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Die SPORT1-Redakteure Filippo Cataldo (li.) und Matthias Becker diskutieren über den Rekordtransfer von Paul Pogba. © SPORT1/Getty Images

Sind über 100 Millionen Euro von Manchester United an Juventus für Paul Pogba gerechtfertigt - oder setzt man den Spieler zu sehr unter Druck? Pro und Contra der SPORT1-Redaktion.

Filippo Cataldo: Pogba spielt für zwei

Paul Pogba ist unzweifelhaft der größte finanzielle Irrtum in der Geschichte von Manchester United. 105 Millionen Euro Ablöse für einen Spieler auszugeben, den man selbst ausgebildet und vor vier Jahren für eine Million Euro verscherbelt hat: Wahnsinn.

Und doch: Abgesehen davon, dass für keinen Menschen 105 Millionen Euro ausgegeben werden sollte, ist die Mega-Ablöse für Pogba gut investiert.

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Sicher, es gibt Fußballer, deren Wert für ihre Mannschaft noch besser durch nackte Zahlen belegt werden kann. Pogba ist keine Tormaschine und kein Vorlagenmonster, er ist nicht der allerschnellste und allergeschmeidigste Kicker des Planeten, auch nicht der trickreichste. Pogba ist kein neuer Zidane, noch nicht einmal ein neuer Xavi oder Iniesta.

Aber: Pogba hat keine Schwächen, er ist schon jetzt der der kompletteste Mittelfeldspieler der Welt. Sagenhaft auch seine Fähigkeiten als Balleroberer: In der Serie A fing er - meist als offensiver Mittelfeldspieler eingesetzt - laut Gazzetta dello Sport 600 Bälle von Gegnern ab. 

Wenn Pogba gut aufgelegt ist, steht seine Mannschaft mit gefühlt zwölf Spielern auf dem Platz - Pogba läuft, ackert, passt, trickst und schießt für zwei. Vor allem das ist das Geheimnis dieses immer noch erst 23 Jahre alten Spielers.

Vor allem das macht ihn so besonders, vor allem darum wusste man seit mindestens einem Jahr, dass irgendein Klub ihn spätestens diesen Sommer zum teuersten Spieler des Planeten machen würde.

Dass Pogba nicht die allerbeste EM gespielt hat, lag vor allem daran, dass er zu viel wollte. Für seine Entwicklung war das wahrscheinlich nur förderlich. Er weiß spätestens jetzt, dass seine Entwicklung noch nicht abgeschlossen ist. Er will noch besser werden. Das macht ihn zu einem Geschenk für jeden Trainer. 

Matthias Becker: United tut Pogba keinen Gefallen

In einem Punkt bin ich mit dem Kollegen Filippo Cataldo einig: Für keinen Menschen auf der Welt sollten 105 Millionen Euro ausgegeben werden. Dieser Markt ist völlig aus den Fugen geraten.

Wenn man zähneknirschend akzeptiert, dass das Fußball-Business solche Summen wie Spielgeld hin- und herschiebt, bleibt die Frage: Ist Pogba das Geld wert? Ich meine: Nein!

Denn, auch wenn Pogba im Trikot von Juventus schon gezeigt hat, dass er über viele aufregende Fähigkeiten verfügt, ist er mit seinen 23 Jahren noch zu unfertig als Spieler, um diesen Preis zu rechtfertigen.

Seine Schwächen sind offensichtlich und waren auf der großen EM-Bühne im Heimatland Frankreich für die ganze Welt zu besichtigen. Pogba spielt taktisch zu undiszipliniert, in entscheidenden Situationen will er zu viel alleine machen und erzwingen, um seinem Ruf als kommender Weltfußballer gerecht zu werden.

Dadurch taucht er überall und nirgends auf dem Platz auf, steht in Räumen, in denen er nichts zu suchen hat und zieht das gesamte Spiel seiner Mannschaft dadurch im schlechtesten Fall runter, statt es auf ein höheres Level zu heben.

So war es schon beim Champions-League-Finale 2015 gegen den FC Barcelona und so war es auch bei der EM, als sich Frankreich auf andere Stars verlassen musste.

Das heißt nicht, dass er diese Schwächen nicht beheben könnte. Mit Jose Mourinho bekommt er einen der besten Trainer der Welt. Doch wie viel Zeit wird Mourinho bekommen, bis von Pogba Wunderdinge erwartet werden?

Insgesamt hat Manchester United seinem ehemaligen Jugendspieler mit diesem spektakulären Deal keinen großen Gefallen getan.

Der Wechsel hat etwas von einem Statement-Transfer: Seht her, jetzt haben wir den teuersten Fußballer der Welt, nicht mehr Real Madrid.

Für Pogba wird das Preisschild um seinen Hals schwer zu tragen sein und ihn wieder in die Falle locken, es der ganzen Welt mit der Brechstange zeigen zu wollen. Kombiniert mit seinem extrovertierten und glamourösen Auftreten, wird das Engagement in Manchester ein Tanz auf der Rasierklinge.

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