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Miguel Indurain (l.) setzt sich im Zielsprint gegen Marco Pantani (r.) durch
Miguel Indurain (l.) setzt sich im Zielsprint gegen Marco Pantani (r.) durch © Getty Images

München - Die Rad-WM schreibt oft große Geschichten. Ein besonders denkwürdiges Rennen steigt 1995 in Kolumbien. Wolfgang Kleine erinnert in seiner Kolumne an die Geste eines großen Rennfahrers.

Es gab immer schon große Gesten im Radsport. So wie Olaf Ludwig bei der Tour de France, als er in Führung liegend auf einer Flachetappe beim Sprint Royal die hinter ihm fahrende Konkurrenz ausbremste und dem herbei stürmenden Telekom-Teamkollegen Erik Zabel den möglichen Sieg überließ.

Als Laurent Jalabert beim Anstieg in der Sierra Nevada den lange Zeit führenden Ausreißer Bert Dietz kurz vor dem Ziel einholte, aber den Deutschen dann anfeuerte, damit der als Erster noch das Ziel erreichte.

Aber eine Geste eines der größten Rennfahrer aller Zeiten ist mir besonders im Gedächtnis: Die des Miguel Indurain bei der Rad-WM im kolumbianischen Duitama vor 20 Jahren.

Kolumbien hofft auf Rincon

Man schrieb den 8. Oktober 1995, als beim Straßenrennen der Profis die Entscheidung nahte. Die heimischen Fans hofften auf einen Triumph ihres Rad-Helden Oliveiro Rincon, die Spanier fieberten mit Miguel Indurain. Sie wünschten ihm sehnlichst den Sieg.

Doch dann kam alles anders: 20 Kilometer vor dem Ziel attackierte Indurains spanischer Landmann Abraham Olano, raste am Rest der kleinen Spitzengruppe vorbei.

Die TV- und Radio-Kommentatoren wurden laut. Was war da geschehen? Warum setzte Favorit Indurain nicht nach? Er hätte es tun können.

Doch der Favorit hielt still, während Kletterkünstler Marco Pantani den Kolumbianer Rincon anschaute. Sie hielten still wie das Kaninchen vor der Schlange, während Indurain seinen Landsmann Olano ausreißen ließ.

Zielsprint zwischen Indurain und Pantani

Der spanischen TV-Kommentator war entsetzt. Jeder gönnte Indurain den Erfolg, kaum einer dem Abraham Olano. Doch niemand wollte die Lücke zufahren - und so musste "Don Miguel" auch in seinem letzten WM-Straßenrennen erneut mit den Plätzen vorlieb nehmen.

Daran änderte auch ein Plattfuß am Hinterrad Olanos einen Kilometer vor dem Ziel nichts mehr. In Zeitfahr-Manier raste er weiter und holte sich den WM-Titel.

Indurain gewann wenigstens zum spanischen Doppelsieg den Spurt der Verfolger gegen den Italiener Pantani, der sich noch auf dem Siegerpodest maßlos ärgerte.

Indurain dagegen umarmte Olano und unterstrich seinen Status als ein ganz großer Sportsmann.

Wolfgang Kleine hatte als Journalist seine Feuertaufe bei der Fußball-WM 1974 in Deutschland. Danach wurden für ihn zahlreiche Handball-Spiele, die Berichterstattung vom Leichtathletik-Europacup 1979 und die Begleitung der Tour de France 1996, 1997 sowie 1998 unvergessliche Erlebnisse. Aber eines bleibt besonders in Erinnerung: Das Wintermärchen der Olympischen Spiele 1994 in Lillehammer.

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