonders für Klubs wie Besiktas ist es nur super, wenn du Meister wirst. Man muss aber auch bedenken, dass wir in den zwei Jahren nicht in unserem eigenen Stadion gespielt haben. Wir hatten kein Heimstadion, mussten die meiste Zeit in Ankara spielen. Dies bedeutete teilweise sechs Reisetage in einer Woche mit Europa League Spiel. Das war natürlich nicht so schön, auch für die Fans nicht. Wir haben bis zum Ende um die Meisterschaft gekämpft und es war gut, was wir unter diesen Umständen erreicht haben.

SPORT1: Als Spieler hatten Sie Ihre beste Zeit beim Karlsruher SC. Wie realistisch ist eine Rückkehr als Trainer nach Deutschland?

Bilic: Karlsruhe war eine tolle Zeit in meiner Karriere als Spieler. Ich wünsche dem KSC, dass sie es so bald wie möglich schaffen wieder in der Bundesliga zu spielen. Als Fußballtrainer weißt du nicht, wo du im nächsten Jahr sein wirst. Ich war in Kroatien, Russland, in der Türkei und jetzt in England. Es ist ein Vagabundenleben. Ich denke nicht zu weit voraus. Es geht so schnell nach oben und nach unten, da hilft es dir nicht weiter, einen extremen Langzeitplan zu haben.

SPORT1: Sie haben früher Jura studiert. Warum wollten Sie eigentlich nie Anwalt werden?

Bilic: Ganz einfach: Ich war immer Sportler. Ich war zwar gut in der Schule, bis zur Universität, aber für mich war stets klar, dass ich mit dem Fußball leben möchte. Das war mein großer Wunsch.

SPORT1: Lassen Sie uns über Ihren Trainerkollegen Jürgen Klopp sprechen. Wie haben Sie ihn in seinen ersten Monaten in England erlebt?

Bilic: Jürgen Klopp ist ein überragender Trainer. Er ist einer der besten der Welt. Ich mag ihn. Was er mit Borussia Dortmund geschafft hat, war unglaublich. Das war einfach wunderbar. Mein Co-Trainer Edin Terzic hat unter ihm beim BVB gearbeitet und mir sehr viel Gutes berichtet. In England sagt man "Perfect Match". Das ist Klopp für Liverpool. Er passt perfekt zum Klub. Er hat viel Energie und das ist einfach großartig. Liverpool spielt anders, seit Klopp da ist. Man sieht, dass da eine neue Power ist. Ich glaube, dass Klopp der richtige Trainer für die Reds ist. Er wird lange dort arbeiten.

SPORT1: Und was sagen Sie zu Bastian Schweinsteiger?

Bilic: Er ist eine Legende. Manchester United ist ein Riesen-Klub, aber wenn Bastian spielt, dann steht sofort ein Chef auf dem Platz. Er hat diese Autorität und diesen Charakter, den ein großer Spieler haben muss. Zurzeit spielen er und das Team noch nicht optimal, aber was mich beeindruckt, ist, dass er ein Leader ist, seine Entwicklung ist einzigartig. Sein Charakter war niemals fragwürdig. 

SPORT1: Wo geht es hin für West Ham United?

Bilic: Jedes Spiel in der Premier League ist so schwer. Ein Blick auf die Tabelle genügt. Jede Mannschaft ist gut und es gibt keine leichten Spiele. Auch nicht für Manchester United, Manchester City, Arsenal oder Liverpool. In jedem Verein spielen viele gute Spieler mit internationaler Erfahrung. Wir haben gezeigt, dass wir jeden schlagen können. Wir werden kämpfen und alles geben, um oben zu bleiben. Ob ich bis zum Vertragsende 2018 bei West Ham sein werde, kann ich leider nicht sagen. Meine Philosophie ist, dass dein Vertrag dir gar nichts garantiert. Mein Vertrag gilt für die nächsten Spiele. Wenn wir gut spielen, dann geht es weiter.

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