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Sebastian Vettel beendete nach dem Reifenplatzer in Spa zum ersten Mal in dieser Saison ein Rennen nicht in den Punkterängen © Imago

Spa-Francorchamps - Nach dem Platzer des Hinterreifens an seinem Ferrari in Spa warnt Sebastian Vettel vor einer Katastrophe: "Dann knallt einer in die Wand". Lauda und Pirelli kontern.

Sebastian Vettel war nicht zu bremsen. Der Ferrari-Pilot kochte.

Zunächst ließ Vettel sogar das eigentlich im Reglement vorgeschriebene Wiegen nach seinem bitteren Aus dem elften Saisonrennen der Formel 1 in Spa sausen. Mit finsterer Miene war der Ferrari-Pilot stattdessen ohne Umwege zur Mixed Zone gestapft.

Dem 27-Jährigen war anzusehen, wie sehr es in ihm brodelte. Kurze Zeit später musste der geballte Frust, die ganze Wut aus ihm heraus.

Denn Vettel hatte kurz zuvor durch einen Reifenplatzer nicht nur seinen dritten Platz und damit immerhin 15 Punkte im Kampf um den Titel verloren. Daneben wies er auch vehement darauf hin, was dabei alles hätte passieren können (DATENCENTER: Fahrerwertung).

"Man fühlt sich verarscht"

"Ich muss aufpassen, was ich sage. Aber man fühlt sich verarscht. Wenn das 200 Meter früher passiert, knalle ich mit 300 Sachen in die Wand", schimpfte Vettel.

Der Ferrari-Pilot hatte sich vor dem Zwischenfall rundenlang mit deutlich älteren Reifen gegen seinen Lotus-Konkurrenten Romain Grosjean gewehrt. Der Franzose war bis auf 0,5 Sekunden an Vettel herangekommen, es schien nur eine Frage der Zeit, wann er sich den Heppenheimer für ein Überholmanöver zurechtlegt. Doch Vettel hielt Grosjean bis zur vorletzten Runde in Schach und hatte das Podium im Blick. Bis der rechte Hinterreifen platzte. Ohne Vorwarnung. Und für Vettel ohne erkennbaren Grund.

Und einmal in Fahrt, legte der Heppenheimer nach. Und holte zu einer Generalkritik aus. "Es muss mal gesagt werden: Die Qualität der Reifen ist miserabel, das geht jetzt schon seit Jahren so, das kann nicht sein. Ich weiß nicht, worauf wir warten", schimpfte Vettel auf Reifenhersteller Pirelli.

Das saß. Eine Aussage mit Brisanz.

Denn bemerkenswert ist dabei die Tatsache, dass Vettel normalerweise versucht, seine Worte mit Bedacht zu wählen. Immerhin gute 20 Minuten lagen zwischen seinem Reifenplatzer und seinem Auftritt vor den TV-Kameras. Abgekühlt hatte er sein Gemüt bis dahin nicht. Auch während des Interviews konnte sich Vettel nicht beruhigen. Er musste etwas loswerden, das sich offenbar angestaut hatte.

"Dann knallt einer in die Wand"

"Wir müssen schauen, dass wir daraus etwas lernen. Darüber muss gesprochen werden. Demnächst knallt einer in die Wand, und dann stehen wir da und sagen: 'Oh, hätten wir mal…'", deutete Vettel mögliche Konsequenzen auf der Strecke an.

Pirellis Motorsportchef Paul Hembery versuchte, Verständnis für Vettels verbalen Ausraster und die hochgekochten Emotionen aufzubringen. Gleichzeitig schob er den Schwarzen Peter aber zurück zu Ferrari.

Pirelli schiebt es auf die Ferrari-Strategie

Denn Vettel war der einzige Fahrer im Feld, der das Rennen mit einer Ein-Stopp-Strategie angegangen war und nach dem Stopp 27 Runden mit der härteren Mischung gefahren ist. "Die Voraussage von Pirelli war, dass der Reifen 40 Runden hält, und wir hatten knapp 30 drauf. So etwas darf nicht passieren", so Vettel.

Hembery konterte: "Die Angaben zum Reifenverschleiß sind allgemein und hängen von vielen Faktoren ab. Der Reifen von Sebastian war fertig, am Ende seiner Lebensdauer. Das war sehr ehrgeizig und riskant, es mit dieser Strategie zu versuchen."

Zu viel Risiko von Ferrari?

Hat sich Ferrari also verpokert? Die Entscheidung zu dieser Strategie fiel bereits vor dem Rennen.

"Die Strategie beruht auf klaren Daten. Du bist nicht so dumm, ein Risiko für den Fahrer einzugehen", betonte Ferraris Teamchef Maurizio Arrivabene. Der Italiener verriet zudem, dass der Pirelli-Ingenieur, der bei jedem Team während des Rennens dabei ist, keinerlei Unregelmäßigkeiten sah und demnach auch keine Warnung aussprach.

Lauda kritisiert Vettel für Kritik

Mercedes-Aufsichtsratschef Niki Lauda schlug sich indes auf die Seite des Reifenherstellers. "Ich finde es absolut unfair, wenn er sagt, Pirelli ist Schuld. Wenn unsere Fahrer Pirelli so kritisieren würden, dann würde ich sie mir vornehmen", sagte Lauda.

Mercedes war allerdings auch betroffen. Denn wie Vettel ganz richtig anmerkte, gab es das Problem bereits am Freitag, als Silberpfeil-Pilot Nico Rosberg ebenfalls der Reifen platzte.

Der drückte sich aber etwas vornehmer als Vettel aus. "Es darf nicht passieren, dass die Reifen einfach ohne Vorwarnung platzen. Schuldzuweisungen bringen jetzt nichts, auch wenn ich nicht verstehe, was da passiert ist", sagte Rosberg, der im Rennen keine Probleme hatte und hinter seinem Teamkollegen Lewis Hamilton Zweiter wurde.

Einen Verbesserungsvorschlag hatte er auch. "Vielleicht kann man noch ein paar Sicherheitsvorkehrungen einbauen. Vielleicht schaltet man die Heckkameras bei allen Autos, damit man genau sieht, was passiert. Oft gibt es Vorwarnungen", so Rosberg.

Vettel dürfte das allerdings vorerst kaum besänftigen.

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