vergrößernverkleinern
Liv Boeree studierte Physik an der Universität von Manchester
Liv Boeree studierte Physik an der Universität von Manchester © Getty Images

Rozvadov - Liv Boeree ist Model, Moderatorin - und eine der weltbesten Pokerspielerinnen. Im SPORT1-Interview spricht sie über Strategien, Heavy Metal und "sexy Wissenschaft".

Liv Boeree hat viele Talente. Die Engländerin hat einen Uni-Abschluss in Physik, modelt, moderiert und war zuletzt in der TV-Show "Mind Control Freaks" im Discovery Channel zu sehen.

2010 gewann sie in Sanremo als bis dahin erst dritte Frau ein Turnier der European Poker Tour, strich dafür 1,25 Millionen Euro ein und wurde Mitglied im TEAM POKERSTARS. Seither ist Boeree in der gesamten Pokerwelt bekannt.

Zusammen mit ihrem Freund, dem Highroller Igor Kurganov, bildet die 31-Jährige das schlagkräftigste Paar der Pokerszene.

Im SPORT1-Interview spricht Boeree über ihre Pläne für die Zukunft, den Wunsch, anderen zu helfen, und darüber, worauf eine Frau am Pokertisch gefasst sein muss.

SPORT1: Frau Boeree, es gibt nicht viele Frauen, die Poker spielen, besonders auf Top-Niveau. Wie ist es für Sie als Frau im Poker-Business?

Liv Boeree: Das ist schwer zu sagen, weil ich nie ein Mann war. Jedoch kann ich aus meiner Erfahrung sagen: Man bekommt deutlich mehr Aufmerksamkeit. Aber: Wenn ich ein Mann wäre, wäre ich auch gerne ein interessanter Mann.

SPORT1-Reporter Sebastian Mittag traf Liv Boeree im King's Casino im tschechischen Rozvadov
SPORT1-Reporter Sebastian Mittag traf Liv Boeree im King's Casino im tschechischen Rozvadov © SPORT1

SPORT1: Welche Ratschläge haben Sie für Frauen, die Pokerprofi werden wollen?

Boeree: Wenn du eine Frau bist und mit Poker anfangen willst, musst du nicht unbedingt ins Rampenlicht und Interviews geben. Aber wenn du das magst: Super! Fang an mit Poker! Denn man wird schnell auf dich aufmerksam werden.

SPORT1: Wie reagieren Männer auf Frauen am Pokertisch? 

Boeree: Man muss darauf gefasst sein, dass man als Frau vielleicht andere Reaktionen hervorruft. Sie könnten dich unterschätzen, sie könnten versuchen, dich zu mobben, sie könnten versuchen, mit dir zu flirten. Das Wichtigste ist aber - und diesen Tipp gebe ich genauso Männern, die anfangen: Man muss das Spiel studieren. Poker basiert am Ende auf Logik, Analyse und ein bisschen Mathe. Je mehr man übt, desto besser wird man.

SPORT1: Sie haben einen Uni-Abschluss in Physik. Welchen Beruf hätten Sie ergriffen, wenn Sie nicht Poker-Profi geworden wären?

Boeree: Schwierige Frage. Hätte man mich das vor acht Jahren gefragt, hätte ich gesagt: Heavy-Metal-Gitarristin. Rockstar. Ich denke das wäre möglich gewesen. An einem gewissen Punkt war ich sehr gut. Und noch mal: Ich glaube, als weiblicher Metal-Gitarrist würde man viel Aufmerksamkeit bekommen und schnell bekannt werden. Jetzt - wenn es Poker nicht mehr gäbe - würde ich ich gerne eine Wissenschaftsshow moderieren. Damit habe ich ja ohnehin schon ein bisschen angefangen. Ich komme aus der Wissenschaft. Eine der wichtigsten Dinge ist es, den Menschen Wissenschaft näherzubringen. Ich finde, Wissenschaft ist sexy und macht Spaß. Und ich denke, dazu könnte ich beitragen.

SPORT1: Wollen Sie solange Pokerprofi bleiben wie möglich?

Boeree: Ich werde immer wieder mal Poker spielen. Aber wie definiert man Pokerprofi? Es gibt viele Leute, die sich Profi nennen. Ich kann mich zur Zeit eigentlich auch nicht Pokerprofi nennen. Ich mache zu viele andere Sachen. Gerade das letzte Jahr war auch nicht gerade profitabel. Poker hat mich Geld gekostet. Ich habe gerade einen Downswing, das passiert manchmal. Aber ich werde immer in irgendeiner Weise Poker spielen. Ich liebe das Spiel noch immer. Das Gute an Poker ist: Es gibt immer irgendwo ein Spiel. Aber wenn sich in meinem Leben etwas Neues ergibt, dass mir mehr Freude macht, werde ich mehr Energie und Anstrengung dort reinstecken.

SPORT1: Sie engagieren sich auch sozial und haben zusammen mit Igor Kurganov und Philipp Gruissem die Initiative REG (Raising for Effective Giving) gegründet. Welche Idee steckt dahinter?

Boeree: Wir ermutigen Pokerspieler, an verschiedene ausgewählte Organisationen zu spenden - basierend auf dem Konzept des Effektiven Altruismus. Altruismus bedeutet, dass man uneigennützig anderen helfen möchte. Und effektiv bedeutet, dass man berechnen kann, wo man pro gespendeten Euro am meisten Leid lindern kann.

SPORT1: Was bedeutet es Ihnen persönlich, anderen Menschen zu helfen?

Boeree: Ich denke, die größte Veränderung, die in den vergangenen Jahren in mir stattgefunden hat, war, dass ich gemerkt habe: Ich liebe Poker, aber ich brauche mehr als das. Was wird mein Vermächtnis sein? 'Oh, sie hat ein paar Pokerturniere gewonnen'? Ich bin jetzt 31. Ich will noch mehr Positives tun. Ich habe einen gewissen Einfluss in diesem wundervollen Geschäft. In der Pokerindustrie wird viel Geld verdient, es ist ein Milliardengeschäft. Es muss soviel mehr geben, wo Poker helfen kann. 

SPORT1: Sie sind auf der Pokertour viel unterwegs. Reisen Sie immer noch gerne oder vermissen Sie ein richtiges Zuhause?

Boeree: Ein Zuhause kann der Ort sein, wo man seine Sachen hat. Aber gleichzeitig ist es, wo du dich wohl fühlst und mit deinen Leuten zusammen bist. Für mich sind das oft zwei verschiedene Orte. Ich habe eine Wohnung in London, wo ich mein Zeug habe. Gleichzeitig sind die meisten Menschen, die ich liebe, auch mit auf der Pokertour. Und ich habe Igor, der - so kitschig es klingt - Heimat für mich ist. Er ist jetzt meine Familie. Und zum Glück reisen wir fast überall zusammen hin. Aber manchmal ist es auch nett, zurück in mein Apartment zu kommen. Und mich in Unterwäsche auf die Couch zu setzen und Playstation zu spielen.

teilentwitternE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel