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Nico Rosberg fährt (vorne) seit 2010 für Mercedes

München und Monza - Der Italien-GP zeigt, wie sehr der Druck auf Rosberg lastet. Hamilton hat den psychologischen Vorteil auf seiner Seite.

22 Punkte. Es ist diese Differenz, die Lewis Hamilton beim kommenden Grand Prix in Singapur antreiben wird.

WM-Leader Nico Rosberg ist nach dem Sieg des Briten beim Großen Preis von Italien (Bericht) wieder in Schlagdistanz.

Monza war das letzte Rennen auf der Europatour der Formel 1. Es offenbarte vor allem eins: Rosberg zeigt Nerven. Und das unmittelbar bevor der Kampf der Silberpfeile um den WM-Titel in die entscheidende Phase geht.

Hamilton bleibt cool

"Für mich persönlich lief es sehr enttäuschend. Lewis war einfach sehr schnell unterwegs. Da musste ich ans Limit gehen und hab mich dann in Kurve eins verbremst", sagte Rosberg über seinen Fahrfehler in Runde 28.

Der 29-Jährige verbremste sich, sein linkes Vorderrad blockierte. Er musste in Slalomfahrt den Weg vorbei an weiß-roten Styropor-Hindernissen nehmen. Derselbe Patzer war ihm bereits in der neunten Runde unterlaufen - ohne Konsequenzen.

Doch diesmal überholte ihn der dicht hinter ihm liegende Hamilton. Er brachte seinen Boliden sauber durch die Kurven. Ohnehin blieb er nach missratenem Start cool und machte Position um Position gut.

Rosberg gibt sich Schuld

Rosberg, der das Startduell noch gewonnen hatte, gab sich indes über Bordfunk selbst die Schuld für seinen Fauxpass. Es war mehr als ein gewöhnlicher Fahrfehler. Es wirkte, als spüre er den Druck des aggressiv auf dem Gaspedal stehenden Hamilton bis ins Cockpit hinein.

"Damit war das Ganze dann gelaufen. Da muss ich drüber hinwegkommen. Der zweite Platz ist trotzdem noch einigermaßen okay und gibt immer noch viele Punkte", sagte der gebürtige Wiesbadener anschließend auf der Pressekonferenz.

Der Frust war ihm aber ins Gesicht geschrieben. In Gedanken versunken erzählte er weiter von seinen Renneindrücken: "Dazu noch die Tifosi da draußen, die wirklich unglaublich sind. Das ist so eine Wahnsinnsstimmung, das hat mir geholfen, die negativen Gedanken der vergangenen Wochen beiseite zu schieben." Wirklich?

Tifosi feiern Hamilton

Sicher: Tausende Tifosi verbreiteten bei der Siegerehrung unterhalb des erhöht meterweit in die Zielgerade ragenden Podestes eine Stimmung, als habe Ferrari gerade die Konstrukteurswertung gewonnen.

Doch als sich Ex-Formel-1-Fahrer Jean Alesi, der auf dem Podium die Interviews führte, Rosberg befragte, gab es unüberhörbar viele Pfiffe im Publikum. Es schien so, als würden auch die Tifosi dem Deutschen die alleinige Schuld am Crash in Spa in die Schuhe schieben.

Rosberg spricht nach dem Rennen zu seinen Fans:

Kluger Schachzug

Erst als er sich bei den Fans in überraschend fließend vorgetragenem Italienisch für die einzigartige Atmosphäre bedankte, feierten sie auch ihn.

Hamiltons Antwort ließ nicht lange auf sich warten: "Grazie ragazzi, grazie tutti!", sagte er mit souveräner Stimme ins Mikrofon. "Ich danke Euch allen!" Ein kluger Schachzug. Er war noch im Angriffsmodus, da war das Rennen längst vorüber. Auf der Strecke hatte er zuvor bewiesen, warum er in der Branche als verbissener Racer gilt.

Als er seinem Rivalen näher gerückt war, erhielt er aus der Mercedes-Box die Anweisung, es langsam angehen zu lassen.

Einzig, er dachte nicht daran. Stattdessen machte er Jagd auf den führenden Rosberg. Er nahm ihm Zehntel um Zehntel ab. Und als er bis auf eine Sekunde an ihm dran war, klappte er den Heckflügel nach unten. Es war das unmissverständliche Signal zum Angriff. Kurz darauf leistete sich Rosberg den Patzer, der ihn um den Sieg brachte.

Sympathien bei Hamilton

"Man darf das nicht so auslegen, dass ich die Team-Anweisung ignoriert habe. Meine Truppe will ja genau so gewinnen wie ich", sagte Hamilton zu seiner Strategie. "Sie dachten einfach, der zielführendste Weg wäre, etwas Geduld zu haben."

Hamilton wählte einen anderen. Es war die richtige Entscheidung - und vielleicht genau die richtige Einstellung kurz vor Saisonendspurt.

Die Sympathien hat er nach dem Crash beim Belgien-GP und der anschließend klaren Schuldzuweisung von Mercedes an Rosberg längst auf seiner Seite - und nun offenbar auch den viel bemühten psychologischen Vorteil.

Druck wird immer größer

Der Rennverlauf auf dem Autodromo Nazionale di Monza deutete daraufhin.

"Das Nachbeben der Kollision mit Rosberg hat Hamilton einen psychologischen Vorteil verschafft. Nico wirkte das ganze Wochenende eher bedrückt, Hamilton hingegen unbelastet", meinte der ehemalige Formel-1-Pilot Martin Brundle bei "speedweek.com". "Das Pendel ist wieder auf die Seite von Hamilton geschwungen."

Das merkt wohl auch Rosberg - trotz 22 Punkten Vorsprung. Für jeden Sieg gibt es 25, beim Saisonfinale in Abu Dhabi sogar 50. Es sind Zahlen, die den Druck auf den gejagten Rosberg weiter erhöhen werden. Monza war nur der Anfang.

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