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Nico Rosberg debütierte 2006 für Williams in der Formel 1
Nico Rosberg debütierte 2006 für Williams in der Formel 1

Singapur und München - Nico Rosberg büßt in Singapur die WM-Führung ein, selbst das Team glaubt offenbar an eine Vorentscheidung. Die Verschwörungstheorien bekommen neue Nahrung.

Marcus Ericsson wehrte sich nach Kräften.

Mehrere Runden lang biss sich sein Kontrahent an ihm die Zähne aus. Anders als sonst tauchten aber nicht Jules Bianchi oder Max Chilton im Marussia in seinem Rückspiegel auf, sondern kein geringerer als der bis dato WM-Führende Nico Rosberg.

"Es war nicht schön, hinter einem Caterham herzufahren", sagte der Mercedes-Pilot nach dem Rennen wenig charmant. Wenig später war Rosbergs Rennen dann auch beendet, die Technik seines Silberpfeils spielte nicht mehr mit.

Rosberg büßt Führung ein

Während der Wiesbadener also nach Silverstone die zweite Nullnummer der Saison verkraften musste, fuhr sein Teamkollege und härtester Rivale Lewis Hamilton überlegen zum Sieg. Zudem büßte der Deutsche damit erstmals nach Barcelona auch seine WM-Führung ein.

Drei Punkte beträgt der Rückstand jetzt. Bei noch fünf ausstehenden Rennen sicherlich kein unmögliches Unterfangen - vor allem im Hinblick auf die doppelte Punktzahl zum Saisonabschluss in Abu Dhabi.

Doch offenbar glaubt selbst das Mercedes-Team an eine Vorentscheidung.

Entschuldigungen von allen Seiten

Anders ist es kaum zu erklären, dass auf Rosberg in Singapur eine Armada von Entschuldigungen einprasselte. Noch während des Rennens nahm ihn Toto Wolff zur Seite: "Ich habe mich bei Nico entschuldigt, weil wir ihn im Stich gelassen haben", sagte der Motorsportchef. 

Wenig später leistete auch Niki Lauda Abbitte. "Ich entschuldige mich natürlich auch bei Nico. Wir müssen nun analysieren, was falsch gelaufen ist. Für uns als Team ist es wichtig, mit beiden Autos ins Ziel zu kommen", so der Aufsichtsratschef.

Selbst Paddy Lowe, technischer Direktor bei Mercedes und nicht gerade für seine Redseligkeit bekannt, äußerte sein Bedauern: "Ich kann mich bei Nico nur entschuldigen und vielmals um Verzeihung bitten."

Technischer Defekt bremst Rosberg aus

Sicherlich, das Team hatte gute Gründe, sich zum Geschehen auf und neben der Strecke zu äußern.

So wirkt es beinahe grotesk, dass in der hochtechnisierten Formel 1, in der jede noch so kleine Unregelmäßigkeit mit dem Computer erfasst wird, erst in der Startaufstellung festgestellt wird, dass es Probleme mit dem Lenkrad gibt.

Auch als man die Steuereinheit mehrfach austauschte, trat keine Verbesserung ein. Ein gebrochenes Kabel in der Lenksäule wurde schließlich als Fehlerquelle lokalisiert. Noch in der Nacht wurde ein Mechaniker mit dem circa einen Meter langen Teil auf die Reise nach England geschickt.

Doch das ein Team wegen eines technischen Defekts - der nie ganz auszuschließen ist - gegenüber einem Fahrer so zu Kreuze kriecht, ist dann doch eher ungewöhnlich.

Rosberg: "Sehr, sehr seltsam"

"Das war ganz klar der bitterste Tag des Jahres für mich", haderte Rosberg nach dem Rennen. "Die Mechaniker waren schon fünfmal im Auto drin, bevor es überhaupt losging, und alles war perfekt. Dann steige ich in der Garage ein, und ab dem Moment geht nichts mehr - sehr, sehr seltsam.

Worte, die bei allen Verschwörungstheoretikern die Alarmglocken schrillen lassen. Schon in Monza glaubten einige nicht daran, dass sich Rosberg zweimal an derselben Stelle verbremst haben sollte.

Rosberg hat Kredit verspielt

Seit dem direkten Duell in Spa, als Rosberg dem Teamkollegen den Reifen aufschlitzte, werden viele das Gefühl nicht mehr los, dass Mercedes Hamilton lieber als Weltmeister sähe.

Rosberg hat mit seiner Aktion viel Kredit verspielt, zuletzt wurde er auf dem Podium von den Fans ausgebuht. Auch vom Team wurde er öffentlich scharf kritisiert.

Dazu ist der Deutsche weniger charismatisch, und hat nicht den Glamour-Faktor seines Widersachers. Lässt sich ein Weltmeister Hamilton schlicht besser vermarkten?

Wolff: Hamilton ist ein Superstar

"Lewis ist sein Geld wert. Er ist ein sensationelles Rennen gefahren. Mehr habe ich dazu nicht zu sagen", lobte Lauda den Briten.

Dass solche Worte von Lauda kommen, mag wenig verwundern. Der Österreicher gilt als großer Fan des 29-Jährigen.

Doch am Sonntag schwärmte selbst Toto Wolff - sonst eher in neutraler Rolle - in höchsten Tönen vom Ex-Weltmeister: "An solchen Tagen zeigen Fahrer wie Lewis, was den Unterschied zwischen einem Star und einem Superstar ausmacht."

Rosberg will nicht zurückstecken

Es macht den Eindruck, als habe Rosberg nicht nur die WM-Führung eingebüßt, sondern auch die volle Rückendeckung seines Teams.

In den verbleibenden fünf Rennen wird es für ihn darum gehen, beides wieder zurückzuerobern. Der Deutsche steht unter Zugzwang. "Wenn man Weltmeister werden will, muss man dem Druck standhalten. Der ist jetzt da", sagte Wolff.

In zwei Wochen kann er in Japan sich und dem Mercedes-Team beweisen, dass er ihm gewachsen ist.

Und Rosberg denkt gar nicht daran, klein beizugeben: "In Suzuka geht es wieder weiter mit voller Attacke."

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