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SPORT1-Kolumnist Raphael Honigstein analysiert Jürgen Klopps Lage © SPORT1 Grafik: Getty Images

Jürgen Klopp kann im Sommer auf Shopping-Tour gehen. SPORT1-Kolumnist Raphael Honigstein erklärt, welche Spieler Klopp für den Erfolg in Liverpool noch fehlen.

"Wir brauchen keine Leute, die nur auf den fahrenden Zug aufspringen wollen", hat Jürgen Klopp neulich gesagt. Das spielte auf potenzielle Neuverpflichtungen an, die sich aus Sicht des Deutschen Gedanken über die falschen Dinge machen.

Das Wetter: ja, ist im Norden der Insel noch mal eine Spur schlechter als im Süden. Liverpool: okay, ist bei aller herben Schönheit sicher nicht London. Liverpool FC: ist in der kommenden Saison leider nicht in der Champions League. (Es sei denn, der Verein gewänne die Europa League, was beim Kaliber des nächsten Gegners, dem Klopp bestens vertrauten BVB, eher unwahrscheinlich ist).

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Der 48-Jährige will Spieler, die über derartige Kleinigkeiten und kurzfristige sportliche Nachteile hinwegsehen und dafür an das große Ganze glauben. An den Mythos LFC, an die Entwicklungsmöglichkeiten an der Anfield Road, an das Team und an den Trainer. 

Volles Vertrauen in Klopp wegen schlechter Erfahrungen

Bei den Reds hat man sich nach den schlechten Transfermarkt-Erfahrungen der letzten Jahre entschlossen, auf das Knowhow des neuen Übungsleiters zu vertrauen. Anders als Vorgänger Brendan Rodgers, der nur ein Teil des berüchtigten Transferkomitees war, hat Klopp binnen sechs Monate sehr viel Macht aufgebaut.

Die drei, vier Spieler, die der Kader braucht, um auf ein höheres Niveau zu kommen, darf er persönlich aussuchen. "Man lässt ihn machen", sagt ein Vereins-Insider, der in den vergangenen Jahren von den amerikanischen Eigentümern ganz anderes gewohnt war. Die fußballfremden Unternehmer zogen gerne Daten und Statistiken in der Bewertung von Kickern heran, doch was fehlte, war die Kompetenz in der abschließenden Beurteilung.

Flügelstürmer Sadio Mane, den der FC Southampton im Sommer 2014 für 15 Millionen Euro von Red Bull Salzburg verpflichtete, war beispielsweise auch dem FC Liverpool angeboten worden, dort aber in der internen Computeranalyse wegen zu schlechter Werte durchgefallen.

Mittlerweile dürfte der Marktwert des Senegalesen bei etwa 40 Millionen liegen. Vielleicht zahlt Manchester United auch 60 Millionen für ihn, wenn Geschäftsführer Edward Woodward Ende August mal wieder die Düse geht. 

Bundesliga-Stars auf Klopps Liste

Nach der Verpflichtung von Joel Matip für die Abwehr fehlt Liverpool noch ein Torhüter. Loris Karius und Timo Horn dürften ein Thema werden, falls Marc-André ter Stegen tatsächlich zu Man City geht. Dazu wird ein Schlüsselspieler fürs offensive Mittelfeld gebraucht, wo Liverpool viele gute Leute, aber keinen Einzelkönner der Spitzenklasse hat.

Mario Götze im körperlicher und mentaler Bestform könnte die Mitspieler mit Sicherheit besser machen. Streng genommen geht dem Kader aber nicht der Typ Götze ab, sondern ein echter Spezialist für den Flügel. Klopp wird sich diese Personalie genau überlegen. Am Ende könnte die Entscheidung daran hängen, ob der Kaufpreis Raum für eine zweite Investition in diesem Mannschaftsteil lässt.

Darüber hinaus ist natürlich auch dringend ein Stürmer von Nöten, der ins Klopp'sche System passt. 40-Millionen-Mann Christian Benteke wird wohl mit Verlust verkauft werden. Der Belgier beschwerte sich kürzlich, dass ihn Klopp, der ihn einst zum BVB holen wollte, nicht mehr spielen lässt. Das wird beim Schwaben nicht gut angekommen sein.

Bentekes mangelnde Körperspannung an der vordersten Front ist Gift für das Pressing-Spiel der Roten. Kollege Daniel Sturridge steht ob einer endlosen Verletzungsserie ebenfalls zur Disposition. Der Abgang der beiden Angreifer würde im zentralen Sturm und auf der Gehaltsliste Platz für einen verlässlicheren Torjäger machen.

Wieder auf Talente setzen, statt auf Stars

Ähnlich wie BVB-Sportdirektor Michael Zorc muss Klopp sich nach Torjäger-Talenten umschauen, die erst an der Schwelle zum absoluten Durchbruch stehen. Größere Kaliber wird man schwerlich an die Mersey locken können, denn die gehen zu den real existierenden Topklubs, nicht zu "Projekten".

Dass Liverpool momentan nur ein Versprechen ist, hat Klopp mit seiner Bahnverkehr-Metapher indirekt zugegeben. Die Lokomotive dampft und pfeift vorne schon sehr eindrucksvoll. Doch bis der Zug hinter ihr auch so richtig ins Rollen kommt, wird es noch mindestens ein Jahr dauern.

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