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Adrian Sutil debütierte 2007 für Spyker in der Formel 1

München - Adrian Sutil spricht bei SPORT1 über die Tage nach dem Unfall von Jules Bianchi, die Kritik an Sotschi und Vettels Wechsel.

Es gibt Tage, die bleiben einem auf ewig im Gedächtnis.

Tage, an denen Erfolg und Misserfolg in den Hintergrund rücken. Dass Adrian Sutil am vergangenen Wochenende in Suzuka erneut ohne Punkte blieb, hatte für ihn am Ende keinerlei Bedeutung.

Aus nächster Nähe musste er mitansehen, wie Marussia-Pilot Jules Bianchi in einen Bergungskran krachte. In den Kran, der kurz zuvor Sutils Auto geborgen hatte.

Der Franzose erlitt ein schweres Schädelhirntrauma und liegt noch immer auf der Intensivstation eines japanischen Krankenhauses. Derzeit wird seine Situation als "kritisch, aber stabil" beschrieben.

Zurück in den Alltag

Dennoch steht knapp eine Woche später bereits das Rennen in Sotschi, und damit der Alltag vor der Tür.

Doch auch wenn es in Russland wieder um Punkte geht, werden die Gedanken der Piloten in erster Linie bei ihrem verletzten Kollegen sein - insbesondere auch die von Adrian Sutil.

Vor der Premiere des Großen Preis von Russland spricht er im SPORT1-Interview über die Tage nach dem Unfall, die Kritik am Austragungsort Sotschi und den Wechsel von Sebastian Vettel.

SPORT1: Herr Sutil, haben Sie die dramatischen Geschehnisse aus Suzuka schon komplett verarbeitet?

Adrian Sutil: Es ist schwer. Natürlich war der Unfall ein großer Schock, für alle im Fahrerlager. Man kann nur das Beste hoffen, und jeder ist in Gedanken bei der Familie und Jules Bianchi.

SPORT1: Wie haben Sie die Situation erlebt?

Sutil: Es ging sehr schnell. Letztlich war es das Gleiche, was mir passiert ist, nur dass dann das Bergungsfahrzeug da stand und der Ausgang anders war. Es ist eine Situation, die sehr tragisch ist.

SPORT1: Glauben Sie, man hätte das Rennen aufgrund der Verhältnisse frühzeitig beenden oder gar nicht erst starten sollen?

Sutil: Danach ist man immer schlauer. Aber ich denke, wir sollten keinen Schuldigen suchen. Es ist passiert, wir können es jetzt nicht mehr ändern. Mehr möchte ich dazu auch gar nicht mehr sagen.

SPORT1: Kann man das als indirekt beteiligter Pilot im nächsten Rennen einfach so wegstecken?

Sutil: Wir sind alle Profis. Es kann nicht nur immer Gutes geschehen, im Leben allgemein. Es gibt Ruckschläge. Wir müssen alle damit umgehen.

SPORT1: Am Wochenende steht das Rennen in Sotschi an. Wie sind Ihre ersten Eindrücke vor Ort?

Sutil: Ich war tatsächlich noch nie in Russland und bin zum ersten Mal hier. Russland ist ein sehr großes, sehr weites Land mit viel Natur - das sieht man schon aus dem Flieger. Der Komplex um die Rennstrecke ist riesig. Hotel und Strecke sind sehr nah zusammen. Für die Olympischen Spiele wurde hier ja schon eine sehr gute Infrastruktur geschaffen. Es sieht alles sehr modern aus, ich kann im Moment nur Positives berichten.

SPORT1: Im Vorfeld gab es wegen der aktuellen politischen Lage trotzdem viel Kritik an der Durchführung des Rennens. Können Sie die Kritik nachvollziehen?

Sutil: Ich kann nur sagen, dass hier alles ruhig ist und wir sehr herzlich begrüßt wurden. Alles ist sehr gut vorbereitet und professionell. Die politische Lage ist sicher nicht die einfachste. Aber wir sind hier für den Sport.

SPORT1: Aus sportlicher Sicht läuft es für Sie in diesem Jahr gar nicht gut. Neben Caterham ist Ihr Sauber-Team das einzige ohne Punkte. Woran liegt das?

Sutil: Wir haben die ganze Saison über Probleme mit dem Fahrzeug, hatten auch sehr viele technische Ausfälle, wodurch uns einige Punkte durch die Lappen gegangen sind. Eine Wende ist kaum möglich. Das Auto hat grundsätzliche Probleme, die wir nicht so schnell ausmerzen können. Die Chance auf Punkte wird mit jedem gefahrenen Rennen natürlich schlechter. 

SPORT1: Kommt eine neue Strecke da nicht genau richtig? Ist sie vielleicht sogar eine zusätzliche Chance für die kleinen Teams?

Sutil: Von einem Vorteil würde ich nicht sprechen. Auch wenn das hier für alle Neuland ist, sollte doch jeder gleich gut vorbereitet sein. Es kommt dann einfach darauf an, ob die Strecke dem einen Auto oder Fahrer besser liegt. Mercedes ist in diesem Jahr sehr schwer zu schlagen. Sie werden wohl auch hier bestimmend sein. Vielleicht kann man als Fahrer einen Vorteil haben, indem man sich auf dem neuen Kurs schneller zurechtfindet.

SPORT1: Was stimmt Sie denn dann zuversichtlich, dass es bald wieder aufwärts gehen könnte?

Sutil: Ehrlich gesagt planen wir schon eher für die nächste Saison. Die Hoffnung und Motivation ist bereits darauf gelenkt. Ich hoffe, dass wir dann von Anfang an ein besseres Auto haben und regelmäßig in die Punkte fahren können.

SPORT1: Das heißt, Sie sehen Ihre Zukunft bei Sauber?

Sutil: Ja. Nächstes Jahr bin ich auf jeden Fall bei Sauber.

SPORT1: Sebastian Vettel hat dagegen am vergangenen Wochenende verkündet, dass er Red Bull verlassen wird. Hat Sie diese Entscheidung überrascht?

Sutil: Es war abzusehen, dass Sebastian irgendwann das Team wechseln wird. Er hat eine unglaubliche Karriere bei Red Bull hingelegt, ist vier Mal Weltmeister geworden - irgendwann wird es dann Zeit für eine neue Herausforderung. Eine solche Herausforderung habe auch ich gesucht. Ich habe das bei meinem Wechsel zu Sauber auch gebraucht. Das tut gut, das ist eine wichtige Erfahrung. Ich denke, der Zeitpunkt für einen Wechsel ist bei Sebastian nicht schlecht. Er hat seinen Plan und weiß, was er tut.

SPORT1: Kritiker meinen ja, dass er seine Titel zu großen Teilen dem Auto zu verdanken habe und sich nun wo anders beweisen müsse.

Sutil: Ich denke, er muss nichts mehr beweisen. Er ist vierfacher Weltmeister. Ich finde so eine Kritik nicht fair. Von mir hat er den größten Respekt. Sicherlich wird er die Motivation haben, es nochmal allen zu zeigen. Ob es klappt, wird man sehen. In jedem Fall ist er ein großartiger Rennfahrer.

SPORT1: Ist ein Wechsel zu einem potenziellen Weltmeisterteam auch für Sie noch denkbar?

Sutil: Ja, natürlich hoffe ich darauf. Ich weiß zwar: Ich bin schon lange dabei und je länger man dabei ist, desto unwahrscheinlicher wird es. Aber schauen Sie sich das Beispiel Jenson Button an, der mit 29 Jahren plötzlich im richtigen Auto saß und Weltmeister wurde. In dieser Hinsicht gibt es keinen Fahrplan. Aber dafür viele Ziele, für die man kämpfen muss.

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