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Lindsey Vonn freut sich über ihren Rekordsieg
Lindsey Vonn ist nach ihrem 63. Weltcup-Sieg die erfolgreichste Skirennläuferin der Geschichte © Getty Images

München - Das Leben ist ein Kampf für Lindsey Vonn. Doch ihr Ehrgeiz macht sie zur erfolgreichsten Skirennläuferin der Geschichte. Am Ziel ist die Amerikanerin noch lange nicht.

Es ist ein dramatisches Szenario. Schladming. 5. Februar 2013, 16 Uhr. Ein Helikopter der Bergrettung steht hoch oben in der Luft über dem Hausberg, der Planai. Minutenlang halten die TV-Kameras drauf.

Viele Meter darunter hängt an einem strammen Seil befestigt ein Rettungskorb. Ein Bergwachtmann hat sich angegurtet, beugt sich mit seinem Oberkörper über die schwer verletzte Lindsey Vonn.

Der Hubschrauber dreht ab und fliegt durch seichten Nebel und Schneefall hindurch in Richtung Tal.

Rekorde nach Zweifeln

Viele Experten zweifeln damals, ob die heute 30-Jährige nach dem schweren Sturz bei der Alpinen Ski-Weltmeisterschaft wieder die Alte werden wird. Kreuzbandriss lautet später die Diagnose der Ärzte. Seither sind zwei Jahre vergangen - und Vonn ist stärker denn je zurückgekehrt.

Am 3. Februar wird sie in Vail wieder bei einem WM-Super-G an den Start gehen - nun als erfolgreichste Skirennläuferin der Geschichte.

Vor den Augen ihres Freundes Tiger Woods feierte sie am Montag in Cortina d'Ampezzo ihren 63. Weltcup-Sieg und ist damit nun alleinige Rekordhalterin in der ewigen Bestenliste.

Tags zuvor hatte sie an gleicher Stelle in der Abfahrt Sieg Nummer 62 eingefahren. Erstmals standen dabei ihre Eltern bei einem Weltcup-Rennen ihrer Tochter gemeinsam an der Strecke.

Beide sind nicht unschuldig daran, dass das sportlich so erfolgreiche Leben ihrer Tochter einem ständigen Kampf gleicht. Und trotz der unglaublichen Zahl von 63 Siegen ist es auch ein Leben voller Rückschläge.

Scheidung der Eltern als Beginn der Depression

Vonn ist 19 Jahre alt, als sich ihre Eltern scheiden lassen, und leidet schon damals unter Depressionen. Das tut sie auch heute noch. "Ich habe gute und schlechte Tage", schildert sie einst dem "Focus". Und, dass sie Antidepressiva nehmen muss. "Ich werde diese Mittel immer nehmen müssen. Jeden Tag. Die Medikamente fangen einiges ab."

Viele Jahre verschweigt sie ihre Krankheit. Nichts deutet darauf hin. Zwischen 2007 und 2013 gewinnt sie vier Mal den Gesamt-Weltcup, sechs Mal die Gesamtwertung in der Abfahrt und vier Mal die kleine Kristallkugel im Super-G sowie Gold in der Abfahrt bei Olympia in Vancouver 2010.

Privatleben leidet unter Ehrgeiz

Doch der hohe Druck und die große Aufmerksamkeit belasten sie, ihr gnadenloser Ehrgeiz gewährt keine Pausen. Das Privatleben leidet.

Ende 2011 gibt sie die Scheidung von Ehemann Thomas Vonn bekannt, den sie mit 23 heiratet. Der ehemalige Weltcupfahrer hilft ihr bis dahin mit strategischen Tipps für Rennen, kümmert sich um Organisatorisches.  "Das ist eine extrem schwierige Zeit in meinem Leben und ich hoffe, dass die Medien und meine Fans meine Privatsphäre in dieser Angelegenheit respektieren", sagt sie der "Denver Post" und besinnt sich auf das, was sie am besten kann: kämpfen.

Audi FIS Alpine Ski World Cup - Women's Super Giant Slalom
Lindsey Vonn ist mit 63 Siegen erfolgreichste Skirennfahrerin aller Zeiten © Getty Images

Wenige Tage später versöhnt sie sich mit Maria Höfl-Riesch. Ihrer damals größten Rivalin, aber auch besten Freundin im Weltcup. "Hier ist ein süßes Bild von mir und Maria am Start. Ich hoffe, wir werden Euch morgen vom Podium aus sehen", schreibt sie vor der Abfahrt in Lake Louise auf "Facebook".

Ein Materialstreit hat die Beiden zuvor entzweit, Vonn kommt nicht zur Hochzeit Höfl-Rieschs. Die Versöhnung ist ein erster Schritt, um Ihr Leben zu ordnen.

Vonn macht Depressionen öffentlich

Zum ersten Mal spricht sie öffentlich über ihre Depressionen. In einem Interview mit dem US-Magazin "People" erklärt sie im Dezember 2012, seit den Winterspielen 2002 in Salt Lake City an der Krankheit zu leiden. 2008 habe es eine Phase gegeben, erzählt sie, in der sie nicht mehr aus dem Bett kam. "Ich fühlte mich hoffnungslos, leer, wie ein Zombie. Ich konnte nicht einmal mehr heulen."

Eine Gesprächstherapie hilft ihr aus der Krise. Sie lernt, mit den Depressionen umzugehen - und Golfstar Tiger Woods lieben. Sie sind seit März 2013 das Glamourpaar des US-Sports. Dabei führen sie offenbar eine Beziehung, die nicht immer harmonisch ist. "Ich wusste nicht, auf was ich mich da eingelassen hatte", sagt sie der einmal "New York Times". Woods gilt als noch prominenter als sie - ein Problem für die als egozentrisch geltende Vonn. Ihr Ego kann sie bis heute nicht beiseiteschieben. Und doch ist es ihre größte Stärke.

"Immer Vollgas"

Nach dem spektakulären Unfall in Schladming zieht sie sich im November 2013 erneut einen Kreuzbandriss zu. Diesmal lässt sie ihr Kreuzband nicht operieren, sondern konservativ behandeln. Mit kaputtem Knie geht sie in die Saison 2013/'14, muss nach wenigen Rennen aufgeben und doch einer OP einwilligen.

Sie quält sich monatelang im Kraftraum, kehrt angriffslustig zurück. "Nein, ich habe keine Angst, wieder schnell zu fahren. Ich muss mich eher bremsen", erzählt sie Anfang Dezember im SPORT1-Interview. "Egal, ob schlechtes Licht ist oder schlechtes Wetter - ich fahre immer Vollgas!"

Niemals aufgeben

Das Verlangen nach Medaillen bei der Heim-WM in Vail und bei Olympia 2018 Pyeongchang treibt sie an. Dass sie die Spiele in Sotschi verpasst hat, ärgert sie bis heute. In Südkorea wird sie 33 sein.

"Die Michi Dorfmeister hat 2006 in Turin auch zwei Goldmedaillen mit fast 33 Jahren gewonnen. Es ist möglich, ich muss nur gesund bleiben", sagt sie im Gespräch mit SPORT1. "Es hilft für meine Geduld, dass ich weiß, dass ich in vier Jahren bereit sein muss." Ihr nächster Kampf steht an.

Als sie in Cortinna d'Ampezzo nach Weltcupsiegen mit der legendären Österreicherin Annemarie Moser-Pröll gleichzieht, schreibt Slalom-Olympiasiegerin Mikaela Shiffrin auf "Twitter": "Was hat uns Lindsey Vonn gelehrt? Niemals aufgeben!" Es ist längst Vonns Lebensmotto.

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