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Hurghada und München - Wasserspringer Patrick Hausding erklärt bei SPORT1 die Faszination seines Sports und spricht über seinen schlimmsten Unfall.

Die Sonne versinkt hinter den Bergen an der Küste des Roten Meeres, laute Musik schallt aus den Lautsprechern. Deutschlands Top-Athleten sind im Urlaub und mit Jachten ausgefahren - einfach nur, um Spaß zu haben.

Für die Show sorgen die Wasserspringer Patrick Hausding und Stephan Feck, die sich vom Bug eines der Boote unter dem Jubel der Anwesenden spektakulär in die Fluten stürzen.

Ganz so lustig geht es im Alltag der beiden nicht zu. "Fast unmenschlich" nannte Feck das, was sein Synchron-Partner Hausding bei der EM im August geleistet hatte. Dreimal Gold und einmal Silber räumte der Star der deutschen Szene ab. Ein historischer Erfolg.

SPORT1 traf Hausding in Ägypten beim "Champion des Jahres" und sprach mit ihm über die Faszination seines Sports, die Sprünge vom Partyboot und seinen schlimmsten Unfall.

Nach 2008, 2010 und 2013 war der 25-jährige Berliner zum vierten Mal bei der Eventwoche der Stiftung Deutschen Sporthilfe und ihrer Partner dabei, die dieses Mal im Robinson Club Soma Bay nahe Hurghada stattfand (BERICHT: Frenzel ist Champion des Jahres).

SPORT1: Herr Hausding, statt von Brett oder Turm sprangen Sie in Ägypten vom Partyboot - wie haben Sie den diesjährigen "Champion des Jahres" erlebt?

Patrick Hausding: Als ein unvergessliches Erlebnis. Das kann man gar nicht in Worte fassen. Wenn ich nur an die angesprochene Bootstour denke: Bei Sonnenuntergang ins Rote Meer zu springen, das war unglaublich. Die ganzen Turniere, alle Sportler feiern zusammen und haben Spaß. Das sind einzigartige Momente, die deinen Geist bereichern und an die du dich dein ganzes Leben erinnern wirst.

SPORT1: Sie waren im Rennen um den Sieg, am Ende hat es nicht ganz gereicht. Sind Sie dennoch stolz?

Hausding: Jeder nominierte Sportler ist auch ein verdienter Sieger. Alleine unter die besten Fünf zu kommen, das war für mich schon ein halber Champion des Jahres. Von so vielen Sportlern gewählt zu werden, das macht mich natürlich stolz. Man sieht die Wertschätzung, die intern da ist. In der Öffentlichkeit gibt es viele Menschen, die mit der Sportart Wasserspringen nichts am Hut haben oder davon gar nicht viel mitbekommen, weil sie eben nicht so stark medienpräsent ist.

SPORT1: Sie hätten gerne mehr Beachtung.

Hausding: Natürlich wünscht man sich, es würde ein bisschen mehr Aufmerksamkeit herrschen. Gerade, wenn man wie ich teilweise historische Leistungen in dieser Sportart vollbracht hat. Aber wir machen gute Schritte nach vorne. Wenn es so weitergeht, kann ich vielleicht an meinem Karriereende sagen, ich habe für die Nachhaltigkeit im Wasserspringen etwas Gutes getan und die nächste Generation in eine gute Ausgangsposition für ihre leistungssportliche Karriere gebracht.

SPORT1: Wie sind Sie zum Wasserspringen gekommen?

Hausding: Eher zufällig als gewollt. Im normalen Grundschulsport kam ein Sichtungstrainer vorbei und hat Kinder beobachtet, von denen man meinte, sie seien talentiert, sehr beweglich und hätten Spaß am Sport. Da wurden Flyer verteilt, es kam zum Schnuppertraining, und so hat sich die Sache dann entwickelt. Ich war von Grund auf begeistert von dem Sport und habe dann auch nie etwas anderes gemacht.

SPORT1: Wie erklären Sie die Faszination Ihres Sports?

Hausding: Das Gefühl der Schwerelosigkeit ist einfach beeindruckend. Eine Wasserratte war ich ohnehin schon immer. Und es beherrscht eben kaum jemand. Auch wenn es vielleicht etwas arrogant klingt, aber man fühlt sich als etwas Besonderes. Es macht einfach Spaß, so eine Körperkontrolle zu haben. Und den Zuschauern gefällt der hohe Unterhaltungsfaktor.

SPORT1: Das Klippenspringen boomt. Käme für Sie ein Wechsel infrage?

Hausding: Ich habe schon darüber nachgedacht, will mich aber nicht festlegen. Ich habe bis jetzt schon eine sehr erfolgreiche olympische Karriere geführt, da muss man nicht unbedingt zum Funsport wechseln. Es reizt mich schon, weil ich gerne von weiter oben springe. Es ist auf jeden Fall etwas anderes. Klar ist aber: Ohne Turmspringen würde es kein Klippenspringen geben, weil dort alle Grundlagen geschaffen werden. Die Sportart ist auch abhängig von uns, deswegen weiß ich nicht, ob ich diesen Schritt sozusagen nach unten machen möchte.

Patrick Hausding (l.) mit Stephan Feck in Ägypten

SPORT1: Was Sie jetzt tun, ist extrem genug, und vor allem trainingsintensiv. Wird es bei rund 12.000 Sprüngen im Jahr auch mal langweilig?

Hausding: Klar gibt es Tage, wo es langweilig ist. Bei solch einem Pensum - egal, in welchem Sport - kann mir keiner sagen, dass jeder Tag aufregend ist. Es steckt harte Arbeit dahinter. Es gibt schöne Tage, aber auch solche, wo man einfach nur nach Hause und ins Bett will, weil man körperlich fertig ist. Mit steigendem Alter mehren sich auch die Wehwehchen. Man verbringt mehr Zeit in der Physiotherapie, weil Gelenke und Muskeln nicht mehr mitmachen. Das sind harte Zeiten, gerade in der Vorbereitung, wo man sich sehr fordern muss, damit man die lange Saison durchhält.

SPORT1: Haben Sie die triumphalen Erlebnisse der EM, noch dazu in Ihrer Heimatstadt, mittlerweile verarbeitet?

Hausding: Es hat etwas gedauert. Ich wusste vorher nicht genau, was mich erwartet. Schließlich spezialisieren sich viele Springer mittlerweile auf einzelne Disziplinen, und ich mit meinen fünf Disziplinen bin eher mit dem Gedanken reingegangen, möglichst viel abzugreifen. Ich hatte aber nicht dreimal Gold als Ziel. Ich wollte auf jeden Fall einmal Gold mit Sascha Klein zusammen, das war unser Pflichtziel. Alle anderen Medaillen waren Zugabe. Das Niveau in Europa ist stark angewachsen und mittlerweile überragend hoch. Da kann man mit einer Top-Leistung schon einmal eine Medaille verpassen.

SPORT1: Mit dreimal Gold und einmal Silber bei einer EM sind Sie mit dem Russen Dimitri Sautin gleichgezogen. Macht Sie das besonders stolz?

Hausding: Er ist eine Wassersprunglegende, und ich habe mich mit ihm auf eine Stufe gestellt. Darauf bin ich sehr stolz.

SPORT1: Bei aller Professionalität: Ist manchmal vom Turm noch Angst dabei?

Hausding: Eigentlich nicht. Ich weiß, was ich tue und habe Respekt. Da passiert eigentlich nicht mehr viel in meinem Alter. Ich bin viel zu erfahren und kenne jede Bewegung in- und auswendig. Zumindest theoretisch (lacht). Nach ein paar Wochen Urlaub muss man sich allerdings wieder neu finden. Und am Anfang der Saison bin ich für schwere Sprünge von zehn Metern gar nicht fit genug und muss erst einmal ordentliches Aufbautraining machen.

SPORT1: Können Sie Ihren schlimmsten Unfall schildern?

Hausding: Rostock, Februar 2012. Bei einem Auerbachsprung habe ich nach dem Absprung mit den Füßen den Turm berührt und hatte dann eine riesige Schreckphase. Ich wusste überhaupt nicht, was gerade passiert ist. Ich habe total die Orientierung verloren und bin quasi blind geflogen. Das Wasser habe ich dann perfekt horizontal mit dem Gesicht nach vorne 'betreten'. Volle Bauchlandung. Das war unschön, kann ich keinem empfehlen. Ich habe Blut gespuckt, hatte Hämatome überall und blaue Augen - und dabei noch Glück, dass es keine inneren Verletzungen der Organe gab, was schnell passieren kann. Auch die Bikini-Zone hat es heil überstanden.

SPORT1: Wie läuft die Planung mit Blick auf Rio de Janeiro 2016?

Hausding: Wir haben ja quasi Halbzeit im olympischen Zyklus zwischen London und Rio. Nach London hatte ich die beiden erfolgreichsten Saisons meiner Karriere. Das ist schon einmal ein guter Anfang. Wenn die Motivation so bleibt und der Körper weiter mitmacht, so dass ein lückenloses Training möglich ist, bin ich sehr zuversichtlich, dass ich in Rio wieder nach einer Medaille greifen kann. Die Farbe interessiert mich dabei gar nicht. Es schwierig genug, vorne dabei zu sein.

SPORT1: Sagt der dreifache Europameister?

Hausding: Im olympischen Wasserspringen tritt man mit China, den USA, Italien, Großbritannien und auch Kanada gegen Nationen an, in denen diese Sportart viel mehr Aufmerksamkeit erfährt. Wir betreiben zwar genauso viel Aufwand, wir werden nur nicht so aufwendig gefördert. Und es gibt dort mehr Nachwuchs, da kann es gut sein, dass in den nächsten zwei Jahren ein Newcomer hochschießt. Es kommt immer etwas nach bei diesen Nationen, in Deutschland dagegen kann es auch einmal sein, dass es schlechte fünf Jahre gibt. Insofern ist es schon eine Riesenleistung, dass wir mit unserem eigentlich dünnen Aufgebot zu den besten Springern gehören, die Deutschland je hatte.

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