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Rio de Janeiro - Nach vielen Absagen ist Martin Kaymer einer der größten Namen des olympischen Golfturniers. Im SPORT1-Interview spricht Kaymer über seine Erfahrungen in Rio.

Wer dieser Tage Martin Kaymer in Rio de Janeiro begegnet, sieht einen Menschen, der sich in einer neuen Welt bewegt. Kaymer staunt.

Ein Weltstar, der in seiner Karriere 20 Millionen Euro Preisgeld eingespielt und fast alles gesehen hat im Profisport, kriegt den Mund nicht mehr zu, weil ihn die Ansammlung von durchtrainierten Athleten bei den Olympischen Spielen derart fasziniert.

Er tritt an, um Gold zu holen - und um Werbung zu machen für seinen Sport, der erstmals nach 1904 wieder olympisch ist.

SPORT1 traf den ehemaligen Weltranglistenersten und zweifachen Major-Sieger vor dem Start des olympischen Golf-Turniers am Donnerstag (ab 12.30 Uhr im LIVETICKER) im deutschen Haus und sprach mit ihm über seine Erfahrungen als Olympionike, seine Ambitionen im Turnier und darüber, wie Golf olympisch funktionieren kann.

SPORT1: Herr Kaymer, Sie sind mit großer Vorfreude angereist zu Ihren ersten Olympischen Spielen – ist es hier in etwa so, wie Sie es sich vorgestellt hatten?

Martin Kaymer: Es ist noch größer, noch riesiger. Es war eine gute Entscheidung, so früh anzureisen. Normalerweise komme ich Montag oder Dienstag zu den Turnieren, jetzt bin ich schon seit Freitagvormittag hier, um ein paar Eindrücke zu sammeln. Es ist sehr schwierig, alles aufzunehmen und zu verarbeiten. Die Leidenschaft und Energie, die von den ganzen Sportlern kommt, ist sehr imposant.

SPORT1: Was haben Sie erlebt?

Kaymer: Novak Djokovic habe ich beim Training zugeschaut, da kommt dir Boris Becker entgegen, mit dem ich mich dann unterhalten habe. Moritz Fürste hat mir das Olympische Dorf gezeigt. Das sind schon ganz gute Sportler... Der Einmarsch bei der Eröffnungsfeier, das war eine ganz spezielle Atmosphäre. Da bekommt man Gänsehaut. Wenn dann noch die Nationalhymne gesungen wird, dann ist das etwas ganz Besonderes.

SPORT1: Das Leben im Dorf dürfte für Sie ungewohnt sein.

Kaymer: Ein bisschen ungewohnt ist es wohl für jeden. Einfach ein Bett im Zimmer, eine Dusche – das war's. Ein Kleiderschrank fehlt, alles andere auch. Aber ganz ehrlich: Wir brauchen nicht wirklich mehr. Es ist alles sauber, der Golfkurs ist um die Ecke, alles in Ordnung.

SPORT1: Tut so eine Auszeit vom Luxus, den Sie in Ihrer privilegierten Sportart genießen, ganz gut?

Kaymer: Es ist ein bisschen back to basics. Du fragst dich dann natürlich automatisch, wie viel du eigentlich brauchst, um dich auf deine Sportart vorzubereiten und erfolgreich zu sein. Das ist alles da.

SPORT1: Wie ist der Kontakt zu den anderen Sportlern?

Kaymer: Es ist sehr interessant, was für verschiedene Menschen man so im Aufzug trifft. Dann fragst du, was der- oder diejenige macht und vergleichst mit deiner Sportart, wann die Wettkämpfe anfangen, warum man früh oder spät anreist, wie man trainiert – das ist alles super interessant. Viele Sachen kann man dann für seinen Sport übernehmen.

SPORT1: Im deutschen Haus werden die Medaillengewinner gefeiert. Gibt es den Traum, hier mit Edelmetall um den Hals rein zu marschieren?

Kaymer: Chancen bestehen auf jeden Fall. Auch wenn einige Spieler abgesagt haben, sind immer noch extrem viele gute da, weil zurzeit einfach sehr gutes Golf gespielt wird. Henrik Stenson und Danny Willett zum Beispiel haben dieses Jahr beide schon ein Major gewonnen. Von daher wird es nicht einfach.

SPORT1: Wird das olympische Turnier trotz der Absagen vieler Stars Werbung für den Sport?

Kaymer: Das hängt natürlich auch davon ab, wie die Medien damit umgehen. Und davon, wer am Ende gewinnt. Ich kann nur meinen Beitrag leisten, indem ich mein Bestes gebe. Olympia war für uns schon immer ein Thema die letzten zehn Jahre. Jetzt sind wir endlich dabei, in Japan 2020 auch noch. Wir werden unsere Erfahrungen hier mit den anderen Spielern teilen. Ich hoffe, dass sie wirklich darüber nachdenken, ob sie teilnehmen wollen oder nicht.

SPORT1: Was halten Sie vom Format? Im Grunde ist es ja wie bei jedem Turnier.

Kaymer: Man könnte es ein bisschen interessanter machen. Ich hätte es gut gefunden, wenn wir Donnerstag und Freitag unser normales Format spielen, jeder für sich, 18 Löcher. Und dann am Wochenende eine Art Teamwettbewerb. Erstens hätte man dann um zwei und nicht nur um eine Medaille gespielt. Und es wäre für uns und die Zuschauer interessanter gewesen. Medial hätte man da viel mehr draus machen können, wenn zum Beispiel ein Junge mit einem Mädel zusammengespielt hätte. Das hätte ich cool gefunden.

SPORT1: Wie ist es für Sie als Einzelsportler, als Teil einer Mannschaft anzutreten?

Kaymer: Nicht ganz ungewohnt, aber ich habe es vermisst. Ich habe ja lange Fußball gespielt. Dieses Wir-Gefühl gibt es auf dem Golfplatz teilweise gar nicht. Da ist es ein kleines Team mit Caddy, vielleicht Trainer und Physiotherapeut. Hier ist es ein besonderes Gefühl, weil du eben nicht nur für dich alleine kämpfst, sondern auch für die Topsportler in deinem Team.

SPORT1: Wie lange werde Sie hier bleiben?

Kaymer: Ich versuche gerade den Flug umzubuchen, dann hätte ich noch den Montag, um mir ein paar Wettbewerbe anzuschauen. Hockey habe ich bereits gesehen, das war super. Ist ja auch mit Schläger und Ball, das kann man also ganz gut vergleichen (lacht). Tennis hat leider nicht geklappt, Leichtathletik und Turnen wären toll. Ich hoffe, ich finde auch noch Zeit, mir ein paar andere Sachen anzuschauen. Die Copacabana sollte man gesehen haben, wenn man schon mal hier ist.

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