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Mathegenie John Urschel ist Offensive Lineman der Baltimore Ravens © SPORT1-Grafik: Getty Images/ Imago

Baltimore und München - John Urschel von den Baltimore Ravens ist ein außergewöhnlicher Football-Profi. Der hochintelligente Mathematiker erklärt bei SPORT1 seine beiden großen Leidenschaften.

John Urschel ist alles andere als der typische NFL-Profi.

Sicher, mit seinen 1,91 Meter und fast 140 Kilogramm fällt er unter den modernen Gladiatoren nicht auf, aber sonst hat dieser Mann wenig mit den exzentrischen Hyper-Egos um ihn herum gemeinsam.

Das wird im Gespräch mit Urschel schnell klar, wenn er lieber über den einst von Russell Crowe in "A Beautiful Mind" verkörperten Mathematiker John Nash als über Pass Protection oder Offensiv-Strategien philosophiert.

"Für mich ist das kein Widerspruch. Ich liebe Mathe und Football. Deshalb versuche ich, diese Leidenschaften zu kombinieren. Auch die Formationen und Systeme im Football haben viel Mathematisches an sich", erklärt Urschel bei SPORT1.

Abschlussnote: 1,0

Es ist kaum untertrieben, den 25 Jahre alten Offensive Lineman der Baltimore Ravens als Mathematik-Genie zu bezeichnen. An der Penn State machte er seinen Master-Abschluss mit 1,0 und arbeitet am renommierten MIT aktuell an seinem Doktorgrad - bisher ebenfalls nur mit Bestnoten.

Zudem hat Urschel bereits mehrere mathematische Artikel in wissenschaftlichen Magazinen veröffentlicht. Sein Spezialgebiet ist numerische, lineare Algebra, die sich mit der Lösung komplexer linearer Gleichungssysteme beschäftigt.

"Ich mag die Klarheit der Mathematik. Wenn deine Berechnungen stimmen, hast du ein definitives Ergebnis, das sich auf höchst unterschiedliche Gebiete anwenden lässt. Das fasziniert mich", schwärmt er. (SERVICE: SPORT1 erkärt die NFL-Begriffe)

Geld und große Autos sind zweitrangig 

Warum setzt sich ein so intelligenter junger Mann also jede Woche einem Sport mit so hohem Verletzungsrisiko aus, bei dem 150-Kilo-Brocken ständig versuchen, ihm den Kopf abzureißen, um seinen Quarterback Joe Flacco zu erwischen?

Am Geld kann es kaum liegen. Der in der kanadischen Provinz Manitoba geborene Guard fährt nach wie vor einen uralten und im Vergleich zu den Autos der Kollegen fast schon irrwitzig kleinen Nissan und kommt nach eigener Aussage mit 25.000 Dollar im Jahr aus.

"Das fragt mich meine Mutter nach jeder Saison auch, aber ich spiele, weil ich den Körperkontakt brauche. Wenn du deinen Gegner physisch dominierst, ist das ein unglaublicher Kick. Du wirst süchtig danach", sagt Urschel.

Urschel will Schach-Großmeister werden 

Ohne diesen Kick sei er ein ziemlich ungenießbarer Zeitgenosse, meint er. Auch deshalb beschäftigt er sich in der Offseason mit Ringen und Kickboxen - wenn er nicht gerade mathematisch tätig ist oder einer weiteren Leidenschaft frönt.

"Ich bin ein begeisterter Schachspieler. Ich würde später gerne ein Großmeister werden", sagt der Fünftrunden-Pick des NFL-Drafts 2014. Zuzutrauen ist ihm dies in jedem Fall.

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John Urschel (r.) forderte den US-Schach-Meister Fabiano Caruana heraus © Getty Images

In der NFL wird er auch immer besser. Zehn Starts stehen in seinen ersten beiden Jahren auf dem Konto, aktuell kämpft er wieder um die Startposition des Left Guard.

Nachdenklich wegen Verletzungen von Kollegen 

Bei aller Freude am Spiel reflektiert Urschel aber auch sehr bewusst. Die frühen Rücktritte wie jener seines College- und NFL-Kontrahenten Chris Borland im vergangenen Jahr machen ihn nachdenklich.

Natürlich seien Gehirnerschütterungen und die Zeit nach der Karriere ein Thema für ihn: "Das Spiel kann für deine langfristige, geistige Gesundheit nicht gut sein. Wie schädlich es wirklich ist, wurde aber noch nicht schlüssig nachgewiesen. Fakt ist: Ich liebe dieses Spiel und kann ohne es aktuell nicht leben."

Die Playoff-Chancen der Ravens habe er noch nicht ausgerechnet, versichert Urschel mit einem Lächeln. "Dagegen wetten würde ich an Ihrer Stelle aber nicht", sagt er.

Wer würde diesem außergewöhnlichen Football-Nerd widersprechen?

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