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Der Streit zwischen Robert Harting (l.) und Thomas Bach bestimmt derzeit die Debatten vor Olympia in Rio © SPORT1 Grafik: Eugen Zimmermann/Getty Images

Weitere Aufregung vor Olympia: Robert Harting attackiert IOC-Präsident Thomas Bach, der verteidigt sich. SPORT1 erklärt die Hintergründe und die Konsequenzen.

Sportler gegen Funktionär: Die Kritik von Diskus-Star Robert Harting an IOC-Präsident Thomas Bach schlägt hohe Wellen.

SPORT1 fasst alles Wissenswerte zu dem Fall und seine Konsequenzen zusammen:

Was ist passiert?

Harting hat den deutschen IOC-Präsidenten Thomas Bach scharf attackiert. "Er ist für mich Teil des Doping-Systems, nicht des Anti-Doping-Systems. Ich schäme mich für Bach", sagte er am Dienstag und ergänzte bei SPORT1: "Ich stehe ihm mit tiefer Enttäuschung gegenüber. Für mich ist er etwas, was ganz weit weg ist, wovor ich mich ekle und womit ich nichts zu tun haben will."

Bach hatte darauf unmittelbar reagiert und von einer "nicht akzeptablen Entgleisung" gesprochen. "Es ist nicht hinnehmbar, jemanden so zu beleidigen", so Bach weiter.

Anlass zu der Kontroverse war die Entscheidung des IOC, russische Sportler trotz massiven und systematischen Dopingbetrugs unter bestimmten Auflagen bei den Sommerspielen starten zu lassen.

Was hat Harting zu der Kritik veranlasst?

Harting wurde bei einer Pressekonferenz auf die Ereignisse angesprochen. Auf die Frage: "Schämen Sie sich für Thomas Bach?" hatte er zunächst nur mit "Ja" geantwortet und dann richtig losgepoltert.

"Ich denke ja nur laut nach und dabei sind die Mikros an", erklärt Harting bei SPORT1 hinterher. Als Sportler muss er die Entscheidungen des IOC hinnehmen. Das ist für Harting nicht immer leicht. Er will mitreden.

"Der Sport ist in meinem Herzen, und die Verantwortlichen spielen bei so einer Entscheidung mit meinem Herzen", meinte er - deshalb sage er seine Meinung.

War die Kritik geplant?

Eher nicht. Harting ist ein sehr spontaner Mensch, wie er selbst sagt: "Ich verfüge nicht über die diplomatischen Fähigkeiten und bin zu emotional, um in so einer Situation neutral zu denken."

Er wurde von den Medien nach seiner Meinung gefragt und hat ausführlich geantwortet. Harting weiß aber, was er sportpolitisch und medial auslöst, wenn er sich auf diese Weise äußert.

Wie tickt der Mensch Harting?

Harting ist dafür bekannt, dass er seine Meinung klar und vernehmlich äußert und über die Medien publik macht. 2009 kommentierte er eine Aktion von Dopingopfern abschätzig und stand dafür tagelang in der Kritik.

Als während der WM 20.000 Pappbrillen verteilt worden waren, um plakativ auf den im Verborgenen weiter stattfindenden Missbrauch verbotener Mittel aufmerksam zu machen, hatte Harting gesagt: "Wenn der Diskus auf dem Rasen aufspringt, soll er gleich gegen eine der Brillen springen, die die Dopingopfer hier verteilt haben."

Insbesondere störten ihn in diesem Zusammenhang die Anschuldigungen gegen seinen Trainer Werner Goldmann. Später ruderte Harting zurück.

Seit mehreren Jahren engagiert er sich aktiv gegen Doping. 2014 ließ er sich von der Kandidatenliste für den "Welt-Leichtathleten" streichen, weil auch der US-Sprinter und Dopingsünder Justin Gatlin darauf stand.

Harting bezeichnete sein früheres Ich selbst mal rückblickend "als rücksichtslos und grimmig". Er denkt selbstreflektiert und kann sich Fehler eingestehen. Wenn er etwas überdacht hat, scheut er sich nicht davor, seine Meinung zu revidieren.

Was sagen IOC und DLV?

Eine sportliche Sperre droht Harting wohl nicht. Auch das IOC muss die Meinungsäußerung eines Athleten akzeptieren. Die IOC-Charta sieht kein Startverbot oder ähnliches für einen solchen Fall vor. Der Paragraf "Präsidentenbeleidung" müsste erst erfunden werden.

Ein IOC-Sprecher teilte SPORT1 mit, dass Thomas Bachs Aussagen keine weiteren (rechtlichen) Schritte implizieren würden.

DLV-Präsident Clemens Prokop bezeichnete Hartings Aussagen im Gespräch mit SPORT1 als "dessen persönliche Meinung, die er als mündiger Athlet selbst zu verantworten hat". Von Seiten des DLV drohten Harting keine Konsequenzen. Auch von Seiten des IOC erwartet Prokop keine weiteren Maßnahmen.

Wie reagieren andere Sportler?

Claudia Pechstein ist Harting schon zur Seite gesprungen: "Bach hat sich politisch kaufen lassen. Er lügt die Welt an, wenn er öffentlich predigt, es gelte für jeden Sportler die Unschuldsvermutung", sagte die Eisschnelllauf-Olympiasiegerin:

"Wie viel kann man als IOC-Präsident denn noch lügen? Das ist eine unglaubliche Art der Verdummung, die Bach da an den Tag legt."

Was sagen die SPORT1-User?

Die SPORT1-User stärken Robert Harting eindeutig den Rücken: 92 Prozent der User (von 10.734 Stimmen; Stand: 27.7., 12:30 Uhr) stimmen seinen Aussagen zu.

Die Vorfälle rund um den IOC haben auch die Olympia-Vorfreude der User deutlich getrübt: 86 Prozent haben von den Skandalen genug und freuen sich kaum auf die Spiele (von 6.487 Stimmen; Stand: 27.7., 12:30 Uhr).

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