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Stadionansicht von der Cricket-WM in Australien
Allein das Eröffnungsspiel der Cricket-WM in Australien verfolgten weltweit eine Milliarde Zuschauer © getty

Sydney und München - Eine Milliarde Zuschauer sahen das Auftaktspiel der Cricket-WM, einige Regionen der Welt spielen geradezu verrückt - und in ganz Deutschland gibt es nur 3000 Spieler.

Diplomaten bewegen sich normalerweise höchst geschickt auf rutschigem Parkett, aber selbst sie geraten beim Thema Cricket ins Schleudern.

Bei Twitter blamierte sich die US-Botschaft in Kabul vergangene Woche heftig mit einem Glückwunsch an Afghanistan - dabei war erst ein Viertel der siebenstündigen (!) WM-Partie gegen Bangladesch gespielt. Afghanistan verlor. Peinlich.

Roger Federer sorgt für Missverständnis

Cricket ist eben nicht jedermanns Sache. Ozeanien, große Teile Asiens und Großbritanniens spielen in diesen WM-Tagen geradezu verrückt, das alte British Empire. Das auch politisch brisante Auftaktspiel zwischen Indien und Pakistan sahen eine Milliarde Menschen live im TV.

Wie ernst es genommen wurde, bekam Tennis-Star Roger Federer zu spüren: Der Schweizer musste sich für einen Facebook-Post mit einem Indien-Trikot entschuldigen - selbstverständlich unterstütze er weiter Südafrika, das Geburtsland seiner Mutter.

"Es gibt in diesen Ländern auch Fußball, aber der interessiert beinahe niemanden. Cricket dagegen ist dort eine Religion. Das Größte!", sagte Brian Fell, Präsident des Deutschen Cricket Bundes (DCB), dem sid.

Und in Deutschland? Hierzulande bewegt sich Cricket auf dem Niveau des (fast) versunkenen Radballs. Fell, selbst ein britischer Historiker, berichtet von 3000 Aktiven in 100 Vereinen, sechs Lokalverbände spielen ihre Champions aus, die schließlich den deutschen Meister ermitteln.

"Kompliziert, aber sehr faszinierend"

Es gehört zu den Mysterien dieser Sportart, dass sie für den Laien kaum zu verstehen ist.

Anzeigetafel bei der Cricket-WM
Cricket-Anzeigetafeln sind eine Wissenschaft für sich © getty

Die vierfarbigen WM-Anzeigetafeln in Neuseeland und Australien sind ähnlich schwierig zu entschlüsseln wie eine Hieroglyphentafel. "Es ist kompliziert, aber sehr faszinierend", sagt Fell. "Cricket ist auf hohem Niveau psychologisch und athletisch. Das Spiel hat alles, was ein spannender Sport braucht."

Cricket ähnelt dem amerikanischen Baseball. Ein Werfer (Bowler) und ein Schlagmann (Batsman) stehen sich gegenüber. Der Bowler will den Batsman zu einem Fehler zwingen, der Batsman verteidigt mit einem Schläger sein "Wicket", eine Holzkonstruktion aus drei Stäben und zwei Querstreben.

Der Schlagmann kann durch geschicktes Schlagen des Balles Punkte erzielen, die Mannschaft des Werfers versucht, dies durch schnelles Zurücktragen des Balles zu verhindern.

Britische Kolonien perfektionieren das Spiel

Der Reiz des Cricket liegt trotz der vermeintlichen Langsamkeit auch in einer emotionalen Verdichtung. Experten sagen, ein Cricket-Spiel sei wie ein sehr guter Roman: kompliziert im Aufbau, verzwickt in der Handlung, prickelnd in der Auflösung.

Stadionansicht beim Spiel zwischen Südafrika und Indien bei der Cricket-WM
"Cricket wurde erfunden, um sich eine Vorstellung von Ewigkeit zu verschaffen" © getty

"Cricket ist ein Spiel, das die Engländer - nicht gerade spirituelle Menschen - einst erfunden haben, um sich selbst eine Vorstellung von Ewigkeit zu verschaffen", hat der britische Lord Mancroft gesagt.

Hinzu kommt die Faszination der Geschichte. Die Briten brachten ihren Sport in die Kolonien, es ist ein Besatzer-Spiel.

Doch die Kolonien nahmen es auf und schlugen das Empire auf dem Feld brutal, zum Beispiel die West Indies, der zweimalige Weltmeister.

Deutsche Cricket-Tradition kehrt langsam zurück

Auch in Deutschland, sagt Fell, habe es einen Nährboden für das Spiel gegeben - doch er ist ausgetrocknet.

Cricket-Spiel zwischen Dänemark und Deutschland
Eindrücke eines Cricket-Länderspiels zwischen Dänemark und Deutschland © getty

"In der Anfangsphase haben die Deutschen im Winter Fußball und im Sommer Cricket gespielt, berühmte Fußballer Ende des 19. Jahrhunderts waren auch Cricketspieler", erklärt Fell, "doch dann kam die Leichtathletik, und viele glaubten, das wäre das bessere Training für Fußballer."

Bereits vor dem Ersten Weltkrieg gab es einen deutschen Cricket-Bund, "doch wegen des Krieges ist das ausgestorben. Erst mit der Einwanderung in den 1960er und 70er Jahren kam Cricket in Deutschland wieder hoch".

Inzwischen, sagt Fell, haben einige deutsche Spieler englisches Drittliga-Niveau erreicht. Für eine WM-Teilnahme reicht das nicht: "Bis dahin wird es wohl noch lange dauern."

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