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Die deutschen Volleyballer sind dem WM-Druck gewachsen, Trainer Heynen besticht durch Motivationskünste, Grozer ist dankbar.

Aus Kattowitz berichtet Lars Becker

Kattowitz - Auch am Morgen nach dem sensationellen Einzug ins WM-Halbfinale hatten Deutschlands Volleyball-Stehaufmännchen noch nicht so recht begriffen, was sie da geleistet hatten.

"Wir konnten erst gar nicht glauben, dass wir jetzt wirklich unter den besten Vier der Welt sind. Jetzt ist die Medaille nur noch einen Sieg entfernt", sagte Blockspezialist Tim Broshog mit müden Augen (BERICHT: Traum von deutscher WM-Medaille geht weiter). Mit den deutschen Volleyballern ist es ein bisschen so wie in der Geschichte Dr. Jekyll und Mr. Hyde.

Dr. Jekyll und Mr. Hyde

Im ersten Drittrundenspiel hatten sie beim 0:3 gegen Frankreich noch eine "Scheißleistung" (O-Ton Bundestrainer Vital Heynen) abgeliefert.

24 Stunden später schmetterten sich der mit 23 Punkten alles überragende Superstar Georg Grozer und Co. jedoch mit einem 3:0 gegen den Iran direkt in die Medaillenspiele. Es war die beste Leistung der letzten Jahre, die erste deutsche WM-Medaille seit Gold für die DDR vor 44 Jahren ist jetzt nur noch einen Sieg entfernt.

"Nach der Niederlage gegen Frankreich ist es ziemlich laut in der Kabine geworden. Aber wir sind gut dabei, einen auf die Mütze zu bekommen und direkt danach wieder aufzustehen", sagte Zuspieler Lukas Kampa (DIASHOW: Die besten Bilder der WM in Polen).

Keine zwei Pleiten in Serie

Auch nach den 0:3-Pleiten gegen Titelverteidiger Brasilien und Olympiasieger Russland war direkt ein überzeugender Sieg gefolgt. Die deutsche Mannschaft hat bei diesem langen WM-Turnier noch nie zwei Spiele in Serie verloren – das macht auch Hoffnung, dass das in den anstehenden beiden Finalspielen wirklich mit der Medaille klappt.

"Wir haben schon überlegt, ob wir am Freitag ein Trainingsspiel ansetzen und schlecht spielen, damit wir dann am Samstag das Halbfinale gewinnen", scherzte Ersatz-Spielmacher Sebastian Kühner: "Am liebsten wollen wir aber noch zweimal gewinnen."

Das neue Selbstbewusstsein ist der wohl wichtigste Faktor für den Aufstieg der deutschen Schmetterkünstler in die absolute Weltspitze.

Bei den klaren Viertelfinal-Niederlagen bei den Olympischen Spielen 2012 und der Europameisterschaft 2013 hatten noch die Nerven geflattert, doch bei dieser WM haben die schwarz-rot-goldenen Männer bislang alle entscheidenden Spiele gewonnen.

"Unter Druck spielen wir am besten"

"Unter Druck spielen wir am besten. Die Mannschaft ist erwachsen geworden", sagte Teamleader Grozer mit Blick auf das Halbfinale gegen Gastgeber Polen.

Das ist vor allem ein Verdienst von Bundestrainer Heynen, der vor der WM offensiv das Ziel Medaille ausgegeben hatte.

Der Motivationskünstler a la Christoph Daum greift dabei auch auf ungewöhnliche Maßnahmen zurück: Im Trainingslager in Kienbaum hatte er überall große Fotos von den WM-Medaillen anbringen lassen – von der Trainingshalle bis zum Schlafraum.

"Fantastischen Drei" überzeugen

"Man musste dieser Mannschaft einfach ein höheres Ziel geben. Ich habe immer wieder gesagt: Warum sind wir hier? Um eine Medaille zu gewinnen. Irgendwann haben sie begonnen, es zu glauben", so Heynen.

Die Garanten für den Erfolg sind die "fantastischen Drei".

Zuspieler Lukas Kampa lenkt als intelligenter Regisseur die deutschen Angriffe. Für die nötigen Punkte sind zwei emotionale Spieler zuständig, deren Wurzeln außerhalb Deutschlands liegen.

Der in der Ukraine geborene Denis Kaliberda ist zwar körperlich nicht der größte Außenangreifer, dafür gehört er aber mit seinen schlauen Schmetterschlägen zu den effektivsten Punktesammlern dieser Weltmeisterschaft.

Grozer unter den Top-Drei der Welt

Zweifellos die wichtigste Figur ist aber "Hammerschorsch" Georg Grozer.

Der dunkelhaarige Mann mit den auffälligen Tatoos auf seinem kräftigen rechten Schlagarm gewann auch gegen den Iran das Spiel fast im Alleingang. Im dritten Satz verwandelte er mit seinen Raketen-Aufschlägen ein 9:12 in ein 18:12 – im internationalen Topvolleyball auf diesem Niveau eine einmalige Serie.

"Georg Grozer gehört definitiv zu den drei besten Volleyballern der Welt", lobte Verbandschef Thomas Krohne.

Der gebürtige Ungar Grozer hat in diesem Jahr mit seinem russischen Verein Belogorie Belgorod mit der europäischen Champions League und der Klub-Weltmeisterschaft bereits zwei große Titel gewonnen.

Eine Medaille mit dem deutschen Nationalteam wäre aber zweifellos die Krönung: "Das ist ein großer Traum von mir, und gewöhnlich erfülle ich mir meine Träume ganz gut. Eine Medaille wäre auch ein kleines Dankeschön dafür, dass ich als Ungar in der deutschen Nationalmannschaft spielen darf."

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