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Andrea Petkovic Tennis WTA Karriere-Ende
Andrea Petkovic legt in einem bemerkenswerten Interview ihr Seelenleben offen © Getty Images

München - In einem bemerkenswertem Interview legt Andrea Petkovic einmal mehr ihr Seelenleben offen - und gesteht ein zwiespältiges Verhältnis zum eigenen Sport ein.

Andrea Petkovic ist eine etwas andere Sportlerin, das stellt sie nun einmal mehr unter Beweis.

Zu Beginn ihres Tennis-Jahrs 2016 spricht die 28-Jährige einmal mehr ganz offen über Selbstzweifel, innere Zerrissenheit und ihre Schwierigkeiten mit ihrem Leben als professionelle Athletin.

"Ich schaffe nichts Bleibendes", findet die Weltranglisten-24. im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung: "Ich spiele Tennis - das bringt keinen weiter im Leben." Sie wisse zwar, "dass ich das wunderschönste Leben habe. Aber das bewahrt einen nicht davor, unglücklich zu sein."

Petkovic spricht auch sonst ohne Scheu über ihr Seelenleben, Gedanken ans Karriere-Ende, was sie letztlich davon abgehalten hat - und ihre Gedanken über Kunst, Politik und Flüchtlingskrise. Eine Auswahl der besten Aussagen:

Über mentale Probleme und ihre Abhilfe:

"Für mich ist Kunst die beste Ablenkung. Ich tauche in eine andere Welt ein. Ich suche Ablenkung, um Niederlagen, pfffft, wegzuwischen, zack, weiter! Funktioniert aber nicht. Ich überanalysiere die Dinge."

Über die Sinnkrise im vergangenen Jahr:

"Ich wollte nicht mehr da sein, wo ich war. Meine Mutter war im Sommer sehr krank. Mein Opa starb. Alle müssen durch so etwas gehen, ich weiß, aber für mich war es eine erste Konfrontation. So erschienen mir Fragen wie 'Spiele ich vor den Australian Open in Brisbane oder in Sydney?' unwichtig."

Ihre Zerrissenheit:

"In mir tobt einerseits das Bestreben, glücklich zu sein. Andererseits, andere glücklich zu machen. Das hört sich für eine Tennisspielerin wahrscheinlich dumm an, aber manchmal wäre ich glücklicher, wenn ich zu Hause wäre. Dann denke ich wieder: Wenn ich nur einen Fan inspirieren kann, fühle ich Verantwortung - der will ich gerecht werden."

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Wie sie die Sinnkrise überwunden hat:

"Ich bin nach New York geflogen, mit meiner besten Freundin, die nicht aus dem Tennis kommt. Die ersten drei Tage hat sie mich durchgeschleppt. Dann kam meine Energie zurück. Wir waren in Museen, hingen in schäbigen Bars rum, haben Blödsinn geredet. Da merkte ich: Langsam wirst du wieder du selbst. Ich habe Dokus geschaut und Bücher gelesen, in denen es um Personen ging, die viel selbst reflektieren. Oft geschah das im Alter von 27, 28 Jahren, dann fand ein Umbruch statt. Da drin habe ich mich wiedergefunden. "

Ihren Ausflug in die Politik:

"Ich war 19, 20 und verletzt zu der Zeit. Ich habe damals in einem Interview gesagt, ich würde gerne lernen, wie Politik funktioniert. Prompt bekam ich ein Angebot von Kochs Sprecher. Die Arbeitszeiten und die Förmlichkeit waren gewöhnungsbedürftig. Alle sagten immer MP Koch. Ich nannte ihn Rolli. Also nicht direkt, sondern unter uns. 'Andrea, das ist so respektlos', sagten die anderen. Ich fand den Gegensatz zwischen dem förmlichen Umgang und dem Namen Rolli lustig."

Ihre Sicht auf die Flüchtlingskrise:

"Wir sind wegen des Krieges geflohen, ich war sechs Monate alt. Das Thema macht mich betroffen, ob mehr als andere, weiß ich nicht. Ich weiß, was Deutschland mir gegeben hat. Dafür bin ich dankbar. Aus dieser Dankbarkeit heraus wächst dann wieder der Anspruch: Wir müssen allen helfen, irgendwie. Da bin ich nicht realistisch."

Was sie an ihrem Sport trotz allem liebt:

"Das Spielen gegen Topgegnerinnen. Die Matches vor dem tollen Fed-Cup-Publikum. Ich liebe diesen Sport, aber nicht bis zur Selbstaufgabe. Nach der Saison war ich zum Check bei Dr. Müller-Wohlfahrt. Ich bin ein Fan von ihm. Er sah sich meine Bandscheiben an und rief begeistert: "Ein Traum! Ich habe nach zehn Jahren Profisport noch nie solche Bandscheiben gesehen. Du kannst noch 15 Jahre Tennis spielen!" Da schrie ich: 'Um Gottes willen! 15 Jahre? Ohne mich!'"

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