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München - Mehr als 20 Jahre nach Steffi Graf steht wieder eine Deutsche an der Spitze der Weltrangliste. Angelique Kerbers Erfolge sind erstaunlich, haben jedoch ihre Gründe.

Mit "Die Zermürberin" hat die Zeit den Triumph von Angelique Kerber bei den US Open äußerst treffend betitelt. Keine andere Spielerin auf der Tour weiß ihre Gegnerinnen so zu bekämpfen, dass sie irgendwann die Geduld verlieren.

Doch ihre Spielweise ist nur ein Teil des Erfolgsgeheimnisses der neuen Nummer eins des Damen-Tennis. SPORT1 beleuchtet genauer, was hinter dem phänomenalen Aufstieg der Angelique Kerber steckt.

- Mentale Stärke

"Ihr Erfolgsgeheimnis ist definitiv ihre mentale Stärke", betont Markus Czerner, Experte für mentale Stärke und Motivation, im Gespräch mit SPORT1: "Sie hat es geschafft, diesen ganzen Trubel auszublenden. Es ist enorm viel wert, mit dem Wissen, die Nummer eins zu sein, das Halbfinale zu gewinnen."

Kerber gelingt es immer besser, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. "Früher hat sie sich zu viele Gedanken um das große Ganze und das Drumherum gemacht, was sie dann auf dem Platz abgelenkt hat", erklärt Czerner.

- Weiterentwicklung

Dabei hat die 28-Jährige eine bemerkenswerte Wandlung vollzogen. "Sie hat sich enorm weiterentwickelt. Gerade seit ihrem ersten Grand-Slam-Erfolg bei den Australian Open, als sie in ein tiefes Loch gefallen ist, hat sie es geschafft, aus dem Prozess des Zufriedenseins herauszukommen und sich neue Ziele zu setzen", fügt Czerner hinzu.

Nach dem Triumph von Melbourne im Januar hatten sich bei Kerber eine gewisse Müdigkeit und Misserfolg eingestellt. Doch sie habe "sich selbst auf ein neues Podest gestellt, dass sie gesagt hat, sie kann jetzt noch viel mehr erreichen."

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"Ihre Persönlichkeit ist enorm gewachsen", sagte auch Bundestrainerin Barbara Rittner.

Die Silbermedaillen-Gewinnerin von Rio hat damit einen Prozess fortgesetzt, der bereits 2011 begonnen hat. Damals hatte sie in Folge von elf Erstrunden-Pleiten in Serie über ein Karriereende nachgedacht.

Doch zahlreiche Umstellungen brachten Kerber in die Erfolgsspur zurück. "Früher war ich oft zerrissen und unsicher. Mittlerweile sage ich meine Meinung - und stehe dazu", strotzt Kerber nur so vor Selbstbewusstsein.

- Beharrlichkeit

Ein weiterer Grund für ihren Erfolg ist harte Arbeit. "Die Beharrlichkeit ist ihr Geheimnis", kommentierte Ex-Profi Andy Roddick Kerbers Titel in Flushing Meadows.

Zwar wurde der Kielerin die Begeisterung für den weißen Sport quasi in die Wiege gelegt. Vater Slawomir ist Tennistrainer, auch Mutter Beata ist eine sehr gute Spielerin. Praktisch zudem: Die Familie wohnte ab Kerbers drittem Lebensjahr lange Zeit in Kiel direkt über einer Tennishalle.

Dennoch ist sie auf Grund ihrer körperlichen Voraussetzungen kein Naturtalent. Sie besitzt nicht den härtesten Schlag, ist nicht die Größte, hat nicht die beste Reichweite.

Diese Mängel macht Kerber jedoch mit ihrem gewaltigen Aufwand und ihrer Spielweise wett.

"Es ist das beste Gefühl überhaupt zu sehen, dass sich harte Arbeit auszahlt", sagte Kerber nach ihrem Triumph gegen Karolina Pliskova.

- Spielweise

"Sie ist die beste Defensivspielerin der Welt. Nun ist sie auch soweit, auf ein offensiveres Spiel umzustellen. Das konnte sie vor ein paar Jahren noch nicht", stellte Roddick fest und sprach damit einen weiteren Aspekt Kerbers Entwicklung an.

Die Kielerin zermürbt ihre Gegner, indem sie nahezu jeden Ball zurückbringt. Niemand spielt gerne gegen eine "Gummiwand". Hinzu kommen ihre große Beweglichkeit und ihre schier unendliche Bereitschaft, sich auf dem Platz zu schinden und jeden Zentimeter zu beackern.

- Steffi Graf

Was wohl einerseits eine Belastung war, stellt sich nun immer mehr als Erfolgsfaktor heraus. Seit ihren ersten großen Siegen wird Kerber mit der größten deutschen Tennisspielerin aller Zeiten verglichen.

In den Zeiten, in denen die neue Nummer eins mental noch nicht so stabil war, war dies eher eine Bürde. Doch Kerber hat immer wieder betont, dass Graf ihr großes Idol sei.

Durch die Orientierung an der 22-fachen Grand-Slam-Gewinnerin hatte sie stets ein Ziel vor Augen. Doch nicht nur das.

"Sie hat intensive Gespräche mit Steffi Graf geführt", weiß Czerner, früher selbst professioneller Tennisspieler, die Kerber geholfen haben, den Tennis-Thron zu besteigen.

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