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Tim Wiese war von 2002 bis 2013 Profi-Torwart, bevor er eine Wrestler-Karriere einschlug © SPORT1-Grafik: Eugen Zimmermann/Getty Images

München - Im Interview mit SPORT1 spricht Tim Wiese über sein Wrestling-Debüt, seinen Kampfnamen "The Machine" und seine Vorbildrolle für die Jugend.

Tim Wiese kam, sah und siegte. Sein Wrestling-Debüt in der vergangenen Woche war ein voller Erfolg. "The Machine", wie sich Wiese als Wrestler nennt, lieferte. Bei Wrestling-Novizen wie bei Showkampf-Experten fiel die Bewertung seiner Leistung positiv aus.

Und noch mehr: Das erste Match des Ex-Nationaltorwarts im WWE-Universum löste einen riesigen Hype aus - im SPORT1-Interview spricht Wiese über sein Debüt im Ring.

SPORT1: Herr Wiese, ein paar Tage sind seit Ihrem Kampf vergangen. Sind Sie erleichtert, dass alles so gut geklappt hat?

Tim Wiese: Warum erleichtert? Was ich mir vornehme, das tritt dann auch so ein. Was ich mache, das mache ich zu 100 Prozent. Ich habe mich die ganzen Wochen absolut auf den Kampf konzentriert. Wenn um neun Uhr Training in Orlando war, dann war ich schon um halb neun da und bin als Letzter gegangen. So war das immer bei mir.
 Hinter all dem, was man im Ring von mir sehen konnte, steckt vor allem harte Disziplin, die Zusammenarbeit mit tollen Trainern und meinen Tag-Team-Partnern Cesaro und Sheamus. Da konnte nur ein Sieg bei rum kommen.

SPORT1: Das klingt sehr selbstbewusst.

Wiese: Alles, was ich mache, mache ich ganz oder gar nicht. Ich habe mir früher schon gedacht: Was willst du werden? Ich wollte Geld verdienen und habe immer von dicken Autos geträumt. Auf dem schulischen Weg zu einem großen Job zu kommen, wäre schwierig geworden, weil ich dann hätte Manager werden müssen. Ich habe mich für Fußball entschieden. Also fing das mit meiner Torwart-Laufbahn an und meine Eltern haben mich immer unterstützt. Ich habe von Beginn an brutalen Ehrgeiz gezeigt, ich war bereit, alles für meinen Traum vom erfolgreichen Fußballprofi zu geben und natürlich habe ich auch Talent gehabt. Das alles hat mich bis ins Tor der Nationalmannschaft gebracht.


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SPORT1: Was entgegnen Sie Ihren Kritikern?

Wiese: Grundsätzlich finde ich Kritiker gut, wenn es ihnen um die Sache geht. Dann höre ich auch zu und versuche, Dinge zu verbessern. Doch alle anderen Kritiker langweilen mich. Es sind auch keine Kritiker. Das sind Menschen, die nur andere scheitern sehen wollen. Sie neiden den Erfolg und hoffen, dass man irgendwann am Boden liegt. Diese Denke scheint in Deutschland inzwischen weit verbreitet zu sein. Jeder, der in der Öffentlichkeit steht, wird kritisiert. Jeder. Und die Neider, Besserwisser und angeblichen Kritiker verstecken sich hinter der Anonymität des Internets.

SPORT1: Sie nennen sich als Wrestler "The Machine". War das Ihre Idee?

Wiese: Nein, der Name kam von WWE und ist ein Zusatz zu meinem eigenen Namen. Das war mir wichtig, dass ich meinen eigenen Namen nicht verliere. Ich finde Tim Wiese - "The Machine" klasse. Er verkörpert alles, was mich auszeichnet: Stärke, Mut, Disziplin, Durchschlagskraft. Es ist einfach ein geiler Name. Jeder Junge wünscht sich doch, "The Machine" genannt zu werden, wenn er Sport treibt! Das ist absolut positiv gemeint. Dann ist man einer, der sich durchbeißt und nicht hängen lässt.

SPORT1: Wie geht es jetzt weiter?

Wiese: Es wird sicherlich weitere Trips in die USA geben, um dort zu trainieren. Ich bin ja erst ganz am Anfang und ich will noch viel mehr zeigen, zu was ich im Ring alles in der Lage bin. Der Producer sagte nach dem Kampf in Interviews, dass von "The Machine" noch einiges kommen wird. Ich halte mich aber zurück und sage: Lasst euch überraschen! Wenn Tim Wiese, "The Machine", gerufen wird, dann ist er da.


SPORT1: Haben Sie Blut geleckt?

Wiese: Ja, aber nicht erst durch das Match. Ich habe Wrestling schon in den 90er-Jahren verfolgt. Ich fand es immer schon klasse und war selbst sehr überrascht, als die Anfrage von WWE kam. Ich dachte erst, es sei ein Scherz. Wer so eine Chance bekommt, wäre blöd, nein zu sagen. Triple H selbst hatte mich aufgefordert, in Orlando zu zeigen, was ich drauf habe. Das habe ich getan. Das hätte jeder getan. Und dann bin nach Orlando und habe gezeigt, dass ich eine Chance verdient habe.

SPORT1-Reporter Reinhard Franke traf Tim Wiese nach seinem Wrestling-Debüt zum Interview in München

SPORT1: Wie haben Sie den Moment empfunden, in dem Sie in die Halle gekommen sind?

Wiese: Es war ein riesiger Adrenalin-Kick, der totale Wahnsinn, so viele Menschen hinter sich zu haben. Das war früher mit 20 in der Bundesliga schon so, doch heute ist es noch viel mächtiger. Das ist pure Gänsehaut. Im Gegensatz zum Fußball ist Wrestling Sport und Entertainment. Die Leute kommen, um eine Show zu erleben - und die bekommen sie bei mir. Die Wrestler geben alles, gehen an ihre körperlichen Grenzen, um die Menschen zu unterhalten, sie mitzureißen. Das verdient meinen größten Respekt. Und jetzt darf ich Teil dieser großartigen WWE-Familie sein.

SPORT1: Sie haben gesagt: "Wenn ich gerufen werde, gibt es Prügel", war das ein spontaner Spruch oder ist das Ihre Marschrichtung?

Wiese: Ich versuche, ein Match schnell zu beenden, kein Katz-und-Maus-Spiel mit meinen Gegnern. Wer sich mit mir im Ring messen will, muss mit dem Schlimmsten rechnen, schnell und hart.

SPORT1: Hatten Sie - seitdem Ihr Engagement als Wrestler bei WWE feststand - jemals Bedenken, dass etwas nicht klappen könnte?

Wiese: Wenn ich mir etwas vornehme, dann zu 100 Prozent. Ich bin absolut professionell, beim Training und auch sonst, daher hatte ich keine Bedenken, dass etwas schief gehen könnte.

SPORT1: Nervosität und Angst sind also Fremdwörter für Sie?

Wiese: Das kenne ich beides nicht.

SPORT1: Haben sich viele frühere Weggefährten bei Ihnen gemeldet?

Wiese: Ich hätte die Olympiahalle auch selbst voll machen können. Mehr Leute durften aber aus Sicherheitsgründen nicht rein gelassen werden.

SPORT1: Wie interpretieren Sie Ihre Rolle als Wrestler?

Wiese: Meine Aufgabe besteht ganz einfach darin, in den Ring zu steigen, meine Gegner hart und spektakulär zu besiegen und meinen Fans und den Zuschauern eine Riesen-Show zu bieten, mehr nicht.

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SPORT1: Sehen Sie sich als Vorbild für die Jugend? Wollen Sie die Botschaft vermitteln, wenn man etwas wirklich will, kann man alles schaffen?

Wiese: Ich will mich nicht als Vorbild darstellen. Ich zeige den Leuten und vor allem den Kids nur, dass man Träume wahr werden lassen kann. Doch du musst es unbedingt wollen, viel mehr als alles andere. Denn es wird einem nichts geschenkt, ganz im Gegenteil. Man muss sich durchbeißen und an sich glauben. Ich denke aber, ob jemand etwas durchzieht, hängt auch vom Typ ab. Nicht jeder bringt die Disziplin und die Kraft dafür auf.

SPORT1: Wie haben Sie die Stimmung am Roten Teppich und in der Halle wahrgenommen?

Wiese: Es war so viel los, ich kam mir vor wie auf der Grammy-Verleihung. Und in der Halle herrschte eine Atmosphäre, die ist mit der in einem Stadion gar nicht zu vergleichen. Im Stadion ist alles weiter auseinander, offener. Wenn die Leute direkt am Ring sind, ist es so laut, dass du deine eigenen Partner gar nicht verstehst.

SPORT1: Viele Leute waren verwundert über Ihr Outfit in Jeans und Unterhemd. Was hat es damit und mit Ihrer Rolle auf sich?

Wiese: Ich kann mir selbst aussuchen, was ich trage. Ich kann in Jeans kommen oder im rosa Höschen. Ich komme, wie ich will.

SPORT1: Sie haben gesagt: "Ich will keine Kinder, bringt mir Männer". Das war also nur der Anfang?

Wiese: Der Kampf war ein gutes Aufwärmprogramm und ein perfekter Einstieg, und unsere Gegner sind natürlich erfahrene Wrestler. Aber wenn ich mit meinen Teamkollegen Cesaro und Sheamus zusammen richtig durchgezogen hätte, dann weiß ich nicht, ob da noch einmal einer aufgestanden wäre. Das wäre auch für die Zuschauer blöd gewesen: kaum hingesetzt, schon zu Ende (lacht).

SPORT1: Waren Sie sehr überrascht, dass Sie so eine Performance hinlegen konnten?

Wiese: Nein! Ich weiß, was ich kann. Ich weiß, was ich trainiert habe in den letzten Monaten. Ich weiß, was meine Trainer mir beigebracht haben bei WWE, und deswegen war mir das bereits klar. Wenn ich verloren hätte, wäre ich im Ringboden versunken.

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SPORT1: Wo sehen Sie sich in Zukunft?

Wiese: Im nächsten James-Bond-Film. Der wird im nächsten Jahr gedreht, und da muss ich den Bösewicht spielen (lacht laut).

SPORT1: Viele wollen Sie als Fußballexperten oder sehen Sie in einem Job in der Medienwelt. Öffnen sich neue Türen?

Wiese: Es gibt viele Angebote. Ich habe mein Leben lang Fußball gespielt und habe bestimmt mehr Ahnung als alle Experten, die in ihrem Leben nie professionell Fußball gespielt haben. Die, die das wie ich tagtäglich gemacht haben, sollten häufiger zu Wort kommen. Es gibt aber so viele, die nur blabla machen und sich als Super-Experten sehen. Ich kann etwas zum Fußball sagen. Das war mein Beruf. Und ich sage es direkt, rede nicht um den heißen Brei herum. Manche Experten hören sich an wie Politiker oder Philosophen, dabei geht es nur um Fußball.


+++ Tim Wiese über Fußball - Teil 2 des großen SPORT1-Interviews gibt es am Mittwoch +++

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