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Die Fans des SSC Neapel feiern noch heute ihr Idol Diego Maradona
Der SSC Neapel hat die wohl fanatischsten Fans der Serie A. © Getty Images

Neapel - Der SSC Neapel empfängt zum Kracher der Serie A Inter Mailand. Wieso diese Saison auch Fans anderer Teams Napoli den Titel gönnen würden.

Im absoluten Spitzenspiel des 14. Spieltags der Serie A empfängt der SSC Neapel die Mannschaft von Inter Mailand (ab 20.55 Uhr LIVE im TV auf SPORT1+ und im LIVETICKER).
Während die Roma aus unerfindlichen Gründen schwächelt, Juve nach dem miesen Saisonstart wohl mindestens bis Weihnachten brauchen wird, um wieder richtigen Anschluss zur Spitze zu finden und Milan bis auf Wunderbubi Gigio Donnarumma im Tor ziemlich bieder daherkommt, halten derzeit der Überraschungszweite Napoli und der Sensationserste Inter die Fahne hoch in der Serie A.

Inter hat die letzten vier Spiele gewonnen, geht aber nicht als Favorit in die Partie. Vor allem nicht als Favorit der Herzen. Zu selten konnte die Mannschaft um Trainer Roberto Mancini wirklich überzeugen bisher, zudem spielt Inter eben wie eine typische Mancini-Elf: Brutal effektiv, aber eben auch: eher hässlich.
In Neapel träumen sie langsam dagegen zu Recht vom ersten Meistertitel seit 1990. Den Titel gönnen würden den Partenopei diese Saison aber sicher nicht nur Napoli-Fans. Sechs Gründe, wieso der SSC Neapel derzeit der aufregendste Klub Italiens ist. (Disclaimer: Der Autor ist seit seiner Kindkeit Anhänger des großen Napoli-Rivalen AS Rom)

Trainer Maurizio Sarri:

Ein Kettenraucher, der wirklich nur während der Spiele auf seine geliebten Zigaretten verzichtet, als aktiver Fußballer laut eigener Einschätzung weniger Talent hatte als viele Fans, mit 40 noch hauptberuflich in einer Bank arbeitete, vor Pressekonferenzen manchmal noch in einem Buch liest und als Coach in der neunten Liga begann: ein Trainer wie Maurizio Sarri wäre in der Bundesliga undenkbar. Doch Sarri, in Neapel geboren, Maradona-Jünger und als Kind und Jugendlicher Stammgast in der Fankurve des San Paolo, hat sich seinen Platz in der Beletage durch akribische Arbeit, enormen Enthusiasmus, vielen Vereinen und noch mehr Sachverstand (und unzähligen Zigaretten) verdient. Mit 55 Jahren feierte er 2014 als Trainer von Empoli sein Debüt in der Serie A – und ließ schon in der toskanischen Provinz den aufregendsten Fußball Italiens spielen. Sarris Spitzname: "Mister 33", ausgesprochen: "Mister trentatre". In Sansovino ließ er seine Spieler einst 33 verschiedene Standardsituationen einstudieren – bei einem Sechstligisten. In Neapel lässt er sein Training oft von einer Drohne aufzeichnen, um taktische Feinheiten besser analysieren zu können.

SSC Napoli v Udinese Calcio - Serie A
Paffen als Leidenschaft: Maurizio Sarri. © Getty Images

Das System:

Ob im 4-3-1-2, 4-3-3 oder zuletzt beim 1:0 in der Europa League in Brügge im 4-4-1-1: Sarris Mannschaften kennen nur eine Richtung: nach vorne! In der Liga präferierte er zuletzt immer ein superoffensives 4-3-3 holländischer Prägung. Sprich: Während die Viererkette hinten wirklich meist in einer Linie steht und auch die Außenverteidiger vor allem absichern und verteidigen sollen, haben die sechs weiteren Feldspieler davor alle Freiheiten – solange sie extrem hoch pressen und so schnell wie möglich den Abschluss suchen. Die Spieler rotieren viel, bilden auf dem Platz so ständig Dreiecke und haben somit ständig mehrere Anspielstationen für ihre schnellen, direkten Pässe. Das sieht spektakulär aus – und ist es auch. Nur an der Chancenauswertung muss Sarris Team noch arbeiten. Die 24 Tore (acht Gegentreffer) spiegeln nicht annähernd die Offensivgewalt Napolis wider.

Hellas Verona FC v SSC Napoli - Serie A
Gonzalo Higuain ist derzeit der treffsicherste Stürmer Italiens. © Getty Images

Insigne und Higuain wie einst Maradona und Careca:

Seit 2013 schon spielen Lorenzo Insigne und Gonzalo Higuain gemeinsam bei Napoli, doch erst unter Sarri bilden sie dieses kongeniale Duo, das ältere Fans gar an die goldensten Zeiten mit Diego Maradona und Careca erinnern lässt. Am Ball konnte Insigne (24), mit 1,63 Meter zwei Zentimeter kleiner, aber weit schmächtiger als Maradona damals, schon immer alles. Doch in den letzten Jahren war er schon auf dem besten Weg zum ewigen Talent. Unter Sarri darf er nun endlich einen klassischen "fantasista" geben, einen stürmenden Spielmacher mit allen Freiheiten wie früher etwa Roberto Baggio und Alessandro del Piero. Sieben Tore hat Insigne bereits erzielt in dieser Saison – so viele wie nie in seiner Karriere. Higuain hat mit dem Toreschießen nie Probleme gehabt, weder bei River Plate, Real Madrid noch in Neapel. Doch seit dieser Saison scheint er auch endlich richtig Spaß zu haben auf dem Platz. Mit zehn Treffern führt er die Torschützenliste an. Mit 17 Toren nach 13 Spielen hat das Duo Insigne/Higuain einen Treffer mehr erzielt als Maradona und Careca in der Saison 1988/1989 zu diesem Zeitpunkt – und sind damit aktuell das erfolgreichste Duo der Klubgeschichte.  

Video

Erfolgreicher als Bayern und Barcelona:

Statistisch gesehen ist der SSC Neapel momentan sogar erfolgreicher als der Bayern und Barcelona. In den letzten 15 Spielen hat Napoli wettbewerbsübergreifend 13 Spiele gewonnen und zwei Unentschieden hinnehmen müssen. Bayern hat in dieser Zeit 13 Siege, ein Unentschieden und eine Niederlage hinnehmen müssen; Barcelona elf Siege, zwei Unentschieden und zwei Niederlagen. Ex-Bayern-Keeper Pepe Reina musste zudem seit 467 Minuten schon kein Gegentor mehr hinnehmen in der Serie A.

SSC Neapel gegen FC Midtjylland
Viel Spektakel, viele Tore. © Getty Images

Pizza nach den Spielen:

Sarri ist vor allem beim Taktiktraining ein Pedant, sonst führt er seine Spieler aber an der langen Leine. Dazu gehört auch: erlaubt ist, was schmeckt. Nach den Spielen lässt Sarri immer ein paar Pizzen direkt aus dem Holzofen in die Kabine bringen. Die Spieler bräuchten Kohlenhydrate. Ernährungsfetischist Thomas Tuchel würde rotieren!  

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Zur Belohnung gibt es für Napolis Spieler immer Pizza in der Kabine - direkt aus dem Holzofen. (Symbolbild) © Getty Images

Maradona hat seinen Segen gegeben:

Auch 24 Jahre nach seiner Flucht aus Neapel ist Diego Maradona noch immer allgegenwärtig in der Stadt am Fuße des Vesuvs. Noch immer hängt in der Bar Nilo auf der Spaccanapoli, dem engen, lauten und chaotischen Straßenstrich, der die Altstadt in zwei Hälften teilt, ein Schrein für den Argentinier; noch immer nennen Neapolitaner ihre Söhne zumindest mit Zweitnamen Diego und lassen sich dessen Konterfei auf den Körper malen. Neben dem heiligen Januarius ist Maradona der zweite Stadtheilige Neapels. Das Wort von El Pibe ist Gesetz. Nach dem dritten Spieltag urteilte Maradona über Sarri, der nur einen Punkt geholt hatte: "Er ist der falsche Trainer für Neapel. Ich fürchte, unter ihm werden sie gegen den Abstieg kämpfen." Sarri reagierte als echter Neapolitaner: "Diego kann sagen, was er will. Für mich wird er immer ein Idol bleiben." Vor zwei Wochen aber gab endlich auch Maradona dem Trainer seinen Segen. "Ich lag falsch bei ihm. Ich bitte um Vergebung. Unter ihm kann Neapel endlich wieder Meister werden", sagte er. Amen.  

Diego Maradona im Trikot des SSC Neapel
Neapels zweiter Stadtheiliger: Diego Maradona. © Getty Images
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