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SPORT1-Kolumnist Raphael Honigstein analysiert den Transferskandal um Englands entlassenen Nationaltrainer Sam Allardyce © Grafik SPORT1 Marc Tirl

London - SPORT1-Kolumnist Raphael Honigstein analysiert Englands Transferskandal und das unrühmliche Aus von Englands Nationaltrainer Sam Allardyce nach nur 67 Tagen.

"Die ganze Welt lacht über den englischen Fußball", sagte Ex-Nationalspieler Alan Shearer am Dienstagabend der BBC hochbetrübt.

Unrecht hat der Mann nicht. Englische Nationaltrainer sind schon seit gut zwanzig Jahren die unangefochtenen Weltmeister der Selbstdemontage, doch so schnell wie Sam Allardyce hat sich bisher noch kein Drei-Löwen-Coach ins Knie geschossen.

Der 61-Jährige trat am Dienstag nach nur 67 Tagen und einem einzigen Spiel im Amt (1:0 gegen die Slowakei) zurück; er hatte sich Undercover-Reportern des Daily Telegraph mit einem proppenvollen Weinglas in der Hand für eine Gage von umgerechnet 464.000 Euro als Tischredner angeboten, erklärt, wie man die "blöden" Regularien der Football Association zu Drittbeteiligungen an Spielern umgeht und sich über Vorgänger Roy Hodgsons Sprachfehler lustig gemacht.

Alles vergleichsweise harmlos und sicher nicht kriminell, in der Summe aber eine furchtbar peinliche Farce für den Verband und natürlich auch für "Big Sam".

Er hatte seit Jahren dagegen angekämpft, als eher simpel gestrickter, großmäuliger Blender porträtiert zu werden, wurde jedoch von der versteckten Kamera genau als solcher entlarvt. 

Weniger lustig sind die Vorwürfe an acht nicht namentlich genannte Premier-League-Trainer und Ex-Premier-League-Trainer, die laut der Mittwoch-Ausgabe des Telegraph an Transfers mitverdienten, oder von Spielern Schmiergelder für Vertragsverlängerungen kassierten.

Die Zeitung konnte die Beschuldigten nicht öffentlich benennen, weil das über zehn Monate als angebliche Investoren aus Südostasien aufgetretene Investigativteam keine harten Beweise lieferte, sondern nur die versteckt aufgenommen Aussagen von drei Beratern.

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Pino Pagliara, ein Italiener, der unwissentlich als Kronzeuge fungierte und den Journalisten von schwarzen Konten in Monaco und Codewörtern berichtete  - "ein Trainer wollte immer wissen, ob ein 'Kaffee' für ihn bei den Deals herausspringt" - wurde 2005 vom italienischen Verband wegen Spielmanipulation für fünf Jahre gesperrt.

Vor Gericht hätte der Telegraph Probleme, den Wahrheitsgehalt zu belegen, zumal Pagliara jetzt alles natürlich nur erfunden haben will. So bleiben die vermeintlichen Übeltäter im Halbdunkel. Zwischen den Zeilen kann man den einen oder anderen Coach erkennen. 

Braune Umschläge voller Geld haben auf der Insel eine lange Tradition. Von den meist ohne direkten Vorgesetzten arbeitenden Trainern nutzten nicht wenige die günstige Gelegenheit, von den gigantischen Millionensummen ein paar Nuller abzuzwacken.

Erwischen ließ sich dabei kaum einer; auch, weil die Vereine aus Rücksicht auf sportlich gute Arbeit gerne wegschauten oder in der Person von korrupten Geschäftsführern gar mitkassierten. Heute läuft diese Art der Korruption feinsäuberlich auf scheinlegalen Wegen ab, über unbeteiligte Dritte oder Vierte, die den Klubs Beratungshonorare in Rechnung stellen.

Wer glaubt, das passiere nur bei den ewiggestrigen Big Sams und Konsorten in England, täuscht sich leider.

Auch in Deutschland gibt es jede Menge Pagliaras, die einem bei einem Gläschen Wein von unverfroren bestechlichen Sportdirektoren und Trainern erzählen. Ans Licht der Öffentlichkeit geraten diese düsteren Einblicke ins fußballerische Geschäftsgebaren freilich so gut wie nie.

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Deutschen Sportjournalisten fehlen die Mittel für langwierige Investigativ-Reportagen, die Vereine lassen selbst grobe Auffälligkeiten nur intern prüfen: das Publikum soll lieber nicht wissen, wie die Wurst gemacht wird. 

Bevor man sich jetzt also all zu sehr über die nimmersatten Engländer amüsiert, sollte man bedenken, dass eine aggressivere, finanziell besser aufgestellte Presse mit Sicherheit auch bei uns den einen oder anderen prominenten Kopf der Szene schon längst als Trickbetrüger enttarnt hätte.

Der deutsche Fußball ist nicht unbedingt sauberer. Er versteht es nur besser, die Dinge im Verborgenen zu halten.

Raphael Honigstein, geboren 1973 in München, zog 1993 nach London. Dort lebt und arbeitet er als Journalist und Autor. Für SPORT1 berichtet er ab sofort in der wöchentlichen Rubrik "London Calling" über alle Themen rund um den englischen Fußball. Honigstein arbeitet unter anderem für die "Süddeutsche Zeitung", das Fußballmagazin "11 Freunde", die englische Tageszeitung "The Guardian", den Sportsender "ESPN" und ist in England und Deutschland als TV-Experte tätig.

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