Pezzaiuoli: „Fußballmacht China dauert“

Pezzaiuoli: „Fußballmacht China dauert“

Vor dem Halbfinale der Klub-WM gegen den FC Barcelona spricht Evergrande-Sportdirektor Marco Pezzaiuoli bei SPORT1 über seine Arbeit in China und nennt Superlative.

Marco Pezzaiuoli lebt gerade einen kleinen Traum. Einen fußballerischen zumindest.

Der ehemalige Co-Trainer von Ralf Rangnick bei 1899 Hoffenheim und spätere Chefcoach der Kraichgauer wurde 2014 Direktor Sport beim chinesischen Meister Guangzhou Evergrande. Mit großem Erfolg. Nachdem Pezzaiuoli angeheuert hatte, holte der Klub gleich den U-19-Titel.

Am Donnerstag spielt nun sein Verein im Halbfinale der Klub-WM gegen den FC Barcelona (ab 11.15 Uhr im LIVETICKER).

Im SPORT1-Interview spricht der 47-Jährige über das Duell gegen Barca und den Reiz seines Jobs in China. 

SPORT1: Herr Pezzaiuoli, wie groß ist die Vorfreude auf das Spiel gegen Barca?

Marco Pezzaiuoli: Es ist eine Ehre gegen Barcelona zu spielen, aber wir wollen uns in den 90 Minuten als Evergrande präsentieren, ein tolles und ein erfolgreiches Spiel bestreiten. Man hat in dieser Saison den Gewinn der Meisterschaft und AFC Champions League erreicht. Wir sind im Halbfinale der Klub-WM, das spricht für uns. Barcelona zählt mit Bayern München zu den besten Mannschaften der Welt.

SPORT1: Was sind genau Ihre Aufgaben bei Evergrande?

Pezzaiuoli: Ich bin als Direktor Sport für den Nachwuchsbereich der Akademie zuständig und trainiere die Topmannschaften der U 19, U 18, U 17 im Nachwuchsbereich von Evergrande und der Guangdong Provinz.

DEINE MEINUNG

SPORT1: Sie waren 2014 zuerst in Osaka in Japan. Wie kamen Sie dann zu dem Job in China bei Guanzhou?

Pezzaiuoli: Evergrande ist damals auf mich zugekommen, ob ich Interesse hätte. Ich hatte ein sehr interessantes und überzeugendes Gespräch mit Marcello Lippi (früherer Nationaltrainer Italiens, d. Red.) und habe mich dann in Absprache mit der Familie für den Job entschieden. Das Trainingszentrum liegt außerhalb von Guanzhou und man ist da schon etwas von der Außenwelt abgeschnitten.

SPORT1: Wie sind die Arbeitsbedingungen?

Pezzaiuoli: Von der Infrastruktur hat man als Trainer alles, was man braucht. Es ist die größte Akademie der Welt mit 3000 Kindern und 21 hauptamtlich spanischen Trainern. Man hat 50 Plätze zur Verfügung mit allem, was das Herz begehrt: Gymnastik-Hallen, Fitnessstudio, kleine Fußball-Courts mit Rundum-Bande und Rasenflächen. Ein Paradies für jeden Trainer.

SPORT1: Wie läuft das Scouting?

Pezzaiuoli: Das Scouting ist nur in ganz China möglich. Wir können keine externen, ausländischen Spieler im Nachwuchsbereich holen. Wir scouten bei allen Turnieren, das fängt schon bei den Siebenjährigen an. Die Verpflichtung generell ist sehr schwer, weil die Spieler streng zu einem ganz alten System der Stadt oder der Provinz gehören. Man muss für den kleinsten Jugendlichen schon Ablöse bezahlen. Und das ist nicht sehr wenig.

SPORT1: Wie ist das Niveau der Spieler?

Pezzaiuoli: Wir haben ein hohes Niveau in der ersten Mannschaft in Asien und dementsprechend schwerer ist es auch Spieler im älteren Bereich zu holen, weil die schon eine gewisse Qualität und Perspektive haben müssen. Wir verpflichten keine Spieler, nur um eine Mannschaft zu verstärken, sondern die auch den Sprung zur ersten Mannschaft schaffen.

1899 Hoffenheim Training Session
1899 Hoffenheim Training Session

SPORT1: Wie sind Ihre Zukunftspläne?

Pezzaiuoli: Mein Vertrag läuft bis 2017 und ich habe kurzfristig gedacht. Ich will die Akademie jetzt begleiten, um Grundstrukturen im Trainingsbereich zu legen und Philosophien zu erarbeiten. Alles soll durchlässig sein bis zu den Kleinsten. Es wird eine Basis gelegt, dann sehe ich weiter, ob es wieder in die Heimat geht, meine Frau wohnt mit unseren Kindern noch in Heidelberg. Die nächsten zehn Jahre werde ich nicht in China sein, weil es nicht möglich war die Familie mitzunehmen.

SPORT1: Kann China irgendwann Fußballmacht werden?

Pezzaiuoli: China als Fußballmacht? Das dauert noch. Fußball kommt zwar jetzt in den Schulen als Pflichtfach dazu, aber die Strukturen sind einfach 30 Jahre hinten dran. Ich war 2002 in Korea, war in Japan und China ist im Nachwuchsbereich viel weiter zurück, weil es noch keinen wöchentlichen und regelmäßigen Spielbetrieb gibt. Wir spielen im Drei-Monats-Rhythmus, weil China zu groß ist. In zehn Tagen gibt es sieben Spiele. Das ist eine wahnsinnige Belastung und das ist für junge Spieler kontraproduktiv. Es gibt in China einige Vereine, die Wert legen auf gute Ausbildung im Nachwuchsbereich, aber letztendlich zählen auch nur der kurzfristige Erfolg und das kurzfristige Geld.