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© Getty Images

Die Welt-Anti-Doping-Agentur fordert den Ausschluss des russischen Leichtathletik-Verbandes aus dem Weltverband. In Russland herrsche eine "tief verwurzelte Betrugskultur".

Olympia-Verbannung, Ausschluss aus der Leichtathletik-Familie, weltweite Ächtung: Die Doping- und Betrugsaffäre in der russischen Leichtathletik weitet sich zu einem der größten Skandale der Sportgeschichte aus und könnte weltweit drastische Folgen nach sich ziehen.

Die Forderung einer unabhängigen Untersuchungskommission der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA, den russischen Leichtathletik-Verband ARAF wegen Nicht-Einhaltung des Anti-Doping-Codes aus dem Weltverband IAAF auszuschließen, stellt den Sport auf seinen höchsten Ebenen vor eine Zerreißprobe.

Olympia-Ausschluss droht

Sollte die WADA das Maßnahmenpaket der Kommission übernehmen und offiziell an die IAAF und das Internationale Olympische Komitee weiterreichen, läge ein einzigartiger Vorgang in der Geschichte des Sports in der Luft: der Ausschluss eines kompletten Landesverbandes von internationalen Wettbewerben wie Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen.

Unabhängig vom Fortgang der Dinge setzt der Paukenschlag der Kommission, die ihre Ergebnisse mehr als 100 Journalisten im mondänen Fünf-Sterne-Hotel Mandarin Oriental in Genf präsentierte, die WADA, die IAAF und auch das Internationale Olympische Komitee (IOC) enorm unter Druck.

Denn die Untersuchungsergebnisse übertrafen die schlimmsten Befürchtungen und lassen den großen Organisationen wenig Spielraum für harmlose Sanktionen.

Das IOC zeigte sich in einer ersten Reaktion "tief geschockt" und "sehr betroffen" über den Bericht. "Wir haben vollstes Vertrauen, dass die neue Führung der IAAF unter Präsident Sebastian Coe alle notwendigen Schlussfolgerungen zieht und die notwendigen Maßnahmen in Angriff nimmt", hieß es in einer Mitteilung: "Das IOC begrüßt die klare Aussage der IAAF 'alles zu tun, um die sauberen Athleten zu schützen'".

"Tief verwurzelte Betrugskultur"

Systematische Dopingkultur im russischen Sport, ein Korruptionsgeflecht mit der IAAF-Spitze und sogar das Mitwirken des russischen Geheimdienstes FSB: Die WADA-Kommission sieht es als erwiesen an, dass in der russischen Leichtathletik eine "tief verwurzelte Betrugskultur" geherrscht habe. Zudem bestätigte der Bericht Korruption und Bestechung auf höchster Ebene der IAAF.

Drahtzieher bei der IAAF soll der langjährige Präsident Lamine Diack sein. Gegen den 82-jährigen Senegalesen und weitere Beschuldigte, darunter zwei seiner Söhne, wurde in der vergangenen Woche in Frankreich wegen des Verdachts der Korruption und Bestechlichkeit ein Ermittlungsverfahren eingeleitet.

Die Kommission hatte den staatlichen Ermittlern entsprechende Hinweise gegeben. Die Beschuldigten sollen gegen Zahlung von mehr als einer Million Euro positive Dopingproben vertuscht haben.

Glaubwürdigkeit vollständig zerstört

Auf insgesamt 320 Seiten zerstört der Bericht der Kommission jeden noch vorhandenen Rest an Glaubwürdigkeit in den russischen Sport und die Arbeit des Weltverbandes IAAF. Und er enthüllte dabei Mafia-Methoden, die die Sportwelt bis ins Mark erschüttern. Schließlich offenbarte der Bericht selbst im Vergleich zur Krise im Fußball-Weltverband FIFA eine neue Dimension.

Erstmals wurde nachgewiesen, dass ein Weltverband durch die Vertuschung positiver Dopingproben selbst dafür sorgte, dass die Ergebnisse internationaler Wettbewerbe verfälscht wurden. So hätten unter anderem die spätere 800-m-Goldmedaillengewinnerin Marina Sawinowa nicht in London an den Start gehen dürfen.

Die unabhängige Kommission befürwortet in ihrem Bericht eine lebenslange Sperre wegen Dopings. Insgesamt forderte die Kommission Sanktionen gegen fünf Sportler, vier Trainer und einen Mediziner sowie Nachuntersuchung in zahlreichen weiteren Verdachtsfällen.

Auch Mediziner beteiligt

Heftig beschuldigt wurden auch das Moskauer Anti-Doping-Labor und dessen Chef Gregori Rodschenkow. Nach Angaben der Kommission sei das Labor nicht in der Lage, eigenständig zu handeln, Mediziner und Laborpersonal hätten den Betrug ermöglicht.

Zudem seien "mut- und böswillig" mehr als 1400 Proben zerstört worden, nachdem die WADA Zielkontrollen angeordnet hatte. Dem Labor soll die Akkreditierung entzogen und Rodschenkow "dauerhaft" von seinem Posten entfernt werden.

Geheimdienst involviert

Beteiligt an den Vorgängen sei sogar der russische Geheimdienst FSB. Dieser habe während der Olympischen Winterspiele in Sotschi das Labor überwacht und in wöchentlichen Treffen nach Angaben eines Informanten sogar Material über die WADA gesammelt.

Spannend wird nun die Frage sein, wie die verantwortlichen Stellen bei der WADA, der IAAF und beim IOC den Dutzende Seiten umfassenden Maßnahmenkatalog des Berichts umsetzen. Der nun auf ihnen lastende Druck könnte größer kaum sein. Das IOC wird in dem Bericht ausdrücklich aufgefordert, keine Teilnahme russischer Athleten zuzulassen, bis der Verband als regelkonform mit dem WADA-Code eingestuft wird.

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