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Colin Kaepernick
Colin Kaepernick sorgte mit seinem Boykott der amerikanischen Nationalhymne für Wirbel © Getty Images

München - Colin Kaepernick tut sich mit seinem Hymnen-Auftritt keinen Gefallen. Doch die San Francisco 49ers stecken nach dem Eklat in einer besonders komplizierten Zwickmühle.

Der Hymnen-Eklat und das folgende Echo könnten Colin Kaepernicks letzte Momente im Rampenlicht bei den San Francisco 49ers gewesen sein.

Seine durchaus streitbare Aktion in der Preseason hat nicht nur Reaktionen von gefühlt jedem Twitter-Nutzer bis hin zu US-Präsidentschaftskandidat Donald Trump provoziert, sondern auch sein Team in ein Dilemma gestürzt.

Denn der einstige Superstar Kaepernick, der die 49ers vor vier Jahren noch in den Super Bowl geführt hatte, stand sportlich schon länger auf der Kippe. Nun könnte dem neuen Coach Chip Kelly und Manager Trent Baalke eine mögliche Entlassung noch leichter fallen, um einen Nebenkriegsschauplatz zu schließen.

Supporters Of QB Colin Kaepernick Hold News Conference In San Francisco
Demonstranten stellten sich in San Francisco hinter Kaepernick © Getty Images

"Aktuell ist Colin einer der beiden besten Quarterbacks im Kader, aber wir müssen auch an die Zukunft des Teams denken", erklärt Kelly vielsagend.

Einstiger Heilsbringer ohne Stammplatz

Fakt ist: Einen Gefallen hat sich der schon häufiger abseits des Feldes negativ aufgefallene Kaepernick mit seinem Auftritt nicht getan. In der vergangenen Saison verlor der einstige Überflieger seinen Platz an den keineswegs überragenden Blaine Gabbert.

In der Offseason musste er sich zudem an Knie und Schulter operieren lassen, erst beim Skandalspiel gegen Green Bay gab er sein wenig überzeugendes Comeback.

Nur zwei von sechs Pässen brachte er für 14 Yards an den Mann, die 18 erlaufenen Yards erinnerten ein wenig an den einstmals so gefährlichen Spielmacher.

Im letzten Vorbereitungsspiel gegen San Diego muss er nun liefern. Offiziell kämpft er noch immer gegen Gabbert um die Starter-Rolle, eigentlich geht es jedoch um seinen Job.

Kaepernick muss sich beweisen

"Es ist schade, dass er die ersten beiden Preseason-Spiele verpasst hat, so sind wir gezwungen, ihn mit den jungen Spielern einzusetzen", sagt Kelly.

Eigentlich werden die Topleute im letzten Test traditionell geschont, aber Kaepernick muss sich noch beweisen, wenn er es in den 53 Mann-Kader schaffen will.

Angesichts der aktuellen Kontroverse würde es den "Niners" wohl deutlich leichter fallen, ihren ehemaligen Heilsbringer auf die Straße zu setzen. Seit den gescheiterten Trade-Diskussionen mit Denver in der Offseason war das Verhältnis zwischen Team und Quarterback ohnehin deutlich abgekühlt, von der Hymnen-Aktion war die Chefetage naturgemäß wenig begeistert.

Mögliche Trennung schwierig für 49ers

Allerdings ist die Situation deutlich komplizierter. Schließlich könnte den 49ers bei einer möglichen Trennung von Kaepernick ein politisches Motiv unterstellt werden.

"Wir treffen hier einzig und allein Football-Entscheidungen. Seit April arbeiten Colin und ich zusammen. Dabei ging es immer nur um Football. Er arbeitet hart und kniet sich mental rein", betont Kelly.

Dennoch, in der NFL wird in Zeiten von Skandalen um häusliche Gewalt und Eltern-Protesten wegen gesundheitlicher Risiken (Stichwort Gehirnerschütterungen) kaum etwas mehr gefürchtet als schlechte Publicity. Ein unüberhörbarer Teil der amerikanischen Öffentlichkeit stärkte Kaepernick zuletzt demonstrativ den Rücken.

Verlockender finanzieller Aspekt

Dazu kommt bei Kaepernick der finanzielle Faktor. Seine 11,9 Millionen Dollar für diese Saison kassiert er in jedem Fall, die 14,5 Millionen 2017 sind allerdings nur im Verletzungsfall garantiert.

Diese Ersparnis scheint verlockend, denn die Chance ist groß, dass ein Team wie die Minnesota Vikings nach einer Entlassung zuschlagen könnten. Minnesota steht nach der schweren Knieverletzung von Teddy Bridgewater ohne vernünftigen Spielmacher da.

Ein Risiko wäre es für die 49ers dennoch, denn hinter Gabbert stehen aktuell nur Rookie Jeff Driskel und Wandervogel Christian Ponder im Aufgebot, der noch vor gut einer Woche sein Haus strich, als der Anruf aus San Francisco kam.

Selten stand ein viertes Preseason-Spiel der NFL derart im Fokus.

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