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Steffen Freund über Transfers der Premier League
Ex-England-Profi Steffen Freund sieht das Transferverhalten der Premier-League-Klubs unkritisch © SPORT1-Grafik: Eugen Zimmermann/Getty Images/Imago

München - Steffen Freund hält die Transfersummen in der Premier League nicht für überzogen - und rechnet im SPORT1-Interview sogar mit einem weiteren großen Transfer.

Rund 1,2 Milliarden Euro haben die englischen Klubs vor der neuen Saison bisher schon für Neuzugänge ausgegeben - fast doppelt so viel wie die italienische Serie A (rund 650 Millionen Euro) und deutlich mehr als doppelt so viel wie die Bundesliga-Klubs (rund 520 Millionen Euro). Und das, obwohl das Transferfenster noch gar nicht geschlossen hat.

Für den ehemaligen Premier-League-Profi Steffen Freund kommt das jedoch nicht überraschend. Der 46-Jährige empfindet die Transferausgaben der englischen Vereine angesichts ihrer Finanzkraft auch nicht als überteuert.

Im SPORT1-Interview spricht der Europameister von 1996 über die Erwartungen der englischen Fans, bewertet die Aussichten der Top-Klubs und verrät, warum er noch mit einem großen Transfer rechnet.

SPORT1: Herr Freund, in der aktuellen Transferperiode ist in England so viel Geld im Umlauf wie noch nie. Für die meisten Spieler müssen die Klubs tief in die Tasche greifen. Gibt es dennoch Transfers auf der Insel, die Sie als vernünftig bezeichnen?

Steffen Freund: Grundsätzlich ist dort gar nichts überteuert. Die Premier League war schon immer die finanziell stärkste Liga. Wenn allerdings Paul Pogba, der aus der eigenen Jugend von Manchester United stammt, für über 100 Millionen Euro zurückgeholt wird, dann hat man vorher etwas falsch gemacht. Aber grundsätzlich sind die englischen Fans - wie wir es gerade bei Arsenal und Shkodran Mustafi sehen - glücklich, wenn man einen Verteidiger mehr im Kader hat. Die Einstellung zu den Investitionen der Vereine ist anders, weil diese börsennotiert sind. Und dazu zählt auch, neue, große Spieler jede Saison dazuzukaufen.

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SPORT1: Wenn man aber beispielsweise die Transfers von Mats Hummels und Mustafi miteinander vergleicht und sieht, dass Arsenal ein paar Millionen mehr ausgeben musste als der FC Bayern - stimmen dann die Relationen noch?

Freund: Das darf man nicht miteinander vergleichen, weil die Fernsehverträge in England deutlich mehr Geld einbringen als die in der Bundesliga, auch wenn diese zuletzt die Milliardengrenze geknackt hat. Diese Konstellation können wir doch nicht wegreden - und dass das Geld dadurch etwas lockerer sitzt, ist auch klar. Aber auch in der Bundesliga gibt es mit Bayern und Dortmund zwei Vereine, die solche Summen stemmen. Der BVB hat immerhin über 100 Millionen Euro investiert.

SPORT1: Letztes Jahr als Top-Transfer zu Manchester United geholt, sitzt Bastian Schweinsteiger nun auf der Tribüne. Ist auch das Gehaltsniveau in England mittlerweile so hoch, dass aussortierte Spieler - wie auch Yaya Toure bei Manchester City - lieber ihre Verträge aussitzen als zu wechseln?

Freund: Manchester United war der einzige Verein, der für Schweinsteiger nach Bayern in Frage kam. Und wenn dann ein neuer Trainer kommt, kann es passieren, dass er dich auf die Bank setzt oder dich in die zweite Mannschaft schickt. Ich würde ihn nicht abschreiben. Ich finde es gut, dass ein Spieler seinen Vertrag auch dann einhalten will, wenn ein Trainer sagt, dass er zu gehen hat. Mit welchem Recht sagt ein Verein, dass ein Spieler seinen Vertrag auflösen soll? Grundsätzlich sollte ein Vertrag von beiden Seiten eingehalten werden.

SPORT1: Wenn man die Top-Klubs betrachtet, hat vor allem Manchester United im Sommer für einige Ausrufezeichen auf dem Transfermarkt gesorgt...

Freund: ManUnited hat vor der Saison einen unglaublichen Druck gespürt. Man ist bereit gewesen, in Pogba den teuersten Spieler aller Zeiten zu holen, dazu Zlatan Ibrahimovic und Jose Mourinho. Der Saisonstart hat gezeigt, dass dort einiges möglich ist.

SPORT1: Noch mehr als ManUnited hat in der vergangenen Saison der FC Chelsea enttäuscht. Auch dort gab es einige Veränderungen und in Antonio Conte einen neuen Trainer - die richtige Entscheidung?

Freund: Chelsea hat nach einer ganz schlechten Saison nachgelegt, den Trainer gewechselt und einiges verändert. Die Maßnahmen haben beim Start gegriffen. Jetzt stehen auch Spieler wie Cesc Fabregas in Frage. Ich glaube, dass dies auch der richtige Weg ist. In England und auch bei Chelsea werden die Top-Gehälter gezahlt und die Spieler haben Leistung abzurufen. Ein noch besseres Beispiel ist Manchester City, wo Yaya Toure und Samir Nasri jetzt mal den Druck spüren, sich ihre Positionen neu erkämpfen zu müssen. Ansonsten sind sie raus.

SPORT1: Leicester und Arsenal sind als Meister und Vize-Meister eher schleppend in die Saison gestartet. Müssen sich die beiden Klubs Sorgen machen?

Freund: Bei Leicester war ein durchwachsener Start zu erwarten und bei Arsenal gehört es fast schon dazu, dass man bis zum 31. August nicht perfekt spielt und die Fans immer noch nach neuen Spielern rufen. Aber am Ende sind sie auch letztes Jahr Zweiter geworden und sie werden auch diese Saison eine gute Rolle spielen.

SPORT1: Liverpool und Tottenham waren auf dem Transfermarkt verhältnismäßig zurückhaltend...

Freund: Liverpool festigt sich immer mehr. Langfristig sind Liverpool und Tottenham vielleicht das geringste Risiko eingegangen, weil man schon in der vergangenen Saison viel eingekauft hatte. Sie haben gefestigte Mannschaften, die eingespielt sind. Tottenham hat eine starke Innenverteidigung und dazu zwei sehr gute Spieler gekauft. Mit Victor Wanyama haben sie einen sehr starken Sechser dazu geholt, Vincent Janssen kann offensiv alle Positionen spielen. Die Spurs haben in der Offensive eher ein Überangebot und deshalb überlegen sie, Spieler wie Heung-Min Son abzugeben.

SPORT1: Was halten Sie von Jürgen Klopp, der sich auch nicht scheut, einen Daniel Sturridge auf die Bank zu setzen?

Freund: Das, was er macht, ist der nötige Druck, und auch die Konkurrenzsituation ist für die Trainer positiv. Guardiola kann sagen: "Toure und Nasri nehme ich nicht mit." Toure war in den letzten Jahren einer der besten Spieler der Premier League und ist zweimal mit City Meister geworden, das muss man sich mal vorstellen. Das sind Konstellationen, die der große Kader und die finanzielle Power ergeben.

SPORT1: Gibt es noch einen Transferknaller?

Freund: Wenn Cristiano Ronaldo oder Lionel Messi wechseln wollten, dann wäre das möglich. Weil nicht nur zwei Vereine - wie in Spanien - die finanzielle Power haben, sondern fünf oder sechs Vereine können aufgrund der Eigentümerkonstellation investieren. Man muss natürlich das Financial Fairplay beachten, deswegen wären die beiden vielleicht doch zu teuer. Ich bin mir aber relativ sicher, dass in dieser Transferperiode noch etwas passiert.

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