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Volle Kraft voraus beim Schlittenziehen: Auch nach seinem Ski-Karriereende nimmt Gerd Schönfelder jede Herausforderung an
Volle Kraft voraus beim Schlittenziehen: Auch nach seinem Ski-Karriereende nimmt Gerd Schönfelder jede Herausforderung an © imago

München und Hurghada - Paralympics-Ikone Gerd Schönfelder spricht bei SPORT1 über sein bewegtes Leben, neue Herausforderungen und den Fall Rehm.

19 Jahre alt war Gerd Schönfelder, als er bei einem Unfall mit einem anfahrenden Zug seinen rechten Arm und drei Finger der linken Hand verlor. Er hatte Glück, dass er mit dem Leben davonkam.

Der mittlerweile 44-jährige Bayer blickt heute auf eine fast unglaubliche Karriere im Behindertensport zurück. Als Skirennfahrer gewann er unter anderem 16 Goldmedaillen bei Paralympischen Spielen. Rekord.

SPORT1 traf den Ehrenbürger von Kulmain, einem Örtchen in der Oberpfalz, im Rahmen der Eventwoche "Champion des Jahres" der Stiftung Deutschen Sporthilfe und ihrer Partner. Schauplatz war 2014 der Robinson Club Soma Bay im ägyptischen Hurghada.

Schönfelder spricht im Interview über sein bewegtes Leben, den Kampf für den Behindertensport und neue Herausforderungen.

SPORT1: Herr Schönfelder, stimmt die Geschichte, dass Sie während der Geburt Ihres zweiten Kindes ein Rennen gefahren sind?

Gerd Schönfelder (lacht): Ja, und zwar mein letztes paralympisches Rennen. Die Super-Kombi 2010 in Vancouver. Eigentlich die Super-Super-Kombi mit einem Durchgang Super-G, einem Durchgang Slalom und einer Geburt in einem Rutsch. Schwer zu planen und daher einzigartig. Werde ich nie vergessen.

SPORT1: Sportverrückt trifft es wohl - zuletzt haben Sie sich beim Kitesurfen versucht.

Schönfelder: Mich reizt alles, ich lerne gerne Neues. Beachvolleyball lasse ich bleiben, möchte nicht der Punktelieferant sein (lacht). Fußball geht schon eher. Und da dachte ich mir, wenn ich schon einmal in Ägypten bin, muss ich auch Wassersport betreiben, also habe ich mich fürs Kiten angemeldet. Die Kollegen musste ich erst einmal überzeugen, die haben auch erst mal geschaut: Mit einer Hand, wie soll das gehen?

SPORT1: Wussten Ihre Lehrer, mit wem sie es zu tun haben?

Schönfelder: Meine Geschichte habe ich erst später erzählt, es hat sich herumgesprochen. Das hat die Leute dann schon überzeugt, dass es machbar ist. Aber es war auch für die Kite-Lehrer schwierig, mir zu zeigen, wie es mit einer Hand geht. Tricky zu lernen, aber ein Heidenspaß. Wenn es dann doch nichts wird, kann ich sagen: Ich habe es probiert. Wird dann von der Liste gestrichen. Tauchen war ich auch schon, wunderbar.

SPORT1: Als "Champion des Jahres" 2012 werden Sie jedes Jahr aufs Neue eingeladen. Welche Erinnerungen haben Sie an den Sieg damals?

Schönfelder: Ich hatte mir Außenseiterchancen ausgerechnet, aber Robert Harting war klarer Favorit. Irgendwie habe ich die Leute überzeugen können mich zu wählen. Das ist für mich auch heute noch unglaublich. Zum einen war ich der einzige Behindertensportler. Und dann war es ein Olympisches Jahr, dennoch habe ich es unter die Nominierten geschafft und bin dann tatsächlich gewählt worden. Das fand ich wahnsinnig bewegend.

SPORT1: Werden Sie als Rekord-Paralympionike auf offener Straße erkannt?

Schönfelder: In Süddeutschland und auch in Österreich, wo der Skisport einen höheren Stellenwert hat, schon öfter. Aber es hält sich in Grenzen. Zu Markus Wasmeier habe ich mal gesagt: Zweifacher Olympiasieger ist einfach doch noch einmal etwas anderes als 16-facher Paralympicssieger. Den Wasi kennt schließlich jeder.

SPORT1: Haben Ihre Erfolge dem Behindertensport mehr Anerkennung verschafft?

Schönfelder: Ich denke schon, zumindest ist es immer mal wieder ein Thema. Gegenüber früher hat es sich schon gewaltig verändert. Bei meinen ersten Paralympischen Spielen, 1992 in Albertville, lief der einzige Bericht in "Aktion Sorgenkind". Der Name war ja schon krass. Das war einfach eine andere Zeit.

SPORT1: Daraus wurde die Aktion Mensch ? die Zeiten haben sich also geändert?

Schönfelder: Ja, mittlerweile kommen wir in Sportsendungen, wir sind öfter bei Ehrungen dabei. Es kann immer noch besser werden. Aber nichts geht von heute auf morgen.

SPORT1: Auch nicht die Integration von behinderten Sportlern. Für Aufsehen sorgte zuletzt Markus Rehm, dem die Teilnahme an der Leichtathletik-EM versagt wurde.

Schönfelder: Der Fall ist sicher eine Ausnahme. Erst einmal brauchst du so einen Top-Athleten, und dann geht es auch nur in ein paar Sportarten, dass man mit einer Behinderung und einem Hilfsmittel - in dem Fall einer Prothese - in die gleichen Regionen vorstoßen kann wie Nichtbehinderte. Das ist ganz, ganz selten. Mir fällt sonst nur Oscar Pistorius ein. Die Materialentwicklung schreitet eben immer weiter voran, das ist dann vielleicht auch nicht mehr Sinn der Sache.

SPORT1: Haben Sie sich dennoch für Rehm gefreut?

Schönfelder: Klar fand ich das cool. Mit einer Unterschenkelprothese musst du erst einmal so weit springen, phänomenale Leistung. Natürlich war er am Ende der Leidtragende, aber irgendwo hat er auch profitiert davon. Schließlich war er in aller Munde. Zumindest hat er keinen großen Schaden davon getragen.

SPORT1: Immerhin hat er die EM in Zürich verpasst.

Schönfelder: Das hat man natürlich verschlafen. Sie haben die Deutschen Meisterschaften als Testwettkampf laufen lassen, dann ist ihm eine Leistung geglückt, die man so nicht erwartet hatte. Insgesamt war es in meinen Augen dennoch eine tolle Werbung für den Behindertensport.

SPORT1: Wie hat das in Ihrer aktiven Karriere mit der Integration bei den Nichtbehinderten geklappt?

Schönfelder: Menschlich tadellos. Und wir haben viel miteinander trainiert. Für mich war es immer gut, wenn ich bei den Nichtbehinderten des DSV teilweise mithalten konnte, alle super Skifahrer! Und für sie war das gemeinsame Training ihrerseits ein Ansporn und sorgte für einen neuen Blickwinkel.

SPORt1: Was meinen Sie konkret?

Schönfelder: Ich habe zum Beispiel beim Start alles aus den Beinen heraus gemacht, während sie mehr die Arme genutzt haben. Da haben sie sich vielleicht sogar noch etwas abschauen können. Das gibt einem dann Bestätigung. Und etwas Glauben, dass man auch mit zwei Armen vielleicht ein bisschen hätte mithalten können. Aber ich schaue nicht zurück. Was wäre, wenn - das ist alles vorbei.

SPORT1: Gab es den einen Moment nach dem Unfall, wo Sie sich gesagt haben: Jammern hilft nichts, ich muss jetzt nach vorne schauen?

Schönfelder: Den gab es auf jeden Fall. Und er kam auch relativ zügig. Ich war nur zwei Wochen akut im Krankenhaus, dann kurz zu Hause und dann in der Reha. Es hat einfach Klick gemacht. Ich wollte nicht sterben, ich wollte weiterleben. Ich wusste nur nicht wie. Man hat ja keine Ahnung, wie alles funktionieren soll: Essen, Trinken, Toilette, Anziehen. Einfach selbstständig den Alltag zu bewältigen. Über kleine Dinge habe ich dann gemerkt: Mensch, es geht. Das auch. Und so ging es immer weiter.

SPORT1: Was hat Sie angetrieben in dieser Phase?

Schönfelder: Es hilft, ein Kämpfer zu sein, positiv zu sein. Sich Gedanken zu machen. Und mir war es immer lieber, wenn die Leute gesagt haben: Das ist zwar übel, aber da gibt es Mittel und Wege. Wir helfen dir, du machst weiter. Das ist zumindest meine Erfahrung. Wobei meine Schwelle, an der ich aufgebe, auch recht hoch ist. Ich bin zäh, ich habe Ehrgeiz, ich will es wissen. Und ich will es den anderen beweisen.

SPORT1: Welche Ziele treiben Sie nach der aktiven Karriere an?

Schönfelder: Ich versuche schon, das Thema Behindertensport voranzutreiben. Ich bin ja als Trainer im Paralympics-Skiteam dabei und möchte, dass das Team erfolgreich bleibt. Einfach auch, weil es mir so viel gegeben hat. Das war für mich schon der Auslöser, das Leben so anzunehmen wie es jetzt ist. Ich habe zwar einen Arm verloren, aber das Leben danach war eine Bereicherung. Man erlebt als Sportler schöne Dinge, wenn man offen ist. Das möchte ich weitergeben.

SPORT1: Was geht Ihnen als Erstes durch den Kopf, wenn Sie an Ihren Unfall denken?

Schönfelder: Es ist jetzt 25 Jahre her, 11. September. Es war haarscharf. Insofern bin ich einfach froh, dass ich es überlebt habe. Seitdem betrachte ich das Leben als eine sehr, sehr schöne Zugabe. Ich hoffe, sie dauert noch recht lang. Man muss einfach zufrieden sein und jeden Tag so leben als wäre es der letzte. Und wenn es der letzte ist, dann kann ich sagen: Schade, dass es vorbei ist. Aber geil war's schon.

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