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Christopher Froome gewann zum vierten Mal die Tour de France
Christopher Froome gewann zum vierten Mal die Tour de France © Getty Images

München - Christopher Froome ist höflich und will von Kampfansagen an Tour-Legenden nichts wissen. Die Sympathien fliegen ihm aber auch beim vierten Tour-Sieg nicht zu.

Die Herzen flogen Christopher Froome auch bei seinem vierten Tour-Sieg nicht zu.

Auf der neunten Etappe blies Konkurrent Fabio Aru genau dann zum Angriff, als Froome mit einem Defekt zu kämpfen hatte. Trotz des ungeschriebenen Gesetzes, dass man in diesem Moment die Füße still hält.

Besonders in der Heimat von Romain Bardet, Dritter im Gesamtklassement, musste Froome Buhrufe und ein Pfeifkonzert über sich ergehen lassen.

Auf der 18. Etappe nahm Froome es rund dreieinhalb Kilometer vor dem Ziel erstaunlich gefasst hin, wie ein Fan dem Briten aus kurzer Distanz einen Kaugummi ins Gesicht spuckte.

Nebengeräusche ausgeblendet

Doch diese Attacken ließen Froome ebenso kalt wie Berichte um eine ominöse Medikamentenlieferung an das Team Sky aus dem Jahr 2011, bei der besonders Team-Prinzipal Dave Brailsford in der Schusslinie steht.

Froome sei nicht involviert gewesen, deshalb habe ihn das nicht beeinflusst: "Ich habe mich auf die Tour konzentriert." Erneut mit Erfolg. Dennoch schwebt die dunkle Doping-Wolke stets über seinen Triumphen. Erinnerungen an den ehemaligen Tour-Rekordsieger Lance Armstrong halten sich.

An den Aufstieg in den elitären Kreis der Fünffach-Sieger bei der Tour de France wollte der Brite aber nicht denken. "Mit diesen Legenden nur in einem Atemzug genannt zu werden, ist schon eine große, große Ehre", sagte Froome nach seinem vierten Tour-Triumph. Keine Kampfansage für die nächsten Jahre, es ist einfach nicht seine Art.

Auf dem Weg zur Legende

Dennoch, wenn der 32-Jährige noch ein weiteres Mal Paris im Gelben Trikot erreichen sollte, schließt er auf zu den Rekordsiegern Eddy Merckx, Jacques Anquetil, Bernard Hinault und Miguel Indurain. "Davon hätte ich nie zu träumen gewagt", sagte Froome - und es waren nicht nur Worte als Geste des Anstandes. "Froome beeindruckt mich", lobte "Kannibale" Merckx bei seiner diesjährigen Tour-Stippvisite.

Der hagere Brite mit dem sehr gewöhnungsbedürftigen Fahrstil ist respektvoll, zuvorkommend, nie aufbrausend. Ihm haftet nicht die gnadenlose Aura eines Armstrong an, dessen sieben Tour-Siege ja nicht mehr existent sind. Er erfährt aber auch nicht jene Heldenverehrung wie etwa Bradley Wiggins nach seinem Triumph 2012.

Dabei hat Froome den ersten britischen Tour-Sieger rein sportlich längst in den Schatten gestellt. Nie gab es einen besseren, erfolgreicheren Radprofi, den das Vereinigte Königreich hervorbrachte. Rufe, ihn zum Sir zu adeln, sind dennoch nicht laut vernehmbar.

Höflichkeit beeindruckt Teamkollegen

"Chris ist einfach ein netter Mensch, der versucht, jedem gerecht zu werden. Er ist ein großer Champion", beschreibt ihn sein deutscher Sky-Teamkollege Christian Knees (36), der für Froome drei Wochen Schwerstarbeit an der Spitze des Pelotons leistete. "Er hat sich jeden Tag bedankt beim Team. Das meint er ehrlich, und er weiß, dass die Mannschaft dieses Jahr besonders viel wert war", sagte der Bonner.

Vielleicht so viel wert wie nie zuvor, denn Froome verströmte bei seinem dritten Tour-Triumph in Serie nicht die individuelle Dominanz der Vergangenheit. Es gelang ihm nicht, mit einem furiosen Ritt die Konkurrenz zu demoralisieren, was er selbst allerdings auch als Teil der Strategie erklärte. "Wir wollten das Rennen nicht auf einer Etappe zerstören, sondern über drei Wochen effizient fahren", sagte Froome.

So waren die beiden Einzelzeitfahren am Anfang in Düsseldorf und am Ende in Marseille ausschlaggebend. Hier holte Froome letztlich auch die Zeit auf den nach 3540 km nur um 54 Sekunden distanzierten Kolumbianer Rigoberto Uran heraus. Ein Etappensieg gelang Froome dabei nicht, eine Rarität in der Tour-Historie.

"Ich lerne noch"

Einmal während dieser 104. Frankreich-Rundfahrt wankte der im kenianischen Nairobi geborene Sohn britischer Diplomaten. Auf der Pyrenäen-Etappe nach Peyragudes erlebte Froome einen der heikelsten Momente seiner Karriere, als er abgehängt wurde, den Rückstand aber begrenzte. "Ich war voll im roten Bereich, hatte einfach nicht genug Benzin im Tank. Das hätte schlimmer ausgehen können", erinnerte sich Froome.

Auch musste er erstmals in seiner Laufbahn das Gelbe Trikot zwischenzeitlich an einen Gesamtklassement-Konkurrenten (Fabio Aru) abgeben und hatte in Mikel Landa einen Sky-Edelhelfer, der manchmal stärker wirkte als sein Kapitän.

"Es war definitiv die engste Tour meiner Karriere", sagte Froome, der sich aber noch nicht am Ende seines Weges sieht: "Ich lerne und entwickele mich immer noch." Da war sie doch, die Ansage - zumindest an die aktuelle Konkurrenz.

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