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Der neue WWE Champion und sein Mentor: Sheamus (l.), mit WWE-Vizechef Triple H
Der neue WWE Champion und sein Mentor: Sheamus (l.), mit WWE-Vizechef Triple H © 2015 WWE, Inc. All Rights Reserved.

München - Tim Wiese will WWE Champion werden, Sheamus ist es. Seine Karriere zeigt, wie schnell eine Wrestling-Karriere gehen kann - aber auch Schattenseiten.

Der Mann, der ist, was Tim Wiese werden will, ist ein überaus freundlicher Gesprächspartner.

Überraschend freundlich wahrscheinlich für die, die Sheamus nur als den Schreckensherrscher der Wrestling-Welt kennen - aber der eine Job ist der eine, der andere Job der andere. Also steht der frisch gekrönte WWE Champion jetzt nicht im Ring, sondern sitzt am Telefon und beantwortet die Fragen, die Reporter aus aller Welt so an ihn haben. Geduldig, gewinnend, mit trockenem Witz.

Ein paar Worte zu seiner Popularität in Abu Dhabi, einige Sätze über seine Vorfreude auf die demnächst anstehende Tour nach Indien, eine kundige Einschätzung zu seinem Lieblingsfußballklub FC Liverpool und dem Wirken von Jürgen Klopp: Keinen Fragesteller lässt der 37 Jahre alte Ire unzufrieden zurück.

Und Tim Wiese? Ja, von dem hat er auch schon mitbekommen. "Ich habe gehört, er ist mit Leidenschaft bei der Sache", sagt Sheamus zu SPORT1. Getroffen? Nein, noch nicht. Aber kann ja noch werden.

Chorknabe, Rugby-Spieler, Bono-Bodyguard

Bei SPORT1 hat der Ex-Nationalkeeper am Mittwoch ja bekräftigt, dass die WWE, bei der er schon zum Training in den USA war, "weiter ein sehr interessantes Thema" für ihn sei. Sollte er sich endgültig engagieren, wäre Sheamus definitiv einer, bei dem er sich gute Tipps holen kann.

Wie Wiese ist der Champion ein bunter Typ, mit einem sogar noch bunteren Lebenslauf: Als Kind sang der in einem Dubliner Vorort geborene Sheamus im berühmten Palestrine-Chor. In jungen Jahren spielte Stephen Farrelly - wie er im bürgerlichen Leben heißt - Rugby und Gaelic Football, arbeitete als Security-Mann und gelegentlich als Bodyguard für U2-Frontmann Bono.

Sein Weg vom WWE-Neuling zum Champion 2009 dauerte keine sechs Monate - wobei er zuvor auch schon sieben Jahre in Europa Berufsringer war.

Ein mächtiger Trainingskumpel

Sheamus' einzigartiges Äußeres, sein Charisma und seine kraftvolle Intensität haben Sheamus zu der Blitzkarriere verholfen. Wer ihn nicht so mag, fügt auch gern hinzu, dass er außerdem Trainingskumpel des einflussreichen WWE-Veterans und -Vizechefs Triple H war.

Das gute Verhältnis zum mächtigen Kollegen und Mentor "hat mir viel Ablehnung eingebrockt", erzählt Sheamus. Aber was habe er machen wollen? "Ich höre sicher nicht weg, wenn ein vielfacher World Champion mir Ratschläge gibt."

Trotzdem war Sheamus Raketenstart ihm selbst etwas unheimlich: "Ich war ein Reh im Autoscheinwerfer", findet er im Nachhinein. So plötzlich, so schnell raste damals alles auf ihn zu. Er fühlt sich besser, jetzt wo er sich alles weitere nachhaltig erarbeitet hat. Auch wenn nach der ersten Titelregentschaft längst nicht alles nach Plan lief.

Sheamus bündelt die Antipathien

In der Rolle als Publikumsliebling, die er bis vor kurzem ausfüllte, zündete er zuletzt nicht mehr so richtig.

"Stoppt dieses Match" skandierte einmal sogar das besonders eigenwillige Publikum im Raum New York, als Sheamus im Ring stand und machte dazu höhnische La-Ola-Wellen. Für einige ist der 120-Kilo-Mann bis heute der ungeliebte Günstling eines Systems geblieben, dass Kraftpakete wie ihn agileren Technikern vorziehe.

Sheamus macht sich nach eigenen Angaben keinen übergroßen Kopf um das alles: Zu gut weiß er, dass ein Wrestler nur dann ein echtes Problem hat, wenn die Fans gar nicht auf ihn reagieren.

Ihm blieb ja der Ausweg, wieder den Heel, also den Bösewicht, zu geben, Triple H steht nun auch vor den Kameras an seiner Seite. Sheamus bündelt so die Antipathien, was ihm guttut. Seinem Gegenspieler - so ist zumindest der Plan - soll es auch guttun.

Lob für den umstrittenen Reigns

Roman Reigns - der Mann, dem Sheamus am Sonntag den Titel abnahm - ist ja trotz allem der Mann, den die WWE zum eigentlich großen Star machen will, Sheamus nur sein Helfer, der als Widerpart dafür sorgen soll, dass sein Gegenüber noch mehr bejubelt wird.

Zukunftshoffnung Reigns hat allerdings selbst mit Akzeptanzproblemen bei den Fans zu kämpfen. Sheamus kennt das - und rät Reigns zu Gelassenheit. "Roman geht gut mit dem Gegenwind um", findet er: "Er ist ein großer Athlet, ein großer Superstar. Er muss einfach weiter er selbst sein."

Der "Celtic Warrior" hat auf diesem Weg wieder an die Spitze gefunden: "Ich war nie glücklicher als da, wo ich jetzt bin", sagt er - auch wenn er dieses Glück nicht immer so glamourös auskosten kann, wie manche meinen.

Wie denn seine Siegesfeier nach dem Titelgewinn ausgesehen habe, wird Sheamus gegen Ende noch gefragt. Die Antwort: "Wie eine viereinhalbstündige Autofahrt zur nächsten Show."

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