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SPORT1-Kolumnist Raphael Honigstein beleuchtet Großbritanniens drei Achtelfinal-Teams bei der EM und die Auswirkungen des Brexit © SPORT1-Grafik: Paul Hänel/Getty Images

London - SPORT1-Kolumnist Raphael Honigstein schreibt über die drei britischen Mannschaften im Achtelfinale der EM und die Auswirkungen des Brexit.

Vor ein paar Tagen wurde auf der Insel noch viel gelacht, und der beste Witz ging so: "Liebes Schottland: Kannst du bitte noch etwas länger unsere Blumen gießen und mit dem Hund rausgehen? Wir bleiben noch ein bisschen länger in Frankreich." 

Ja, England, Wales und Nordirland haben Fußball-Britannien bei dieser Europameisterschaft bisher sehr groß aussehen lassen. Nur die Nachbarn nördlich der Tweed-Grenze dürfen nach der verpassten Qualifikation unter Gordon Strachan nicht mitkicken, das lädt natürlich zu Spott ein.

Mit der guten Laune ist es jedoch seit der Referendumsnacht vorbei. Das Vereinigte Königreich hat beschlossen, die Europäische Union zu verlassen, Pfund und Aktienmarkt brachen am Freitagmorgen prompt zusammen. Niemand weiß, wie es vorerst weiter geht.

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Aber schon jetzt steht fest, dass der zurückgetretene Premierminister David Cameron seinem Nachfolger ein tief gespaltenes Land hinterlässt. London, junge Leute, Nordirland und Schottland haben überwiegend für den Verbleib in der EU gestimmt; ältere Leute, Wales und der Rest Englands überwiegend für den Austritt.

Am Samstag werden sich bei der EM 2016 in Frankreich nach dem kleinsten aller "Battles of Britain" entweder Wales oder Nordirland aus Europa verabschieden. Es gibt keine sportliche oder politische Rivalität zwischen den beiden Ländern, das unterschiedliche Wahlverhalten fällt nicht ins Gewicht.

Es wird also, und das ist eine der wenigen guten Nachrichten in diesen düsteren Stunden, im Pariser Parc des Princes nur um den Einzug ins Viertelfinale gehen. Wales ist dank Superstar Gareth Bale Favorit, und dazu nach dem Gruppensieg vor Roy Hodgsons Männern selbstbewusst wie nie zuvor.

"Es ist immer schön, England eins auszuwischen", sagte der Flügelstürmer von Real Madrid, "das war ein moralischer Sieg für uns".

Spanische Blätter spekulieren, dass der 26-Jährige nach dem Brexit der Briten seinen Status als EU-Spieler verlieren könnte, die Primera Division erlaubt derzeit nur vier Nicht-EU-Profis pro Team. Doch das wird frühestens in zwei Jahren ein konkretes Problem. Viel Zeit, um sich mit einem Einzug ins Viertelfinale - und vielleicht noch mehr - unsterblich zu machen. 

Zwei Tage später müssen die Engländer gegen Island in Nizza ran. Neben den üblichen Debatten um ein mögliches Elfmeterschießen (in Chantilly wurde sehr fleißig trainiert), die überzogene Kritik an Raheem Sterling, der als Sündenbock für die etwas verpatzte Gruppenphase herhalten muss, und die ideale Besetzung im Sturm, wird jetzt selbstverständlich auch Brexit zum Thema werden.

Nicht wenige enttäuschte Europäer, vielleicht sogar der eine oder andere verzweifelte britische EU-Befürworter, werden am Sonntag wohl den wackeren Isländern die Daumen drücken; ein englisches Viertelfinale gegen Gastgeber Frankreich, neben Deutschland das wichtigste Land in der EU, würde noch mehr politische Symbolik ins Turnier bringen.

Nationalistischen Kräften, die sich durch das Votum gestärkt fühlen, würde ein Sieg gegen die Equipe Tricolore bestens ins Kalkül passen (berechtigte Sorgen um die Vorreiterrolle der Premier League würde ein EM-Titel freilich nicht entkräften).

Bis es so weit ist, wird wenigstens noch auf der anderen Fußballinsel gelacht. Eine isländische Chartergesellschaft hat die 23 Mann mit den drei Löwen auf der Brust zu einer Segel-Tour in den nordischen Gewässern eingeladen, am Tag nach dem Match.

"Aus Höflichkeit und Gründen der isländischen Gastfreundschaft bieten wir Freikarten an, denn die armen englischen Spieler werden nicht unmittelbar in ein Land von 60 Millionen verärgerten Fußballfans zurückkommen können, wenn sie am Montag gegen einen kleinen Inselstaat mit 300.000 Einwohnern verlieren", sagte Firmenbesitzer Gudbjartur Jonsson. 

Einfach wird die Rückkehr aber unabhängig vom Ausgang des Turniers nicht werden. Denn das tolerante, moderne Land, das die britischen Kicker vor drei Wochen verließen, hat sich zwischenzeitlich leider selbst abgeschafft.

Raphael Honigstein, geboren 1973 in München, zog 1993 nach London. Dort lebt und arbeitet er als Journalist und Autor. Für SPORT1 berichtet er ab sofort in der wöchentlichen Rubrik "London Calling" über alle Themen rund um den englischen Fußball. Honigstein arbeitet unter anderem für die "Süddeutsche Zeitung", das Fußballmagazin "11 Freunde", die englische Tageszeitung "The Guardian", den Sportsender "ESPN" und ist in England und Deutschland als TV-Experte tätig.

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