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SPORT1-Kolumnist Raphael Honigstein beleuchtet die Situation von Jürgen Klopp beim FC Liverpool © SPORT1-Grafik: Philipp Heinemann/Getty Images

London - Gegen den FC Chelsea droht Liverpool die Einstellung einer fast 94 Jahre alten Negativserie - und doch könnte sich die Krise für Jürgen Klopp noch als Glücksfall erweisen.

1923. Das ist keine Jahreszahl, die man in Verbindung mit dem FC Liverpool häufig hört. Vor dem vergangenen Samstag hatten an der Mersey garantiert die Allerwenigsten eine Ahnung, für was sie steht.

Doch nach dem peinlichen 1:2-Pokalaus von Jürgen Klopps Team gegen den Zweitligisten Wolverhampton Wanderers liegen die vier Ziffern plötzlich wie eine pechschwarze Gewitterwolke über der Anfield Road.

Liverpool hatte zuvor schon gegen Swansea (2:3) und im Ligapokal gegen Southampton (0:1) vor heimischer Kulisse den Kürzeren gezogen. Der Negativtrend macht das Duell mit Tabellenführer Chelsea am Dienstag (ab 21 Uhr im LIVETICKER) historisch ungewollt bedeutsam: Vier Niederlagen zu Hause hat es bei den Reds zuletzt vor fast 94 Jahren gegeben.

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Experte bescheinigt Klopp "Tiefpunkt"

Die Lage ist dementsprechend angespannt. Schon vor der möglichen Jahrhundertschmach befand der Ex-Liverpool-Spieler und BBC-Experte Mark Lawrenson, dass Klopp "seinen Tiefpunkt als Liverpool-Trainer" erreicht habe. Der K.o. gegen die Wolves markierte die siebte von acht Partien nach Jahreswechsel ohne Sieg.

Allein Viertligist Plymouth Argyle konnte im Pokal-Wiederholungsspiel besiegt werden (1:0), knapp und nervös. Binnen eines Monats hat der famos in die Saison gestartete Traditionsklub nicht nur seinen Schwung verloren, sondern auch ein bisschen den Glauben an die neue, erfolgreiche Ära.

Klopp kämpfte in der Pressekonferenz am Montag mit viel Energie und einer Spur von Witz gegen die Trübsal an. Vor allem forderte der 49-Jährige das Publikum auf, nicht den Überblick zu verlieren.

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"Es mag zwar niemand hören, aber verlieren gehört zum Fußball dazu", sagte er: "Mich interessiert dieses Gerede vom Tiefpunkt nicht. Ich liebe es, morgens zum Training zu fahren, ich liebe es, mit den Jungs zu arbeiten, auch wenn es schwierig ist. Man kann nicht aufgeben, weil man verliert. Man muss es im nächsten Spiel wieder versuchen."

Krise erscheint dramatischer als sie ist

Ähnlich wie Kollege Pep Guardiola bei Manchester City muss der Deutsche erleben, dass der Hype um seine Person und die großartigen Resultate der ersten Monate die aktuelle Krise dramatischer erscheinen lassen, als sie es eigentlich ist.

Liverpool ist individuell und auch in der Breite sehr viel schwächer besetzt als die Konkurrenz an der Tabellenspitze, Platz vier bedeutet nüchtern betrachtet keinen Absturz, sondern nur das Ende eines ziemlich sensationellen Höhenflugs. Liverpool steht in der Liga ziemlich exakt da, wo die Mannschaft hingehört.

Ohne Topstürmer Sadio Mane, der nach Senegals Aus im Afrika-Cup gegen Chelsea erstmals wieder im Kader steht, und den lange verletzten Philippe Coutinho, fehlt jene Extraklasse, ohne die es auf Dauer sehr schwer ist, im zermürbenden Alltag Punkte zu gewinnen. Gerade gegen kleinere Mannschaften, die sich vor dem eigenen Strafraum verbarrikadieren und Liverpool so den Raum für das Umschaltspiel wegnehmen.

Klopp: "An das Langzeit-Projekt glauben"

Klopp und seine Spieler stehen erst am Anfang der Entwicklung zu einem echten wind- und wetterfesten Spitzenteam, das neun Partien in 29 Tagen ohne größeren Substanzverlust absolvieren kann.

"In einer Saison, in der Chelsea die Sterne vom Himmel holt, kann man von uns nicht erwarten, dass wir in einer Sekunde alles ändern", sagte Klopp: "Es geht darum, an das Langzeit-Projekt zu glauben - und zu versuchen, kurzfristig so viel wie möglich zu gewinnen."

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Die amerikanischen Eigentümer vertrauen weiter fest auf eine bessere Zukunft unter dem ehemaligen BVB-Coach, sonst hätten sie nicht nach nur einer Spielzeit bis 2022 mit ihm verlängert. Intern steht Klopp in keiner Weise unter Druck, im Gegenteil: Die Klub-Besitzer sind beeindruckt, dass der Coach in erster Linie die bestehende Mannschaft verbessern will und nicht, wie in England üblich, bei jeder Gelegenheit nach teuren Verstärkungen ruft.

Die Qualifikation für die Champions League im kommenden Jahr ist und bleibt das realistische Hauptziel bis Saisonende, dafür braucht Liverpool am Dienstag die Punkte dringender als für neuerliche Träume von der Meisterschaft.

Aus im FA Cup als Glücksfall?

Das 0:1 gegen Wolverhampton, bei dem Klopp eine B-Mannschaft ins Rennen schickte und sich dafür viel Kritik anhören musste, könnte sich hinterher noch als kleiner Glücksfall erweisen. Liverpool hat als einziger Top-Verein keine Doppel- oder Dreifachbelastung mehr, Mitte Februar hat man sogar zwei Wochen frei und kann in einem Mini-Trainingslager irgendwo in der Sonne die Kräfte bündeln.

Die Chancen auf Platz vier werden damit kaum kleiner.

Zuvor sollte Klopp jedoch vermeiden, dass "1923" diese Woche zur großen Überschrift wird, und wie vor seiner Ankunft im Oktober 2015 Depressionen an der Anfield Road um sich greifen. Die Mannschaft braucht die Unterstützung der Fans, um mehr Wucht zu entwickeln, als sie eigentlich hat. 

Raphael Honigstein, geboren 1973 in München, zog 1993 nach London. Dort lebt und arbeitet er als Journalist und Autor. Für SPORT1 berichtet er in der wöchentlichen Rubrik "London Calling" über alle Themen rund um den englischen Fußball. Honigstein arbeitet unter anderem für die "Süddeutsche Zeitung", das Fußballmagazin "11 Freunde", die englische Tageszeitung "The Guardian", den Sportsender "ESPN" und ist in England und Deutschland als TV-Experte tätig.

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